Wurstgate bei Daimler - die wichtigsten Fragen Was Sie zum Wurst Case bei Daimler wissen müssen

Wurstgate bei Daimler: Der Fall definiert die deutsche Aktionärskultur neu

Wurstgate bei Daimler: Der Fall definiert die deutsche Aktionärskultur neu

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Aufruhr bei Daimler: Während der Hauptversammlung in Berlin stritten sich Daimler-Aktionäre um die Würstchen am Buffet, 12.500 "Saitenwürschtle" reichten für 5500 angereiste Aktionäre offenbar nicht aus. Ein Aktionär packte wiederholt Würstchen in eine mitgebrachte Tasche - Daimler-Chefaufseher Manfred Bischoff ließ die Polizei rufen, um den Aktionärsaufstand zu schlichten.

Der Fall definiert nicht nur die deutsche Aktionärskultur neu, er gibt auch tiefe Einblicke über das strategische Verhalten von Aktionären und Unternehmensführung. Wir beantworten die wichtigsten Fragen zu Daimlers "Würstchengate".

Kurzfristig muss sich Daimler darauf konzentrieren, drohende Klagen in Deutschland und den USA abzuwehren. Gestern erreichte uns das Schreiben einer angesehenen Hamburger Kanzlei, die eine Sammelklage prüft: Einige der von der Kanzlei vertretenen Daimler-Aktionäre berichteten, dass sie aufgrund der Unterversorgung und der daraus folgenden Hungergefühle nicht mehr in der Lage waren, den Beiträgen auf der Hauptversammlung in dem erforderlichen Maße Aufmerksamkeit zu schenken. Daher werde geprüft, ob eine Anfechtung der Hauptversammlungsbeschlüsse in Frage komme. Zudem würde man auch Klage auf Herausgabe der entgangenen Saitenwürtschle erheben. Doch es könnte noch dicker kommen.

Was droht Daimler wegen "Wurstgate" nun in den USA?

Was droht Daimler wegen "Wurstgate" nun in den USA?

Zum Glück fand die Hauptversammlung von Daimler in Berlin und nicht in Los Angeles statt. Hätte man sich auf US-Territorium gewagt, die ersten milliardenschweren Aktionärs-Sammelklagen wären bereits in Vorbereitung. Wie aus US-Justizkreisen zu vernehmen ist, hat Daimler seine Aktionäre gleich in mehrfacher Hinsicht getäuscht:

1) Daimler hat in der Einladung zur Hauptversammlung seine Aktionäre nicht darüber aufgeklärt, dass der Vorrat an Würstchen begrenzt ist. Der Hinweis "Die Menge an Würstchen, die Sie auf unserer Hauptversammlung zu sich nehmen können, variiert, je nachdem, zu welchem Zeitpunkt Sie an das Buffet herantreten. Ein zu spätes Aufsuchen des Buffets kann zu einem Totalverlust des Würstchenvorrats führen." Dieser Hinweis hätte in deutscher und englischer Sprache sowohl in der Einladung als auch in kleinen Aufstellern vor den Buffettischen angebracht werden müssen.

2) Mit der Aussage, es habe sich um "Saitenwürschtle" gehandelt, hat Bischoff die Aktionäre zusätzlich verunsichert. Eine Brühwurst im Saitling, wie sie auf der Daimler-Hauptversammlung gereicht wurde, ist auch als "Wiener Würstchen", "Frankfurter Würstchen", oder "Krenwürstchen" bekannt. Es gebe Hinweise, dass regionale Minderheiten durch die verkürzte Darstellung "Saitenwürschtle" in die Irre geführt und diskriminiert worden sein könnten, heißt es aus Kreisen der US-Aufsicht. Für den im schwäbischen Calw geborenen Bischoff spricht immerhin, dass er es zum Zeitpunkt seiner Aussage einfach nicht besser wusste.

Wer war der Wurstfinger? Die Spur führt nach Schwaben

Die Identität des Aktionärs, der eine größere Zahl Würstchen in seine mitgebrachte Tasche packte, wurde leider noch nicht geleakt. In Polizeikreisen wurde jedoch nicht der Annahme widersprochen, dass der Wurst-Rebell aus dem Raum Stuttgart stammen könnte: Unter den 5500 Aktionären in Berlin waren auch zahlreiche Belegschaftsaktionäre, die seit Jahren beim Daimler in Stuttgart schaffen.

Noch wichtiger ist der Hinweis, dass man für einen solchen Würstchen-Zugriff vorbereitet sein, also mit mehreren Tragetaschen, besser noch Kühltaschen ausgerüstet sein muss. Ein Aktionär aus dem Großraum Berlin dürfte kaum mit derlei Equipment angereist sein. Dagegen dauert die Bahnfahrt von Stuttgart nach Berlin zwischen 5 und 6 Stunden, mit dem Supersparpreis (ohne ICE) kann es sogar noch länger dauern. Die Hinweise verdichten sich, dass der Wurst-Rebell sich für eine lange Heimfahrt habe bevorraten wollen.

Einen weiteren Hinweis liefert der Tatverlauf: Gut möglich, dass ein Aktionär aus Berlin den Wurstrebellen auf frischer Tat ertappte und es dann zu dem Wortgefecht mit verschiedenen Beleidigungen kam, das von der Polizei geschlichtet werden musste. Stell dir mal vor, du kaufst jahrelang deine Schrippen in Berlin, musst dir in der Auslage immer mehr "Wecken" anschauen, und dann steht da genau zur Mittagszeit einer von denen vor dir in der Reihe und schafft "Saitenwürschtle" auf die Seite. Da kannst du doch schon mal die Nerven verlieren, wa?

Wie viele Würstchen braucht ein Daimler-Aktionär?

Diese Frage ist sehr komplex. Sie hängt stark davon ab, zu welchem Zeitpunkt ein Daimler-Aktionär seine Aktien gekauft hat. Angenommen, der Aktionär kaufte vor exakt 3 Jahren Daimler-Aktien, dann kann er sich bis heute über 50 Prozent Kursplus plus Dividenden freuen und ist auf Würstchen überhaupt nicht angewiesen.

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Börsenjahr 2016: Die Gewinner und Verlierer im Dax

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Aktionäre, die jedoch bei Daimler im Mai 1998 zugegriffen haben, als Ex-Daimler-Chef Jürgen Schrempp mit Daimler und Chrysler einen weltumspannenden Wurstkonzern formen wollte, haben bis heute rund 40 Prozent Kursverluste erlitten. Berücksichtigt man in einer groben Überschlagsrechnung die in Geld gezahlte (die gibt's auch noch) Dividende, reduziert sich der Verlust auf etwa 20 Prozent. Bei einem Einsatz von 5000 Euro sind das nach 18 Jahren etwa 1000 Euro Verlust. Wenn wir von einem Durchschnittspreis von 1 Euro für ein anständiges Saitenwürschtle ausgehen, müsste der Wurstrebell rund 1000 Würstchen in Form einer Naturaldividende beiseiteschaffen.

Daimler jedoch, ganz Sparfuchs, hat nur mit 12.500 Würstchen für insgesamt 5500 Aktionäre kalkuliert: Zieht man von den 5500 Besuchern die Vegetarier, den Daimler-Vorstand und seine Anwälte sowie die Aktionäre mit Zwischenfragen an den Vorstand ab, bleiben grob gerechnet rund 4000 Aktionäre am Buffet, also grob 3 Würstchen pro Aktionär. Ein Schrempp-Geschädigter, der sich seine Verluste in Form einer Naturaldividende zurückholen wollte, müsste also die nächsten 333 Jahre die Daimler-Hauptversammlung besuchen - oder, Möglichkeit 2, Daimler müsste den Vorrat an Würstchen deutlich aufstocken.

Der Wurst-Rebell könnte auch die heute gezahlte Dividende von 3,50 Euro je Aktie dafür verwenden, Würstchen zu kaufen. Bei Aldi und Lidl kommt man dafür ziemlich weit.

Vorbild Finanzinvestoren - warum der Wurstrebell rational gehandelt hat

Mit gutem Benehmen hat das Verhalten des Wurst-Rebellen nicht viel zu tun - aus Aktionärssicht hat der Mensch jedoch äußerst rational gehandelt. "Nimm, was du kriegen kannst", lautet ein Leitmotiv unter Investoren - und Finanzinvestoren haben dieses Motto erfolgreich perfektioniert.

Auch ein Finanzinvestor wie Permira hat sich regelmäßig hohe Sonderausschüttungen genehmigt, bevor man das Investment beim Modehersteller Hugo Boss mit einem zufriedenen kleinen Rülpser weiterverkaufte - und den älteren Lesern ist auch noch das "Heuschrecken" Zitat von Franz Müntefering in Erinnerung: "Sie grasen ab und ziehen weiter". Genau.

Weniger Würstchen - was der Fall für Daimlers künftige Strategie bedeutet

In einer ersten Reaktion auf Wurstgate hat Chefaufseher Manfred Bischoff schon Daimlers vorläufige Verteidigungslinie ausgegeben: "Entweder wir brauchen mehr Würstchen oder wir schaffen die Würstchen ganz ab". Damit hat Bischoff, der alte Fuchs, auch ganz nebenbei ein neues Thema für die Corporate-Governance-Debatte in deutschen Konzernen aufgetan: Mehr Würstchen bei Daimler, das kann doch eigentlich niemand wollen.

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Verpflegung bei der Hauptversammlung: Was Aktionäre vorgesetzt bekommen

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Die Spieler von Real Madrid haben gestern gegen Wolfsburg gespielt "wie eine Wurst", wie der Fußballer verächtlich sagt. Man braucht nicht mehr Würstchen in Deutschlands Konzernen - der Trend geht zu weniger Würstchen bis hin zu einer Null-Toleranz-Politik gegenüber Würstchen. Da Daimler-Chef Zetsche die jüngsten Zielvorgaben bei Daimler äußerst konsequent umgesetzt hat, kann das nur bedeuten: Würstchen abschaffen.

Keine Würstchen also bei der Daimler-Hauptversammlung 2017 - damit würde Daimler den Trend zur Minimalverpflegung, der bei den Hauptversammlungen der Dax-Konzerne seit Jahren zu beobachten ist, auf die Spitze treiben und auf ein neues Level hieven. Fokus aufs Wesentliche. Und ganz nebenbei ist auf Daimlers Wurstgate gleich ein Deckel drauf.

Wie wird der Wurst War international aufgenommen?

Erwartungsgemäß lässt der Fall gerade die angelsächsischen Medien, wo Deutschland und Wurst häufig ein Wortpaar bilden, nicht unberührt. Die US-Wirtschaftswebsite Quartz etwa ordnete den Vorfall in ihrem morgendlichen Newsletter als "food fight" ein.

Die immer sehr um Sachlichkeit bemühte Nachrichtenagentur Bloomberg erkennt im ersten Satz ihres Nachrichtentextes die wirtschaftliche Dimension des Wurst-Wars : "Zeitgleich mit der Verabschiedung der höchsten Dividende in der Konzerngeschichte", hält die Agentur mit unbestechlicher Kühle fest, "starten zwei Investoren auf der Hauptversammlung einen Kampf um Gratis-Würstchen." Die beiden Autorinnen nutzen den Vorfall, um intime Kenntnisse der deutschen Wirklichkeit in die Welt zu tragen, indem sie vorrechnen, die Dividende von 3,25 Euro würde für "ein Doppelpack Würstchen bei Aldi" reichen.

Einziger kleiner Fauxpas: Bloomberg bebildert ihre Geschichte, die von vielen internationalen Medien veröffentlicht wurde, mit Bratwürstchen. Dabei handelte es sich beim Gegenstand der Auseinandersetzung doch, wie Aufsichtsratschef Manfred Bischoff auf dem Aktionärstreffen zu Protokoll gab, um "Saitenwürschtle".

Auch die Wall Street beschäftigt der Vorfall: Der US-Internetdienst "Dealbreaker", der vor allem von den Finanzarbeitern an der Wall Street gelesen wird, rechnet vor: Bei 12 500 Würstchen auf 5500 Aktionäre sei ein Kampf absehbar gewesen . 2,7 Würste pro Anteilseigner für eine Tagesveranstaltung seien einfach nicht ausreichend - selbst wenn man die Zahl der Würstchen pro Besucher abzüglich der Vegetarier auf 3 aufrunden kann. Man könne, so Senior Editor Thornton McEnery, seine Eigentümer nicht "wie Griechen" behandeln.

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Verpflegung bei der Hauptversammlung: Was Aktionäre vorgesetzt bekommen

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