Dienstag, 2. Juni 2020

Studie untersucht ersten deutschen Corona-Cluster Wie Webasto das Virus nach Deutschland brachte

Firmenzentrale des Autozulieferers Webasto in Stockdorf bei München
Michael Dalder / Reuters
Firmenzentrale des Autozulieferers Webasto in Stockdorf bei München

Ende Januar brachte eine Geschäftsreisende das neue Coronavirus erstmals nach Deutschland. 16 Menschen infizierten sich in der Folge. Forscher haben die Ansteckungsketten nun im Detail nachvollzogen.

Am 28. Januar gab es den ersten Fall mit dem neuen Coronavirus in Deutschland: Ein 33 Jahre alter Mann steckte sich beim Autozulieferer Webasto bei einer aus China angereisten Kollegin an. Er blieb nicht der Einzige.

Insgesamt 16 Menschen infizierten sich in der Region um München ausgehend von der Reisenden mit dem Virus. Die Infizierten sowie 241 Kontaktpersonen konnten identifiziert und, wenn nötig, isoliert werden. Die Infektionskette wurde gestoppt.

Heute erforschen Wissenschaftler den Ausbruch, um herauszufinden, unter welchen Umständen sich Menschen mit dem Coronavirus anstecken. Ein Team um Merle Böhmer sowie Andreas Zapf vom Bayrischen Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit hat sämtliche Infektionen des sogenannten Webasto-Clusters nachvollzogen. Auch Christian Drosten von der Charité in Berlin war an der Studie beteiligt.

Wie nah kamen sich die Personen, die sich angesteckt haben? Wer infizierte sich nicht, obwohl er engen Kontakt hatte? Inwiefern steckten sich die Familien von Infizierten an? Die Studie zeigt, wie aufwendig die Kontaktverfolgung im Detail werden kann.

Die Infektion von Patientin null

Seinen Anfang nahm der Ausbruch bei Webasto mit einer Geschäftsreisenden aus Shanghai: Patientin null. Sie reiste am 19. Januar per Flugzeug für drei Tage nach München und gab im Büro in Gauting bei München Workshops. Außerdem nahm sie an Meetings teil.

Was sie nicht wusste: In den Tagen zuvor hatte sie sich offenbar bei ihren Eltern mit dem neuen Coronavirus Sars-CoV-2 angesteckt. Diese waren aus Wuhan zu Besuch gewesen, wo die Corona-Pandemie ihren Ursprung hatte. Beide berichteten rückblickend unspezifische Symptome und wurden später positiv auf das Virus getestet.

In den Tagen, nachdem die Frau in München gelandet war, spürte sie ungewöhnliche Brust und Rückenschmerzen und nahm Paracetamol. Während ihres Aufenthalts fühlte sie sich müde, führte das jedoch auf den Jetlag zurück, schreiben die Forscher im Fachmagazin "The Lancet Infectious Diseases".

Typische Covid-19-Symptome wie Fieber und Husten entwickelte die Frau allerdings erst nach ihrer Rückkehr nach Shanghai. Eine Woche später wurde sie positiv auf das neue Coronavirus getestet. Zu der Zeit hatte sie bereits vier Kollegen in Deutschland und einen mitreisenden Kollegen angesteckt.

Ansteckung in einem winzigen Raum nicht garantiert

Webasto erfuhr am Morgen des 27. Januar von dem positiven Befund und fing daraufhin an, Kontakte zu identifizieren. Die neue Studie zeigt nun, dass nur zwei der vier in Deutschland infizierten Mitarbeiter tatsächlich sehr engen Kontakt zu Patientin null hatten: Patient eins und Patientin vier.

Patient eins saß bei einer Besprechung am 20. Januar in einem etwa zwölf Quadratmeter kleinen Raum direkt neben der Infizierten aus China. Allerdings ist der Aufenthalt im gleichen Raum offenbar keine Garantie für eine Ansteckung: Zwei andere Kollegen, die bei dem Treffen dabei waren und am gegenüberliegenden Tischende gesessen hatten, infizierten sich nicht.

Patientin vier traf den Gast aus China während dessen dreitägigen Aufenthalts mehrfach und löste am 22. Januar in der Webasto-Kantine eine Kettenreaktion aus. Obwohl sie zu dem Zeitpunkt noch keine Symptome hatte, steckte sie einen Kollegen an: Patient fünf. (Anm: Aus der Studie geht lediglich hervor, dass die Reisende aus China sowie zwei weitere Personen in der Infektionskette weiblich waren. Wo das Geschlecht unklar ist, nutzen wir die männliche Form, obwohl es zwei weitere weibliche Infizierte gab.)

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