Montag, 1. Juni 2020

Was sich nach Ende der Lockdowns ändert So sieht unsere Wirtschaft nach Corona aus

Die Corona-Pandemie bedeutet seismische Verschiebungen für nahezu alle Branchen. Jetzt wird die Wirtschaft wieder hochgefahren, viele alte Gewissheiten jedoch werden auf der Strecke bleiben. In den Unternehmen, bei den Banken und im Handel hoffen viele Führungskräfte immer noch, dass der Lockdown bald vorbei ist und wir wieder "zur Normalität" zurückkehren. Das ist bestenfalls eine Illusion und schlimmstenfalls fahrlässig.

Heiner Thorborg
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    Manuel Fischer
    Heiner Thorborg gehört zu den profiliertesten Personalberatern in Deutschland. Nach zehn Jahren als Partner bei Egon Zehnder Int. gründete er die Heiner Thorborg GmbH & Co. KG, die Heiner Thorborg & Co. (Zürich) sowie die Initiative "Generation CEO".

Stattdessen werden wir in Zukunft von der Zeit "vor Corona" und "nach Corona" reden - so heftig ist die Transformation, deren Zeuge wir gerade werden. Die Welt wird nie wieder so werden, wie sie war. Führungskräfte, die diesen Namen verdienen, müssen sich Gedanken machen, was die seismische Erschütterung einer Pandemie, die alles durcheinander würfelt, für ihre Branche, ihr Unternehmen und ihre persönliche Karriere bedeutet.

Was genau sich wo und wie ändert, wird sich weisen. Aber ein paar dramatische Bewegungen sind bereits spürbar:

1. Das Homeoffice geht nie wieder weg

Es lässt sich von zu Hause aus nicht nur effektiv arbeiten, sondern auch effektiv führen. Wer das gut kann, hat die Nase vorn. In der Folge werden es Mitarbeiter auf allen Ebenen künftig nicht mehr einsehen, sich jeden Morgen durch den Berufsverkehr zu quälen, nur um in einem anderen Büro zu sitzen, wenn sie zu Hause schon ein voll funktionsfähiges haben.

2. Weibliche Manager profitieren

Der Trend zum Homeoffice macht vermutlich die ganze Quotendebatte obsolet. Wenn alle von zu Hause arbeiten, wird die Kombination Kids und Karriere sehr viel beherrschbarer und deutlich normaler. Da niemand mehr überwachen kann und will, wie viel Zeit die Leute im Bürostuhl sitzen und stattdessen wirklich nur noch Produktivität, Output und Zielerreichung gemessen werden, können ambitionierte weibliche Führungskräfte zeigen, was in ihnen steckt - und sind doch auf Zuruf verfügbar, wenn es die Erziehungsarbeit erfordert.

3. Facilitymanagement muss neu überdacht werden

Wenn ein großer Teil der Arbeitnehmer zu Hause werkelt und Arbeit im Büro nur noch stattfindet, um die Sozialkontakte zu pflegen oder um gelegentlich Meetings großer Teams abzuhalten - wozu brauchen wir dann noch Bürotürme und massive Unternehmenssitze? Den Trend zum "hot desking" - die Mitarbeiter teilen sich die Arbeitsplätze, einen fest definierten Schreibtisch hat kaum noch einer - gibt es ja schon länger. Künftig werden viele Unternehmen noch deutlich weniger zentrale Arbeitsplätze, Büros und Konferenzräume brauchen als bisher.

4. Geschäftsreisen werden weniger

Videokonferenzen boomen und allmählich ist auch der letzte Skeptiker überzeugt: Verhandeln lässt sich auch online. Inzwischen gibt es zudem Technologie, die einen fast vergessen lässt, dass man nicht im selben Raum sitzt wie die Gesprächspartner, sondern in unterschiedlichen Städten - oder gar in verschiedenen Zeitzonen.

5. Firmenwagen werden abgeschafft

Wer noch Firmenwagen als Incentives verteilt, wird sich in Zeiten von Homeoffice etwas anderes einfallen lassen müssen. Im Übrigen hat jedes Unternehmen, das etwas auf sich hält, inzwischen ambitionierte Klimaziele: Homeoffice, Videokonferenzen, kleinere Bürogebäude, reduzierte Reisetätigkeiten und eine minimale Wagenflotte sind nicht nur kostensparend, sondern auch enorm klimafreundlich. Im Arbeitnehmer-Branding wird das zum echten Plus: Die Jungen achten heute bewusst auf den eigenen CO2-Fußabdruck - und auf den ihres Arbeitgebers.

6. Die Digitalisierung legt weiter an Tempo zu

Es gibt Studien, denen zufolge die Coronakrise das Filialsterben der Banken deutlich beschleunigen wird. Das Sterben der Niederlassungen jedoch wird längst nicht nur die Geldhäuser treffen: Bargeld und persönlicher Kontakt am Point-of-Sale gelten als unhygienisch, mobile Paymentsysteme und Online-Shopping legen deutlich zu. Immer mehr Menschen kaufen ihre Waren und Dienstleistungen jetzt im Internet. Unternehmen, die ihre Digitalisierung noch nicht entsprechend im Griff haben, könnten bald den Status von Dinosauriern erringen: ausgestorben!

7. Die Innenstädte verändern sich

Bürotürme werden zu Wohnraum umgewidmet, der Individualverkehr nimmt ab. Parkplätze können zu Grünflächen und Spielplätzen werden, viele Geschäfte und Handelsketten geben ihre physische Existenz auf. Dafür ziehen die Lebensmittelmärkte in die Stadtviertel zurück, denn eingekauft wird künftig mehr zu Fuß oder mit dem Fahrrad. Die Menschen agieren entweder online und dann global - oder aber offline und dann lokal, im Dorf oder im städtischen Kiez. Den Rest erledigen Lieferdienste, vorzugsweise mit elektrisch betriebenen Flotten.

All das muss gemanagt werden. Nicht nur in den am meisten betroffenen Branchen wie Luftfahrt, Hotellerie und Gastronomie, Handel, Automobilindustrie oder Immobilienwirtschaft, sondern quer durch alle Sektoren. Zudem müssen Stadtplaner, Verkehrsexperten, Lehrer und Dozenten umdenken. Arbeit gibt es genug und auch jede Menge Jobs beim Bau einer erfolgreichen Post-Corona-Gesellschaft. Je schneller die Chefs dies begreifen und die Hoffnung auf die "alte Normalität" aufgeben, desto besser für alle Beteiligten.

Heiner Thorborg ist Personalberater und Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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