Mittwoch, 8. April 2020

Unternehmen in Existenznot Wie Deutschland zur Staatswirtschaft wird

Krisenmanager: Bundeskanzlerin Angela Merkel und Finanzminister Olaf Scholz (hier bei einem Treffen Ende Oktober 2019)
Michael Kappeler/ DPA
Krisenmanager: Bundeskanzlerin Angela Merkel und Finanzminister Olaf Scholz (hier bei einem Treffen Ende Oktober 2019)

Lars Westpfahl (53) gilt als einer der versiertesten Sanierungsexperten der Republik. Der Partner der Kanzlei Freshfields war zuletzt etwa an den Rettungsaktionen für Air Berlin und den japanischen Auto-Zulieferer Takata beteiligt.

manager magazin: Herr Westpfahl, Sie haben die großen Krisen nach dem 11. September 2001 und der Pleite von Lehman Brothers 2008 miterlebt. Was können wir daraus für die Situation jetzt lernen?

Lars Westpfahl: Was wir gerade erleben, ist ohne Vorbild. Das hier ist viel intensiver als frühere Krisen, dagegen verlief die Krise nach Lehman geradezu im Schneckentempo. Wir erleben gerade, dass ganze Geschäftsmodelle innerhalb von Tagen in sich zusammen fallen.

Sanierungsexperte Lars Westpfahl

Unter normalen Umständen müssten Sie den Vorständen und Aufsichtsräten raten, Insolvenz anzumelden.

Westpfahl: Natürlich, aber wir haben ja keine normalen Umstände. Ich habe gerade mit Unternehmen aus der 1. Linie, wie wir es nennen, zu tun, also Unternehmen, die unmittelbar von den Folgen der Corona-Epidemie betroffen sind. Dort brechen die Einnahmen quasi über Nacht weg, die Ausgaben bleiben aber zu einem nicht unerheblichen Teil. Das betrifft insbesondere Branchen wie Luftfahrt, Touristik, Gastronomie, Hotellerie, aber auch andere. Eine Insolvenzvermeidung wird häufig nur dann gelingen, wenn der Staat massiv in das Räderwerk greift.

Es gibt die Förderprogramme der Staatsbank KfW. Reicht das?

Westpfahl: Nein, das reicht nicht. Den Unternehmen geht gerade innerhalb von wenigen Tagen das Geld aus. Die KfW kann sich noch so bemühen, sie wird da nicht hinterherkommen, wenn sie mit Anträgen auf Bürgschaften geflutet wird. Und wenn ein Unternehmen erst einmal zahlungsunfähig ist, dann ist es zahlungsunfähig. Da hilft es auch nicht, auf etwaige künftige Kredite der KfW zu verweisen.

Das Ziel wäre also, die Unternehmen in eine Art Winterschlaf zu schicken. Wie soll das gehen?

Westpfahl: Stellen Sie sich ein Unternehmen vor, dass alle Ladengeschäfte schließen muss, deshalb keine Einnahmen mehr hat und auch die Ausgaben massiv runterfährt. Das würde in vielen Fällen funktionieren. Gleichwohl haben die Geschäftsführer natürlich die Sorge, dass sie eine Insolvenzverschleppung begehen oder sich schadensersatzpflichtig machen, etwa gegenüber Lieferanten. Da bietet die Insolvenz mehr Sicherheit, richtet aber natürlich auch erheblichen Schaden an und vernichtet Arbeitsplätze. Wir brauchen daher dringend dieAussetzung der Insolvenzantragspflicht. Zum Glück arbeitet das Bundesjustizministerium auch schon daran und wir hoffen, dass das Gesetz sehr kurzfristig kommt.

Das heißt aber auch, dass viele Unternehmen, die eigentlich nicht mehr lebensfähig wären, trotzdem am Markt bleiben.

Westpfahl: Stimmt, aber das ist erst einmal das kleinere Problem, zumal die fehlende Lebensfähigkeit nur temporär ist. Allerdings wird es dann nach Abklingen der Corona-Krise zu einer Vielzahl von finanziellen Restrukturierungen kommen.

Zurück im Hier und Jetzt: Wenn die Unternehmen im Winterschlaf sind - wo kommt dann die Liquidität her, um also Ausgaben etwa für Mieten, Kredite, Lieferanten et cetera zu bedienen. Kann das alles die KfW leisten?

Westpfahl: Nein, das Geld muss ja ohnehin von den Banken kommen und sie gehen mit 20 Prozent ins Risiko, die KfW bürgt "lediglich". Wir haben aber jetzt schon sehr viele Unternehmen mit sehr hohem Verschuldungsgrad. In den vergangenen Tagen haben viele Firmen noch einmal ihre offenen Kreditlinien ausgeschöpft. Das heißt: Die Banken haben ihre ohnehin schon große Exposure nochmals erhöht beziehungsweise sie wurde erhöht. Jetzt noch einmal darüber hinaus zu gehen werden die Banken nicht für alle Unternehmen leisten können und wollen.

Das heißt: Dann kommt die Pleitewelle doch?

Westpfahl: Die Gefahr ist jedenfalls groß - außer, der Staat greift wirklich zum Äußersten.

Verstaatlichungen?

Westpfahl: Bisher hat der Bundesfinanzminister nur davon gesprochen, Unternehmen ohne Einnahmen die Ausgaben abzunehmen. In der Sache wären das verlorene Zuschüsse. Dann könnte man aber auch einen Schritt weiter gehen und die Unternehmen temporär übernehmen. Rechtlich problematisch, aber wirtschaftlich berechtigt. Jedenfalls muss alles getan werden, um langfristige gesamtwirtschaftliche Schäden so gut es geht abzuwenden. Und da muss man bei den großen Unternehmen anfangen, an denen viele weitere Zulieferer und Kunden hängen.

Die Frage ist aber, was mit den kleineren Firmen passiert.

Westpfahl: Exakt. Die kleinen und mittleren Betriebe, die heute schon von der Hand in den Mund leben, die keine Rücklagen haben und kaum kreditwürdig sind oder für die Kredite durch die KfW zu spät kämen.

Sie haben derlei - in Einzelfällen - unzählige Mal mitgemacht. Wie verhindern Sie, dass Sie in solchen Stresssituationen nicht die falschen Entscheidungen treffen?

Westpfahl: Davor ist natürlich niemand gefeit. Man muss versuchen, zwischendurch immer wieder mal den Kopf freizubekommen. Und dann muss man auch den Mut aufbringen zu sagen: Das ist hier eine noch nie dagewesene Situation. Also müssen wir wohl auch Entscheidungen treffen, die noch nie dagewesen sind. Sonst wird das mit der Lösung schwierig. Mandanten wundern sich dann mitunter, wenn so etwas von einem Juristen kommt. Aber häufig klappt es dann auch.

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