Montag, 24. Februar 2020

Daimler-Chef Källenius präsentiert Zukunftsstrategie "Die nächsten drei Jahre werden ein Sack voll Arbeit"

Daimler-Chef Ola Källenius: "Personalabbau nicht mit dem Rasenmäher"

Der Jahresgewinn: Auf ein Drittel eingebrochen. Die Dividende: Von 3,25 Euro je Aktie abgesackt auf 90 Cent. Die Mitarbeiterprämien: Auf rund 1000 Euro abgestürzt nach rund 5000 Euro im Jahr zuvor. Daimlers seit Mai 2019 amtierender Chef Ola Källenius hat - man kann es nicht anders sagen - einen katastrophalen Start hingelegt.

Während der Jahrespressekonferenz probiert es der Schwede deshalb mit einem für einen CEO eher ungewöhnlichen Schritt: Er hält eine freie Rede, ohne Redemanuskript oder Teleprompter, gestützt von Folien. Im blauen Anzug und weißen Hemd erklärt Källenius in der Stuttgarter Carl Benz Arena, wohin er den Autohersteller in der Zukunft führen will - und was im vergangenen Jahr die größten Probleme waren.

"Die finanziellen Ergebnisse des Jahres 2019 sind nicht Ergebnisse, die wir in der Zukunft sehen wollen", stellt Källenius gleich zu Beginn klar. Kein Wunder, nach insgesamt vier Gewinnwarnungen seit seinem Amtsantritt. "Das reicht nicht, das ist auch nicht etwas, was ich akzeptiere in der Zukunft", sagt der Daimler-CEO.

Vieles davon sei allerdings Sondereffekten geschuldet gewesen, erklärt Källenius das schlechte Zahlenwerk. Den größten Anteil am gesunkenen Ebit, nämlich Zusatzkosten in Höhe von 5,4 Milliarden Euro, hätten Rückstellungen für Diesel-Klagen und Rückrufe von Airbags des Zulieferers Takata gehabt, so Källenius. Aber auch die Entscheidung, die X-Klasse einzustellen, schlug mit 800 Millionen Euro eher teuer zu Buche. Und auch die Zusammenlegung der Carsharing-Aktivitäten mit dem Konkurrenten BMW und der Rückzug aus US-Städten hätten einen nicht näher bezifferten Betrag gekostet.

Aber jetzt - und diese Botschaft wiederholt Källenius mehrfach - sei man wieder auf dem richtigen Weg. Die Maßnahmen zur Kostenreduzierung hätten im zweiten Halbjahr 2019 bereits Wirkung gezeigt. Die zuletzt gesenkte Prognose bestätigt der Daimler-Chef mehrfach. Daimler will in diesem Jahr das Gruppen-Ebit und den Free Cash-Flow "signifikant steigern", so Källenius.

"Personalabbau machen wir nicht mit dem Rasenmäher"

"Ich bin Realist: Die nächsten drei Jahre werden ein Sack voll Arbeit", drückt es Källenius an einer Stelle aus. Viel Arbeit sei noch an den Kostenstrukturen zu tun. Im Personalbereich will Daimler Börsen-Chart zeigen ab 2022 jährlich 1,4 Milliarden Euro sparen. Aber Källenius drückt sich dabei um eine klare Antwort, ob nun 10.000 oder, wie jüngst in Medien spekuliert, sogar 15.000 Stellen abgebaut werden sollen.

"Den Personalabbau machen wir nicht mit dem Rasenmäher, sondern intelligent", verspricht Källenius. Mit der Arbeitnehmerseite gebe es eine Vereinbarung, ein Gros des Stellenabbaus und damit auch ein Großteil der Kosten fällt in den kommenden zwei Jahren an.

In die wichtigen Zukunftsbereiche, vor allem in die Elektromobilität, werde Daimler aber weiterhin ordentlich investieren. Zur schmerzhaft gekürzten Dividende erklärt Källenius nur, dass Daimler seiner Politik treu bleibe, 40 Prozent des Nettogewinns an die Aktionäre auszuschütten.

Källenius bleibt mit Krisenplänen noch vage

Was er konkret ändern will, um Daimler erfolgreich in die Zukunft zu führen - das bleibt noch immer etwas im Unklaren. Zwar wirft Källenius durchaus ehrgeizige Ziele in den Raum. So will er etwa den Absatz von reinen Elektromodellen und Plugin-Hybriden, die im vergangenen Jahr für 2 Prozent des Daimler-Absatzes standen, in diesem Jahr mehr als vervierfachen. In diesem Jahr sollen der Anteil dieser Fahrzeuge 9 Prozent am Gesamtabsatz an. Auch die Verkaufszahlen von sparsameren Mildhybrid-Motorisierungen, die im vergangenen Jahr in 200.000 Daimler-Fahrzeugen verkauft wurden, will er in diesem Jahr verdoppeln.


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All das soll helfen, in den kommenden Jahren in die "CO2-Compliance reinzukommen", wie es Källenius ausdrückt - also die CO2-Emissionsvorgaben in den großen Märkten zu erreichen. Für 2020 kann Källenius allerdings für Europa nicht versprechen, ohne Strafzahlungen auszukommen. Denn die industrielle Fertigung von Batterien sei dabei "die größte Herausforderung".

Wegen fehlender Batterien konnte Daimler zeitweise die Nachfrage beim Elektromodell EQC nicht bedienen. Aussagen des Vorstands, die Zellen in der gewünschten Qualität und Menge zu bekommen, nannte Daimlers Betriebsratschef Michael Brecht im Interview mit dem manager magazin kürzlich als "fast schon naiv".

Aktuell sei Daimler auf dem richtigen Weg, wiederholt dagegen der Vorstandschef fast schon beschwörend. Aussagen zu konkreten Maßnahmen für Einsparungen - damit geizt Källenius auch bei dieser Pressekonferenz. Man prüfe sämtliche Baureihen und Modelle auf ihre Ertragspotenziale, erklärt er sehr gewunden. Ob Mercedes nun das S-Klasse-Coupé oder -Cabrio streicht, dazu verlautet von Källenius erstmal nichts.

Dass es in der Autowelt auch anders und konkreter geht, bewies etwa PSA-Chef Carlos Tavares. Der erklärte vor einigen Jahren, die Hälfte aller damaligen PSA-Modelle zu streichen, und hielt Wort.

"Das Beste oder Nichts" - Werbespruch ist Geschichte

Zu solchen klaren Ansagen kann sich Källenius in aller Öffentlichkeit nicht durchringen. Seiner Rede merkt man an, dass sie wohlüberlegt und gut geprobt war. Er macht klar, dass viel Arbeit und Einsparungen bei Daimler nötig sind. Aber er gibt wenig preis, woran er sich später messen lassen müsste.

Doch eines scheint bei Daimler erstmal Geschichte zu sein: Der Werbespruch "Das Beste oder Nichts". Den erwähnt der neue Daimler-Chef kein einziges Mal. Der hohe Anspruch seines Unternehmens sei, "Architekt für Mobilität" zu sein, sagt Källenius an einer Stelle. Das ist zwar ambitioniert - aber doch ein, zwei Stufen unterhalb des kompromisslosen Claims aus der Ära seines Vorgängers Dieter Zetsche.

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