Mittwoch, 27. Mai 2020

Ökonomie der Pandemie Vom Shutdown zum Shitstorm - die neuen Werte der Krise

Adidas-Geschäft in Berlin: Das Unternehmen hatte nach seiner Entscheidung, Mietzahlungen auszusetzen, viel Kritik einstecken müssen
Odd ANDERSEN / AFP
Adidas-Geschäft in Berlin: Das Unternehmen hatte nach seiner Entscheidung, Mietzahlungen auszusetzen, viel Kritik einstecken müssen

Die Corona-Krise verändert den kapitalistischen Gesellschaftsvertrag. Auch die Erwartungen an Konzerne wandeln sich. Nicht alles, was erlaubt ist, geht in Ordnung.

Henrik Müller
manager magazin
Henrik Müller ist Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der Technischen Universität Dortmund. Zuvor war Müller stellvertretender Chefredakteur des manager magazins.

Die Corona-Krise bringt viele Gewissheiten ins Wanken. Regierungen und Notenbanken haben in den vergangenen Wochen Stützungsprogramme auf den Weg gebracht, die alles übersteigen, was wir in der Finanzkrise gesehen haben. Der Staat dürfte dauerhaft eine prägende Rolle in der Wirtschaft spielen. Europa steht wohl vor einer neuen Phase der Vergemeinschaftung der Staatsfinanzen, um eine abermalige Währungskrise abzuwehren. All das wäre noch vor wenigen Wochen kaum vorstellbar gewesen.

Der nahezu synchrone Shutdown der Weltwirtschaft schafft in einem Tempo Fakten, das für Ideologie und Theorie wenig Zeit und Raum lässt.

In dieser Phase wandeln sich auch die Erwartungen an Unternehmen rasant. Die Kritik, die sich in der vergangenen Woche über Adidas ergoss, hat einen Eindruck davon vermittelt, was nun als akzeptabel gilt und was nicht mehr. Der Weltkonzern aus dem Fränkischen hatte angekündigt, Mietzahlungen für Ladenlokale auszusetzen. Das Resultat war ein Shitstorm sondergleichen. Adidas nahm die Entscheidung zurück und entschuldigte sich öffentlich.

Heuschrecken und andere Plagen

Es ist noch nicht lange her, da erregte es kein großes Aufsehen, wenn Konzerne vor allem ihre Zahlen im Blick hatten. Gewinne immer weiter zu steigern, Kosten zu senken, Aktien zurückzukaufen und ordentliche Dividenden auszuzahlen galt als smart. Jetzt werden Unternehmen Überweisungen an die Aktionäre reihenweise streichen müssen. Derlei Abflüsse von flüssigen Mitteln gelten als nicht mehr hinnehmbar, wenn gleichzeitig die Gemeinschaft der Steuerzahler einspringt, um Unternehmen und ganze Volkswirtschaften zu retten. Allzu üppige Managersalärs und steile Lohngefälle geraten verstärkt ins Visier, zumal von Unternehmen, bei denen in der Not der Staat einsteigt. Managemententscheidungen werden nicht mehr nur nach ihren Auswirkungen auf die Gewinn- und Verlustrechnung bewertet, sondern auch nach ihrer Sozialverträglichkeit - was die Beurteilung nicht einfacher macht.

Vieles kommt ins Rutschen. Werte und Normen verändern sich. Können Unternehmen sozial sein, oder sind sie geradezu gezwungen, sich asozial zu verhalten? Dient die Marktwirtschaft noch den Bürgern? Über diese Frage gab es schon vor der Finanzkrise von 2008 heftige Debatten. Mitte 2000er Jahre entluden sich die Frustrationen in einer Debatte über Finanzinvestoren, für die sich damals die Bezeichnung "Heuschrecken" einbürgerte.

Die Konzerne reagierten, indem sie sich als "gute Unternehmensbürger" präsentierten, die gelobten, sich sozialverantwortlich zu verhalten. "Corporate Social Responsibility" (CSR) kam in Mode: Konzerne versprachen, gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen - nicht nur den Interessen des Kapitalmarkts zu dienen, sondern auch denen ihrer Beschäftigten, ihrer Kunden und der Gesellschaft insgesamt.

In den vergangenen Tagen habe ich mich an einige Gespräche mit deutschen Topmanagern in jenen Jahren erinnert. So erzählte mir damals der Vorstandsvorsitzende eines der größten Dax-Konzerne, der gerade mit einem CSR-Preis ausgezeichnet worden war, die Urkunde hänge nun in den Büros der Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit. Die Botschaft war klar: Bei CSR ging es darum, Unternehmen besser zu verkaufen. Ansonsten galt es, den Maßstäben des Kapitalmarkts zu genügen. Gesellschaftliches Engagement war wichtig, weil es die Gesellschaft verlangte. Priorität aber hatten die Renditen. Waren dies nicht die Spielregeln? Mussten Unternehmen nicht unbedingt Kapital anlocken, damit sie nicht selbst Opfer von Übernahmen wurden? Lange her.

Die Werte der Krise: Rücksicht und Solidarität

Das Kleinklein früherer Jahre erscheint momentan trivial. Größere Fragen stehen im Raum: Es geht um Leben und Tod. Im Angesicht der Corona-Pandemie entscheiden sich Gesellschaften rund um den Globus für das Leben - auch wenn der Preis bislang kaum abschätzbare Wohlstandsverluste sein mögen. Auf dem Spiel stehen Unternehmen, die Existenzen von vielen Millionen Menschen, die Solvenz ganzer Staaten. Wir nehmen diesen Preis in Kauf.

Die Antwort auf die Epidemie ist ein beispielloser Akt der Solidarität. Die Bürger fügen sich dem Shutdown, vor allem um andere zu schützen - Ältere, überhaupt Menschen mit fragiler Konstitution - und um die Gesundheitssysteme funktionsfähig zu halten. Der alte Vorwurf, der Kapitalismus ordne alles dem Gewinnstreben unter, wird gerade eindrucksvoll widerlegt.

Die Corona-Erfahrung verändert unser Selbstbild als Gesellschaften und die Erwartungen, mit denen wir einander begegnen. Unternehmen bleiben davon nicht ausgespart. Denn gerade auf sie wird es ankommen, wenn die Epidemie und der wirtschaftliche Stillstand erst überstanden sind. Von ihnen wird einerseits Innovation und Dynamik verlangt, andererseits Solidarität und Rücksicht.

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