Weltmarktführer GSK über Covid-Impfstoff Warum die Corona-Impfung nicht als Gewinntreiber taugt

Impfstoffentwicklung von Glaxosmithkline

Impfstoffentwicklung von Glaxosmithkline

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Foto: Gonzalo Fuentes / Pool / Reuters / AP / dpa

Auf diesen Stoff wartet praktisch die ganze Welt: ein Impfserum, das den Körper gegen die Seuche Covid-19 immunisiert. "Erst wenn der Großteil der Bevölkerung geimpft ist, wird die Menschheit diese Pandemie besiegen", schrieb der vom Microsoft-Gründer zum hauptamtlichen Gesundheitsaktivisten gewandelte Bill Gates im "Economist" .

Gates war einer der Hauptredner auf der globalen Geberkonferenz an diesem Donnerstag, die weitere 8,8 Milliarden Dollar vor allem staatlicher Mittel für die Entwicklung von Impfstoffen einsammeln half. Etliche Milliarden sind auch am Kapitalmarkt zu haben, wie die in die Höhe geschossenen Börsenwerte von Biotech-Firmen wie Moderna  oder Biontech belegen. Sie überbieten sich gegenseitig mit dem Tempo, in dem sie klinische Studien vorantreiben. Es sieht aus wie ein Wettrennen: Wer als erster einen genehmigten Impfstoff auf den Markt bringt, könnte den großen Preis davontragen.

"Uns geht es hier nicht um den Profit", sagt dagegen Jean-Bernard Siméon, Deutschland-Chef des weltgrößten Impfstoffherstellers Glaxosmithkline (GSK) . Der Pharmariese mit Hauptsitz in London betreibt vor allem in Belgien, aber auch an den deutschen Standorten Marburg und Dresden große Traditionsbetriebe. Gemeinsam mit den kleineren Wettbewerbern Sanofi , Merck  und Pfizer  bildet GSK laut AB-Bernstein-Analyst Wimal Kapadia ein "Oligopol", das den globalen Impfstoffmarkt zu 85 Prozent beherrsche.

Wegen Covid-19 hat GSK eine Kooperation mit der Nummer zwei der Branche geschlossen, Sanofi aus Frankreich. Es sei "nicht üblich, dass wir uns mit unserem größten Wettbewerber zusammentun", räumt Siméon ein. Das tue man nur im Angesicht dieser großen "wirtschaftlichen und menschlichen Herausforderung".

Entwicklung in 18 Monaten "schon optimistisch"

Die Produkte beider Konzerne sollen sich gegenseitig so ergänzen, dass die Forscher darin die beste Hoffnung auf eine schnelle Massenproduktion sehen. GSK hat bereits die Produktion eines Wirkstoffverstärkers (Adjuvans) hochgefahren. Sanofi liefere ein Antiserum, das gute Chancen habe, gegen Sars-Cov-2 zu wirken. Wegen des Adjuvans könne es im Impfstoff sparsamer eingesetzt werden. Besonders wichtig: Für beides gebe es längst etablierte Verfahren und Anlagen.

"Wenn wir anfangen würden eine neue Produktion aufzubauen, dann dauert das fünf, sechs Jahre, einfach um ein neues Werk zu bauen", sagt Jens Vollmar, der als "Medical Lead" in der Impfstoffabteilung von GSK arbeitet. "Das geht nicht." Ziel der Konzerne sei, in der zweiten Jahreshälfte die klinische Entwicklung zu beginnen und Ende 2021 hunderte Millionen Dosen des fertigen Serums zu liefern.

Vollmar nennt das "schon gewissermaßen optimistisch", wenngleich andere in der Branche auch Hoffnung auf einen Impfstoff schon im Oktober nähren. Normalerweise dauere die Entwicklung eines neuen Impfstoffs zehn, mitunter gar 25 Jahre. Das auf 18 Monate zu reduzieren, sei schon eine "Herkulesaufgabe" und nur mit den etablierten Verfahren möglich. "Es nützt nichts, wenn ein Impfstoff in Studien als wirksam getestet wird, dann aber nicht in großen Mengen hergestellt werden kann."

Als Seitenhieb auf die Disruptoren von Moderna , Biontech und Co. will der Big-Pharma-Vertreter das aber keineswegs verstanden wissen. Deren mRNA-Technik, genetische Informationen zum Aufbau von Abwehrstoffen in den Körper zu schicken statt der Abwehrstoffe selbst, nennt Vollmar "sehr, sehr vielversprechend". Man könne damit viele Probleme der herkömmlichen biologischen Impfstoffproduktion umgehen.

Und wenn andere das Rennen machen? "Gut für die Menschheit"

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Daher forsche auch GSK daran und stelle sein Adjuvans für solche Projekte zur Verfügung. "Es wäre toll, wenn das funktionieren würde." Nur brauche es auch dafür ein etabliertes Verfahren - und bisher gebe es nun einmal keinen einzigen auf dieser Basis zugelassenen Impfstoff. Die große Hoffnung für das Ende der Corona-Krise liege daher auf der Sanofi-Kooperation. Jetzt schon zu wissen, welcher Stoff erfolgreich werde, hielte er aber für "vermessen". Letztlich werde die Welt ohnehin mehrere Impfstoffe brauchen, "da herrscht also kein Wettbewerb".

Und falls die jungen Biotech-Innovatoren doch die siegreiche Lösung präsentieren, womöglich noch in diesem Jahr einen mRNA-Impfstoff vermarkten? "Gut für die Menschheit", zeigt sich GSK-Deutschland-Chef Jean-Bernard Siméon großherzig.

Die auf annähernd eine Milliarde Euro taxierten Kosten seiner Adjuvans-Offensive trägt das Unternehmen zunächst selbst. Von Staatshilfe profitiert es eher indirekt - über Zuschüsse an die Entwicklungspartner durch öffentlich-private Allianzen wie Cepi oder Gavi. Die Sorge, das Geld in den Sand setzen zu können, scheint GSK nicht allzu sehr umzutreiben. Firmenchefin Emma Walmsley stellte frühzeitig klar, dass man nicht beabsichtige, während der Pandemie an einem Impfstoff zu verdienen. Jeglicher kurzfristige Profit würde in die Forschung für weitere Impfstoffe investiert.

"Wir sehen uns als Global-Health-Akteur", erklärt Siméon. "Unser Ansatz ist, mit unseren Impfstoffen so viele Menschen zu versorgen wie möglich." GSK sei mit Stolz seit Jahren die Nummer eins im Ranking der "Access to Medicine Foundation" . Man habe ausdrücklich keine Lieblingsländer. Ein Exklusiv-Deal, den Impfstoff zuerst den USA zur Verfügung zu stellen, wie es Sanofi-Chef Paul Hudson in Interviews als Möglichkeit andeutete und kleinere Pharmakonzerne nun auch vereinbarten, komme überhaupt nicht infrage.

"In allen Ländern weltweit und für die Patienten kostenlos"

Für GSK sei es zentral, dass auch die Menschen in Entwicklungsländern sich ausreichend Impfstoff leisten können, daher würden die Preise systematisch nach Kaufkraft gestaffelt. Ohne die führende Rolle der Weltgesundheitsorganisation (von der sich die USA gerade verabschieden) wären auch andere GSK-Projekte wie Impfstoffe gegen Malaria oder Tuberkulose gar nicht denkbar.

Die Äußerungen klingen wie geschaffen, um den wachsenden öffentlichen Druck abzufedern - ein Problem, dem sich auch die Investoren in aggressiv wachsende Biotech-Startups stellen müssen: Die Öffentlichkeit wird kaum weniger preissensibel. Eine Nach-Corona-Welt, in der es Schutz nur für zahlungsbereite Reiche gibt, erscheint kaum vermittelbar - zumal dieser Schutz kaum ohne Steuermittel zustande kommen dürfte.

UN-Generalsekretär António Guterres hat den Corona-Impfstoff zum "globalen öffentlichen Gut" erklärt, und etliche Staatsführer wie Kanzlerin Angela Merkel haben diese Formulierung übernommen. Es gibt von Prominenz aus Politik, Medizin und Wirtschaft getragene Solidaritätsaufrufe . "In allen Ländern weltweit und für die Patienten kostenlos", nennt "Ärzte-ohne-Grenzen"-Präsident Christos Christou als Bedingung. "Jetzt ist nicht die Zeit, um zuzulassen, dass Pharmakonzerne Business-as-usual betreiben."

Ihre privatwirtschaftlichen Interessen verteidigen können die Konzerne wohl nur, wenn sie sich dienstbar zeigen wie GSK. Ein Kompromissmodell hat die globale Impfallianz Gavi mit ihrem Advance Market Commitment entwickelt: niedrige Preise im Tausch gegen langfristige Abnahmegarantien im Rahmen einer staatlichen Impfstrategie.

Warum der Impfstoffmarkt anders funktioniert

Es gibt aber auch betriebswirtschaftliche Gründe, die gegen das Ausnutzen von Monopolrenditen für den schnellen Euro sprechen. Impfstoffe folgen einem grundlegend anderen Geschäftsmodell als herkömmliche Arzneimittel, erklären die GSK-Manager. "Der Lebenszyklus ist viel länger", sagt Siméon.

Das Ziel sei daher, den Return on Investment für einen einmal etablierten Impfstoff über Jahrzehnte wieder einzufahren, was auch mit geringen Preisen gut möglich sei. "Es gibt keine generische Konkurrenz", daher komme es gar nicht so sehr darauf an, sein Monopol über Patentschutz zu verteidigen (andererseits aber auch keine "Patentklippe" beim Auslaufen des Schutzes zu fürchten).

Die Gründe dafür: Die Produktion sei komplex und kaum zu kopieren. Wer einen Impfstoff auf den Markt bringen wolle, müsse den kompletten Entwicklungs- und Zulassungsprozess durchmachen. Allein für die großen klinischen Studien mit zehntausenden Probanden müsse man mit dreistelligen Millionenbeträgen rechnen. An der Sicherheit sparen ließe sich auch nicht. Sowohl GSK als auch Sanofi haben teure Rückschläge hinter sich, weil Impfstoffe gegen Schweinegrippe beziehungsweise Dengue sich als doch nicht geeignet erwiesen.

Bei neuen Viren besteht zudem das Risiko, dass die Epidemie abflaut, bevor der Impfstoff fertig entwickelt werden kann. Dann fehlen die Probanden für die klinischen Studien und vor allem das kommerzielle Interesse. Aus diesem Grund wurden Impfstoffe gegen die Coronaviren hinter SARS und MERS bis heute nicht fertig. "Letztlich wäre das auch eine gute Lösung" für Covid-19, findet GSK-Manager Jens Vollmar, "wenn sich die Pandemie selbst limitiert." Momentan sehe es aber nicht danach aus.

"Unattraktiv und risikoreich", nennt Vollmar sein Geschäft, "und deswegen gibt es auch nicht viele Hersteller, die diese Risiken eingehen". Die allermeisten Impfstoffe scheitern in der Entwicklung. Das ist die schlechte Nachricht für die Hoffnung auf einen Corona-Schutz.