Freitag, 15. November 2019

Streit um Corporate Governance Kodex Wenn Drachentöter im Elfenbeinturm leben

Rolf Nonnenmacher, ehemaliger Sprecher des Vorstandes des Wirtschaftsprüfungsunternehmens KPMG

Die Reformpläne zur Runderneuerung des Deutschen Corporate Governance Kodex haben in der Wirtschaft zu einem Aufschrei geführt. Der Beobachter fragt sich: Reden die Granden der deutschen Wirtschaft nicht mehr miteinander?

Auf einer Insel lebte ein eifriger Stamm, der so viel Wein produzierte, dass er ihn in alle Welt exportieren konnte. Der Grund für den Wohlstand war ein Berg in der Mitte der Insel: Dort lebte ein Drache, spuckte in regelmäßigen Abständen Feuer und verursachte Chaos. Gleichzeitig lieferte er Dünger für die Reben und so akzeptierte es der Stamm, auf einem Vulkan zu leben.

Um dennoch wenigstens ein Minimum an Sicherheitsgefühl zu schaffen, setzten sich die Insulaner zusammen und beschlossen ein Kontrollsystem, das frühzeitig warnen würde, sollte das Schuppentier sich anschicken, wieder Feuer zu spucken. Eine Gruppe erfahrener Winzer begann also, Vorschriften zu erlassen, wie in den einzelnen Weindörfern mit der Bedrohung umzugehen war: Lokale Wachmannschaften sollten Messeinheiten am Berg anbringen, regelmäßig in der Luft nach Schwefel schnuppern und eine Risikoeinschätzung formulieren.

Heiner Thorborg
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    Michael Dannenmann
    Heiner Thorborg gehört zu den profiliertesten Personalberatern in Deutschland. Nach zehn Jahren als Partner bei Egon Zehnder Int. gründete er die Heiner Thorborg GmbH & Co. KG, die Heiner Thorborg & Co. (Zürich) sowie die Initiative "Generation CEO".

Jahrelang ging das gut. So gut, dass sogar das Jahrestreffen der Drachenwächter abgesagt wurde: Alles cool, auch der Drache. In aller Beschaulichkeit spaltete sich so der Stamm, ohne es selbst zu bemerken. Aus lauter Langeweile begann das Kontrollgremium, einen Elfenbeinturm zu bauen. Da saßen sie nun, die Oberkontrolleure, hoch oben und starrten fasziniert auf den Rauch, der aus dem Drachenberg aufstieg und interpretierten die so entstandenen Wolkenformationen am Horizont. Am Fuß des Turms standen derweil die Insel-Winzer mit ihren Hacken und riefen nach oben: "Hallo, hallo - hört ihr uns? Es grummelt im Berg!"

Die deutsche Wirtschaft - ein gespaltener Stamm

Brüder Grimm? Grimm schon, aber kein Märchen. Wer die jüngste Diskussion um den Deutschen Corporate Governance Kodex verfolgt hat, weiß, wovon die Rede ist. Rolf Nonnenmacher trat 2017 an, um die Regeln zur guten Unternehmensführung und -kontrolle zu entschlacken. Da war der Stamm - die deutsche Wirtschaft - glücklich. Danach herrschte Grabesstille, sogar die traditionelle Sommertagung wurde 2018 abgesagt. Offenbar gab es nichts zu bereden.

Einstweilen baute das Gremium an seinem Elfenbeinturm. Nach der Verkündigung der Reformpläne entpuppt sich die deutsche Wirtschaft prompt als gespaltener Stamm: Die einen interpretieren Wolkenformationen - 30 Führungsgrundsätze, die entweder angewendet werden oder aber erklärt werden müssen, wenn sie nicht angewendet werden, neue Regeln für Vergütung und Bestellung der Räte. Die anderen hacken derweil den Weingarten und wundern sich.

Die Moral von der Geschichte: Die Vertreter der deutschen Wirtschaft haben offenbar die Fähigkeit verloren, miteinander zu kommunizieren und klar zu definieren, wo das Gefahrenpotential für ihre Insel der Seligen liegt. Oder wie kann es sein, dass ein Gremium um den ehemaligen KPMG-Chef im Land die Bedürfnisse und Einschätzungen der deutschen Wirtschaft so falsch interpretiert?

Widerspruch gegen das "Bürokratiemonster"

Der Chef des Gremiums sitzt selber im Aufsichtsrat von Continental, Covestro und ProSiebenSat1 Media. Reden die da nicht mit ihm? Oder wie kann unter seiner Ägide sonst ein "Bürokratiemonster" entstehen, das überall "Unbehagen" auslöst und so viel Widerspruch wie noch kein Reformplan zuvor?

Es kommen schwere Zeiten. China wandelt sich in vielen Branchen von der Werkbank zu ernsthafter Konkurrenz; der vorherrschende Neo-Nationalismus drückt sich in Handelskonflikten aus, die dem Export-Vizeweltmeister zu schaffen machen; Digitalisierung und künstliche Intelligenz werden unsere Welt bis zur Unkenntlichkeit verändern. Und die deutsche Wirtschaft ist nicht einmal in der Lage, sich hinter verschlossenen Türen auf Regeln für die eigene Corporate Governance zu einigen und einen öffentlichen Knatsch zu vermeiden? Das tut weh.

Der Drache schläft nicht: Es wird irgendwann wieder einen schweren Unternehmensskandal geben. Dass der Kodex durch derartigen Streit weiter an Gewicht verliert, trägt nun wirklich nicht dazu bei, das Gefahrenpotential im Weinberg zu verringern.

Im Gegenteil. Inzwischen ist es sogar so weit, dass gestandene Leute wie EON-Aufsichtsratschef Karl-Ludwig Kley über den Kodex sagen: "Die schönste Lösung wäre es, ihn in Gänze abzuschaffen." Und der Drache lacht.

Heiner Thorborg ist Personalberater und Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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