Daniel Stelter

Demografischer Wandel - da hilft nur eine Tech-Offensive Zuwanderung ist die falsche Strategie

Roboter-Rezeptionist des japanischen Herstellers Kokoro: Statt auf einen Ersatz menschlicher Arbeitskraft durch Zuwanderung zu hoffen, sollten wir wie Japan auf eine deutliche Automatisierung setzen.

Roboter-Rezeptionist des japanischen Herstellers Kokoro: Statt auf einen Ersatz menschlicher Arbeitskraft durch Zuwanderung zu hoffen, sollten wir wie Japan auf eine deutliche Automatisierung setzen.

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Daniel Stelter
Foto: Robert Recker/Berlin

Daniel Stelter ist Gründer des auf Strategie und Makroökonomie spezialisierten Diskussionsforums "Beyond the Obvious"  und Unternehmensberater. Zuvor war Stelter von 1990 bis 2013 bei der Boston Consulting Group (BCG), zuletzt als Senior Partner, Managing Director und Mitglied des BCG Executive Committee. Sein neues Buch "Ein Traum von einem Land - Deutschland 2040" ist am 10. Februar 2021 erschienen.
Twitter: @thinkBTO 

Am Sonntag machte der in Berlin erscheinende "Tagesspiegel" erneut mit dem Thema Zuwanderung auf. Der Politikwissenschaftler Herfried Münkler durfte erläutern, dass die Aufnahme und Unterstützung der Flüchtlinge aus Syrien eine humanitäre Aufgabe sei, notwendig schon alleine, weil wir militärisch vor Ort nicht helfen könnten.

Damit nicht genug. Er betonte den ökonomischen Nutzen der Zuwanderung, da Wirtschaft und Sozialsysteme wegen der demografischen Entwicklung auf Zuwanderung angewiesen seien. Bundeskanzlerin Merkel hätte auf diesen ökonomischen Nutzen für uns von Anfang an deutlicher hinweisen müssen, so der Wissenschaftler.

Erneut also der Versuch, uns einen ökonomischen Nutzen zu suggerieren, der bei einer nüchternen und sachlichen Analyse selbst im optimistischen Fall nie eintreten wird. Die Zuwanderung wird, anders als politisch motiviert und medial immer wieder betont, eben keinen ökonomischen Nutzen bringen. Schon vor der aktuellen Zuwanderungskrise hat dies die Bertelsmann Stiftung aufgezeigt. Auch andere Analysen, die schon seit Monaten vorliegen, zeigen dies eindeutig. Die Zuwanderung, die wir heute erleben, wiederholt nicht nur die Fehler früherer Einwanderungsperioden, sondern potenziert sie.

Zuwanderung löst demografisches Problem nicht

Doch nehmen wir mal an, die Hoffnung des ökonomischen Nutzens träfe zu. Die Neubürger würden eine ähnliche Produktivität pro Kopf erzielen, wie die bereits hier lebenden Menschen und damit die Folgen der Alterung kompensieren. Die Qualifikation entspräche also dem durchschnittlichen Niveau und die Zuwanderer ließen sich problemlos in den Arbeitsmarkt integrieren, wo sie die Stellen besetzen, die frei geworden sind, weil die bisherigen Stelleninhaber ihr Rentnerleben genießen. In diesem Szenario wäre in der Tat das heutige Sozialstaatsniveau gesichert. Ohne die Belastung der aktiven Bevölkerung weiter zu erhöhen, könnten wir den Lebensabend der Älteren finanzieren. Alle Probleme wären gelöst und die Politiker hätten eine elegante Lösung gefunden, um die Folgen der jahrzehntelangen falschen Renten- und Sozialstaatspolitik zu kaschieren.

Die Sache hat nur einen Haken: Auch Zuwanderer werden älter. Irgendwann wollen auch die heutigen Zuwanderer in Rente gehen und von den staatlichen Leistungen - die dann wieder eine neue Generation von Jüngeren erwirtschaften muss - profitieren. Obwohl die Geburtenrate bei den Zuwanderern über der deutschen liegt, zeigen die bisherigen Erfahrungen, dass auch diese über Zeit zurückgeht.

Umgekehrt bedeutet dies: Wer auf die "Rettung" der Sozialkassen durch Zuwanderung setzt, wie dies Münkler tut, setzt auf eine dauerhafte Fortsetzung der Zuwanderung in unverändertem Tempo. Münkler scheint dies auch so zu sehen, fordert er von den Deutschen doch auch, "eine veränderte Identität zu entwickeln". Deutschland kann das bestehende Sozialstaatsprinzip, was letztlich nichts anderes als ein großangelegtes Ponzischema ist, nur retten, wenn es anhaltende Zuwanderung propagiert und realisiert.

Nicht nur Deutschland überaltert

Nicht nur die Annahme bezüglich der Qualifikation und Integrierbarkeit ist heroisch. Ebenso naiv ist der Glaube, in einer Welt die immer älter wird, über Zuwanderung die eigenen Probleme zu lösen.

Deutschland ist nämlich nicht alleine. Im Jahre 2015 lag nach Zahlen der Vereinten Nationen bereits in 30 Ländern der Welt der Anteil der über 65jährigen an der Bevölkerung über dem Anteil der unter 15jährigen. Neben Deutschland war dies beispielsweise in Japan, Italien, Frankreich, Portugal, Spanien, Holland, Österreich, Schweden und Polen der Fall. Bis 2030 folgen unter anderem China, die USA, Großbritannien und Russland.

Auch klassische Einwanderungsländer wie Australien und Neuseeland werden nach dieser Projektion im Jahr 2030 zu den dann 56 Ländern weltweit gehören, in denen die Alten die Jungen zahlenmäßig übertreffen. Weltweit wird dies übrigens im Jahre 2075 der Fall sein! Zum ersten Mal seit Menschengedenken wird dann der Anteil der über 65jährigen an der Weltbevölkerung über dem Anteil der unter 15jährigen legen. Wer also auf die Lösung der Probleme des demografischen Wandels durch Zuwanderung setzt, muss vieles gleichzeitig glauben:

  • Dass die Zuwanderer in der Qualifikation dem Schnitt der bereits hier lebenden Bevölkerung entspricht oder darüber liegt
  • Dass die Integration problemlos funktioniert
  • Dass die hier geborenen Menschen hier bleiben und nicht von anderen Regionen abgeworben werden.
  • Dass es auch in Zukunft gelingt, im globalen Wettbewerb jene Zuwanderer anzuziehen, die den oben genannten Kriterien entsprechen

Doch selbst wenn dies alles gelingen würde - wofür nun wahrlich nichts spricht - käme irgendwann doch der Punkt, wo auch bei uns das gilt, was dann weltweit gilt: Die Folgen der Alterung wären nicht mehr zu leugnen.

Lieber der Erste, der es merkt, als der Letzte

Wenn also Zuwanderung nur das Problem verschiebt, ohne es zu lösen und die Herausforderung eine globale ist, nicht nur eine deutsche, ist es dann wirklich vernünftig auf Zuwanderung zu setzen? Bei fundamentalen Technologiewandeln gehen jene Firmen unter, die auf Verteidigung setzen. Kodak ist Geschichte, Fuji ein Erfolg. Obwohl Kodak die Digitalkamera erfunden hat, konnte das Unternehmen nicht den Wandel zur neuen Technologie bewältigen. Fuji hingegen setzte konsequent auf neue Geschäftsfelder und steht heute hervorragend da.

Wer glaubt, durch Zuwanderung die Probleme zu bewältigen, verfolgt den Weg von Kodak. Bei Kodak dauerte es rund 20 Jahre bis zum Niedergang. So lange wird es in Deutschland nicht dauern, bis das Scheitern der Zuwanderungspolitik als Lösung für den demografischen Wandel offensichtlich wird. Zu sehr klaffen Wunsch und Wirklichkeit bezüglich Qualifikation und Integrationserfolgen auseinander.

Statt dem Kodak-Weg zu folgen, sollte Deutschland dem erfolgreichen Vorbild von Fuji nacheifern. Statt einen aussichtslosen Weg zu folgen, einen neuen definieren. Wie dieser aussehen kann, ist unschwer zu erraten. Statt auf einen Ersatz menschlicher Arbeitskraft durch Zuwanderung zu hoffen, sollten wir wie Japan auf eine deutliche Automatisierung setzen.

Bisher dominiert bei uns die Angst vor den Folgen der absehbaren Automatisierungswelle. So berichtete Kollege Henrik Müller schon vor einiger Zeit: "Eine Studie der Oxforder Forscher Carl Benedikt Frey und Michael Osborne kommt zu dem Ergebnis, dass durch die digitale Revolution 47 Prozent der heutigen US-Arbeitsplätze gefährdet sind"; in anderen westlichen Ländern dürften die Dimensionen ähnlich sein. Beispiele? Taxifahrer, die Verlegenheitsbeschäftigten unter den Jobsuchenden, werden nicht mehr gebraucht, wenn selbstfahrende Autos erst zum Standard geworden sind. Vollautomatische Frachtschiffe machen Crew und Captain überflüssig. Einfache Smartphones werden per Spracherkennung zum Diktier- und Transkriptionsgerät; Sekretärinnen, die bislang Diktate abgetippt haben, müssen sich andere Aufgaben suchen. Kriege werden mit Drohnen und selbstlenkenden Cruise Missiles geführt. Roboter, die Haus- und Putzfrauentätigkeiten ersetzen, erobern Haushalte. Bestimmte Handwerker-Arbeiten werden durch 3D-Drucker überflüssig, Fahrradkuriere durch selbststeuernde Logistikdrohnen, Hochschullehrer durch internetbasierte E-Universitäten. Deutschland ist für die digitale Revolution nicht gerüstet.

Diese technologische Revolution ist jedoch nur dann eine Bedrohung, wenn man einen Wegfall von bestehenden Arbeitsplätzen fürchtet. In einer Gesellschaft hingegen, in der die Arbeitsplätze aufgrund von Alterung nicht mehr besetzt werden können, nehmen Roboter und Computer niemanden Arbeit weg. Jene Länder in denen - wie bei uns - der Wandel früher einsetzt als im Rest der Welt, sollten den Anpassungsdruck als Chance begreifen und auf Automatisierung setzen. Die Erfolgswahrscheinlichkeit ist schon auf kurze Sicht deutlich höher, auf lange Sicht gibt es keine Alternative. Wer den Wandel als Erster vollzieht, dürfte die Grundlage für langfristigen Wohlstand legen und der Lieferant von Automatisierungstechnik für die Welt werden. Japan setzt bereits auf diesen Weg. Bei einer sehr restriktiven Einwanderungspolitik wird massiv in Roboter und Automatisierung investiert. Japan will Olympische Spiele für Roboter.

Setzen wir weiter auf Zuwanderung als temporäre Problemlösung, verschleppen wir nicht nur den ohnehin erforderlichen Wandel, sondern erschweren ihn sogar noch. Wir holen Menschen ins Land, die aufgrund ihres Qualifikationsniveaus am stärksten von dem ohnehin nicht zu verhindernden technologischen Wandel bedroht sind. In der Folge werden die Sozialkosten für diese Bevölkerungsgruppe auf einem hohen Niveau verharren und statt der Reduktion des gigantischen Finanzierungsdefizits - immerhin auf runde 400 Prozent des deutschen Bruttoinlandsprodukts geschätzt - wie von Optimisten wie Herfried Münkler erhofft, wächst die Belastung sogar noch.

Humanitäre Hilfe können wir umso besser erbringen, je leistungsfähiger unsere Wirtschaft und die Sozialsysteme sind. Nur dann können wir denen helfen, die unsere Hilfe wirklich brauchen. Sowohl bei uns und wie in den Heimatregionen. Die Antwort muss deshalb lauten: Statt einen unumkehrbaren Trend zu verzögern, konsequent auf Automatisierung und Technologie setzen. Fuji statt Kodak.

Daniel Stelter ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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