Mittwoch, 27. Mai 2020

Führen aus dem Homeoffice Wer Vertrauen ausstrahlt, wird mit Vertrauen belohnt

Plötzlich digitalisiert: Wie geht virtuelle Führung? Und wie ist man ein guter Chef in einer Pandemie?
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Plötzlich digitalisiert: Wie geht virtuelle Führung? Und wie ist man ein guter Chef in einer Pandemie?

Banken wie die HSBC streichen die Dividende, große Firmen wie Galeria Karstadt Kaufhof wollen keine Ladenmiete mehr bezahlen, Konzerne wie Munich Re kassieren die Gewinnziele ebenso wie die Aktienrückkaufprogramme. Fast eine halbe Million Betriebe haben Kurzarbeit beantragt. Der Bund beginnt, Unternehmensanleihen abzusichern, um die Realwirtschaft zu stabilisieren. Das derzeit so beliebte Modewort der Managementberater von der Agilität bekommt eine ganz neue Bedeutung.

Heiner Thorborg
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    Manuel Fischer
    Heiner Thorborg gehört zu den profiliertesten Personalberatern in Deutschland. Nach zehn Jahren als Partner bei Egon Zehnder Int. gründete er die Heiner Thorborg GmbH & Co. KG, die Heiner Thorborg & Co. (Zürich) sowie die Initiative "Generation CEO".

Währenddessen sitzen die allermeisten Chefs im Homeoffice und kämpfen mit dem Kontrollverlust, den es bedeutet, das Team nicht um sich scharen und operativ nicht jederzeit eingreifen zu können. Was jetzt? Gute Führung war noch nie so wichtig wie jetzt - und noch selten so schwierig.

Krisenmanagement war kein sonderlich beliebtes Thema bei Führungskräften, schließlich können sie mit Erfolgsgeschichten eher glänzen als mit Schadenskontrolle. Mit Covid-19 allerdings hat sich genau die jedoch zu einem brandaktuellen Thema entwickelt.


Unser Podcast-Tipp: Führen aus dem Homeoffice - wie Sie unter Hochdruck die Nerven bewahren


Viele fragen sich jetzt: Wie reden wir mit den verunsicherten Mitarbeitern im Homeoffice? Was sagen wir unseren Kunden? Wie kommuniziert ein Chef jetzt? Als Pater familias, der die Sippe durch die Wüste führt oder als authentischer Mitmensch, der gerade auch nicht weiterweiß? Gibt es vielleicht auch Chancen, in dieser Situation aus den vorhandenen Leuten ein besseres Team zu schmieden?

Zunächst einmal geht es darum, das Team zusammenhalten und Strukturen der Zusammenarbeit zu schaffen, die für alle Beteiligten funktionieren. In virtuellen Teams wird schnell klar, ob eine Führungskraft diesen Titel wirklich verdient und ihre Aufgaben als Anführerin ernst nimmt. Wenn Kommunikation nicht mehr auf Zuruf und spontan passieren kann, sondern im vorher vereinbarten Video-Call stattfinden muss, wird sie noch viel wichtiger. Chefs, die sich mit der Pflege des Teamgefühls schon bisher schwergetan haben, stoßen an ihre Grenzen. Denn nun gilt es, aktiv eine neue Kultur der Zusammenarbeit auf Distanz etablieren.

Über das Thema Kommunikation früh und gründlich nachzudenken lohnt sich und sich dabei bewusst zu machen: Der Job des Bosses ist jetzt, die Menschen zu unterstützen, die operativen Probleme zu lösen - und nicht, sich in jedes Detail einzumischen. Wer in einer Krise Vertrauen ausstrahlt, wird mit Vertrauen belohnt.

Manager werden zu Mikrofonen

Bislang war die Rolle des Chefs vor allem die eines Lautsprechers: Strategie vorgeben, Projekte erklären, gewünschte Ziele vorgeben. Viele Führungskräfte glauben daher, dass sie sich als inkompetent outen, wenn sie Fragen stellen. In Zeiten größter Unsicherheit wie gegenwärtig, ist das Gegenteil der Fall: Manager müssen zu Mikrofonen werden. Wer Fragen stellt und intensiv zuhört, investiert in seine Glaubwürdigkeit. Wer in diesem komplexen Kontext so tut, als habe er alle Antworten, wirkt schnell wie ein Schauspieler. Ehrlichkeit ist Trumpf.

Keine Führungskraft hat bisher je so eine Situation erlebt. Es gibt keine Vorbilder und keine Managementfibeln zu der Frage, wie sich ein guter Chef in einer Pandemie zu verhalten hat. Jede Branche, jedes Unternehmen muss einen eigenen Weg durch diese Herausforderung finden. Diese Krise ist daher auch eine Chance für die leisen, introvertierten, sachorientierten Führungskräfte, ihre wahre Kraft zu zeigen - im Sinn von Erfahrung, Belastbarkeit, Kompetenz, Beharrlichkeit und analytischer Stärke. In der Stille des Homeoffice verlieren die lauten Selbstmarketingtypen, die im Alltag vor Corona so oft das Rennen machten, ihren Vorsprung. In der Krise schlägt die Stunde der empathischen Problemlöser, die Zeit der Quatschköpfe ist vorbei.

Umgekehrt gilt: Ein Vorstand, der heute an seinem Prestige festhält und sich zu fein ist, auf ein WhatsApp von einem sorgengeplagten Kollegen zu reagieren, der vielleicht zwei Leitungsebenen unter der eigenen agiert, verkennt die Stimmung dieser Tage: Gemeinwohl geht vor Egotrip, Sachfrage vor Berichtsweg, Lösung vor Bürokratie.

Einfach abzuwarten, dass sich das Thema des ortsunabhängigen Arbeitens bald wieder erledigt, ist übrigens keine Lösung. Corona hin oder her, das Homeoffice geht genauso wenig wieder weg wie das Internet, Social Media oder die Digitalisierung. Unternehmen, die diese Form des virtuellen Teamworks nicht anbieten, werden künftig kaum noch Mitarbeiter finden. Wer in diesen Strukturen nicht führen kann oder will, wird sich wohl nach einer anderen Karriere umsehen müssen.

Heiner Thorborg ist Personalberater und Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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