Mittwoch, 8. April 2020

Sieben-Punkte-Plan gegen die Corona-Krise Wie sich Deutschlands Autobauer retten können

Audi-Fahrzeuge vor der Verschiffung im Hafen in Emden, Niedersachsen

Die Corona-Pandemie hat die deutsche Automobilindustrie mit voller Wucht erfasst. Ging es in den vergangenen Wochen und Monaten noch um den allgemeinen Absatzrückgang, mögliche C02-Strafzahlungen der EU und die hohen Investitionen in alternative Antriebe sowie das autonome Fahren, hat nun ein unsichtbarer Gegner die Branche im Griff. Nicht nur in Deutschland, sondern weltweit.

Stefan Randak
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    Stefan Randak ist Direktor und Leiter der Praxisgruppe Automotive beim Interim-Management-Anbieter Atreus in München.

Das Virus zeigt sehr deutlich, wie anfällig insbesondere diese Industrie in ihrer globalen Produktions- und Lieferkettenvernetzung ist. Automobilhersteller arbeiten mit einer Vielzahl von Lieferanten zusammen, die über den gesamten Globus verteilt sind. Diese Zulieferer wiederum sind von einer großen Anzahl weiterer Firmen abhängig, unter denen abermals verschiedene Querverbindungen und vielfache Beziehungen untereinander bestehen. Die Komplexität dieses Systems sorgt in normalen Zeiten für maximale Effizienz - in Krisenzeiten jedoch zeigt sich dessen Zerbrechlichkeit aufgrund der vielen Abhängigkeiten. Noch ist das Ausmaß der wirtschaftlichen Folgen für die Branche nicht gänzlich abzusehen, klar ist aber heute schon: Zu einem ungünstigeren Zeitpunkt hätte die Krise die Autobauer nicht treffen können.

Das Virus beschleunigt den Niedergang

Um den kurzfristigen Auswirkungen entgegenzuwirken, helfen die klassischen Hebel wie Kurzarbeit, Arbeitszeitkonten oder - sofern möglich - Homeoffice. Die mittelfristig zu erwartenden wirtschaftlichen Konsequenzen werden - bei einem moderaten Verlauf der Pandemie -die Unternehmen unterschiedlich hart treffen. Für einige werden sie einen schweren Rückschlag bedeuten. Und für andere den Untergang.

Der Knick in der Fertigungsmenge wird weitestgehend durch Sonderschichten nachgearbeitet werden können. Der Absatzeinbruch wird jedoch wesentlich nachhaltiger wirken. 2020 könnte der weltweite Automarkt, wie der Branchenverband PCA es für China bereits prognostiziert, um bis zu zehn Prozent schrumpfen. Hält die Pandemie länger als nur wenige Monate an, wird es noch düsterer: Hersteller, die sich bereits vor der Krise im roten Bereich bewegten, würde dies vor massive Probleme stellen. Auch in etwa ein Viertel der Zulieferindustrie, welche durch ihr Produktportfolio - etwa für die Fertigung des klassischen Antriebs - oder durch mangelnde Liquidität bereits vor Beginn der Pandemie angeschlagen war, würde dann die rote Linie überschreiten, vom Mittelständler bis zum Großkonzern. Daher ist es wichtig, ja überlebenswichtig, jetzt zu handeln.

Dazu sieben Tipps, wie ein kluges und weitsichtiges Krisenmanagement aussehen könnte:

1. Keine Nothilfe mit der Gießkanne

Bislang hat die deutsche Automobilindustrie keine branchenspezifischen Hilfen angefordert. Doch staatliche Sofortmaßnahmen sind zwingend erforderlich. Die Corona-Krise wird in den kommenden Monaten gnadenlos offenbaren, dass selbst mit staatlichen Hilfspakete der Niedergang von bereits angeschlagenen Unternehmen nicht mehr aufzuhalten ist. Das gilt insbesondere für Firmen, denen es an langfristig marktfähigen Produkten mangelt. Geld - ob es vom Staat kommt oder von den Stakeholdern - sollte also nur denjenigen auf lange Sicht zur Verfügung gestellt werden, die zukunftsfähige Produkte und einen nachhaltigen Geschäftsplan vorweisen können.

2. Überkapazitäten beseitigen

Überkapazitäten in den Fabriken, die bei ordentlicher Marge noch kaschiert werden konnten, müssen nachhaltig überprüft und beseitigt werden. Angesichts schwindender Gewinne kann sich kein Unternehmen mehr ein Produktionswerk erlauben, das nur zu zwei Dritteln ausgelastet ist.

3. Beschäftigungsgarantien flexibilisieren

Gleiches gilt für die in den vergangenen Monaten abgeschlossenen Beschäftigungsgarantien, die teilweise blauäugig mit einer Dauer von bis zu zehn Jahren vereinbart wurden. Wie kann man in einer Phase des historisch größten Umbruchs betriebsbedingte Kündigungen für die nächsten zehn Jahre kategorisch ausschließen? Solche Vereinbarungen können in Krisenzeiten den Bestand von Unternehmen gefährden. Angeschlagene Unternehmen können nur gesunden und erhalten werden, wenn die Personalkapazitäten der wirtschaftlichen Lage angemessen und flexibel nutzbar sind.

4. Lieferketten optimieren

Die derzeitige Ausnahmesituation zeigt einmal mehr, wie anfällig Lieferketten im Zeitalter der globalen Beschaffung sind. Abhängigkeiten von einzelnen Lieferanten am anderen Ende des Globus sind ebenso infrage zu stellen wie die strikte Vermeidung von Vorratshaltung.

5. Kosten runter, Prozesse verschlanken

In den "fetten" Jahren haben sich in den Unternehmen Kostenfresser und Prozessmonster eingeschlichen, die in einer Krisensituation kontraproduktiv wirken. Nachhaltiges Lean-Management in allen Bereichen und auf allen Ebenen ist angesagt. Betriebliche Vereinbarungen, die dies verhindern, sollten infrage gestellt werden dürfen.

6. Produktionsweise hinterfragen

Das Coronavirus führt uns aber auch vor Augen, dass es nur kontraproduktiv sein kann, sich der Produktion wichtiger Komponenten der Elektromobilität in Europa weiter zu verweigern. So sollte die aktuelle Krise beispielsweise der seit Langem diskutierten Ansiedlung einer europäischen Serienfertigung für Batteriezellen endgültig zum Durchbruch verhelfen.

7. Management überprüfen

Krisenmanager sind in den vergangenen zehn Jahren, die von stetigem Wachstum geprägt waren, rar geworden. So manche Führungskraft scheint mit der aktuellen Situation überfordert zu sein. Die Aufsichtsorgane in den Unternehmen tun gut daran, ihr operatives Management kritisch unter die Lupe zu nehmen - und im Bedarfsfall rechtzeitig auszutauschen.

Die gesamte Branche krisenfest machen

Die deutsche Automobil- und Zulieferindustrie hat schon viele schwierige Situationen überstanden. Weder der Zusammenbruch der Finanzindustrie 2008 noch die zunehmende Konkurrenz aus Fernost oder der Dieselskandal, dessen schmerzhafte Nachwehen die Konzerne bis heute belasten, haben es geschafft Volkswagen, Daimler, BMW oder einen der ganz großen Zulieferer zu Fall zu bringen.

Nun wird die Branche durch die Corona-Krise erneut auf eine sehr harte Probe gestellt, deren wirtschaftlichen Folgen noch lange zu spüren sein werden. Die Schlussfolgerung daraus kann nur lauten, diese für Deutschland so wichtige Industrie nachhaltig krisenfest zu machen. Denn wenn uns das vergangene Jahrzehnt eines gelehrt hat, dann das: Die Zeit nach der Krise wird die Zeit vor der nächsten sein. Ganz bestimmt.

Stefan Randak ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wider.

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