Voraussetzung für Exit-Strategie Das Geschäft mit den Corona-Tests

Labormitarbeiterin mit Corona-Testproben

Labormitarbeiterin mit Corona-Testproben

Foto: Sven Hoppe/ dpa

Bei Katharina Jünger ist aktuell die Hölle los. Die Patienten rennen der Chefin des Münchener Telemedizinanbieters Teleclinic seit dem Beginn der Corona-Krise regelrecht die Bude ein. Viele treibt genau ein Thema um: Habe ich oder hatte ich Covid-19? Und wie kann ich mich - am besten von zuhause aus - testen lassen? Hier eine Lösung zu finden, war alles andere als einfach, sagt Jünger. "Wir mussten ganz schön lange suchen".

Fündig wurden die Münchener schließlich in Greifswald, bei einem Labor, das die Tests nun im Auftrag der Telemediziner verschickt und auch auswertet. Für etwas mehr als 150 Euro pro Selbstzahler. Allerdings nur 200 pro Tag. "Mehr war nicht drin."

Testen, testen, testen. Das ist das aktuelle Mantra von WHO, Politik und Ökonomen. "Umfangreicheres Testen ist entscheidend für die Kontrolle von Covid-19", so die EU-Gesundheitsbehörde ECDC. Die bisher unentdeckten Corona-Fälle zu finden, die oft nur leichte oder gar keine Symptome aufweisen - das wäre eigentlich eine Voraussetzung, um das öffentliche Leben und die Wirtschaft wieder hochzufahren. Eine Aufgabe, die Unternehmen und medizinische Einrichtungen in Deutschland vor eine enorme Herausforderung stellt, und die für so manches Unternehmen auch eine Riesenchance ist.

So verzeichnete der südkoreanische Molekulardiagnose-Spezialist Solgent laut einem Bericht der "Financial Times" alleine im März so viel Umsatz wie sonst in einem Jahr. Wettbewerber Seegene baute schnell eine neue Fabrik und versetzte Forscher in die Produktion. Weltweit sind nach Zählung der internationalen Diagnostik-Stiftung FIND 431  verschiedene Tests auf dem Markt, die meisten davon aus China.

Aber auch hierzulande profitieren Unternehmen von der massiven Testnachfrage. So hat der Diagnostik-Konzern Qiagen aus Hilden im Rheinland sein Gewinnziel im ersten Quartal deutlich übertroffen. Der Umsatz des Unternehmens, das wie Thermo Fisher oder Roche Covid-19-Tests herstellt, stieg um 9 Prozent. In den Jahren zuvor enttäuschte Qiagen die Erwartungen häufig - und steht nun vor der Übernahme durch den US-Konkurrenten Thermo Fisher.

Labore rüsten auf - und schicken gleichzeitig Mitarbeiter in Kurzarbeit

Auch beim Schweizer Hersteller Roche sorgt die Pandemie aktuell für massive Nachfrage. Roche stellt nicht nur klassische Corona-Tests samt der dafür notwenigen Testgeräte und des Zubehörs her. Damit lässt sich per Abstrich ermitteln, ob Testpersonen an Covid-19 erkrankt sind. Im Mai soll auch noch ein Antikörper-Test auf den Markt kommen, mit dem sich überstandene Infektionen nachweisen lassen sollen. Der Aktienkurs von Roche  jedenfalls hat seit März deutlich zugelegt.

Und auch der deutsche Hersteller Bosch könnte von der Nachfrage nach Corona-Tests profitieren. Die Schwaben entwickelten zusammen mit den nordirischen Randox Laboratories ein Gerät namens Vivalytic. Das rund 10.000 Euro teure Analysegerät soll in weniger als zweieinhalb Stunden Covid-19-Infektionen feststellen können - bei zehn Proben innerhalb von 24 Stunden.

Für die deutschen Labors hingegen ist Corona bislang ein zweischneidiges Schwert. Nachdem besonders am Anfang der Krise oft Kapazitäten nicht ausreichten und teilweise auch Material fehlte, hatten diese ihre Testkapazitäten massiv hochgefahren. Mittlerweile wären nach Angaben der Laborvereinigung ALM, in der rund 90 Prozent aller Deutschen Labore organisiert sind, pro Woche mehr als 550.000 Test möglich. Das sind deutlich mehr, als aktuell gefragt sind. Denn in der vergangenen Woche wurden laut ALM nur knapp 300.000 Test nachgefragt. Allerdings verzichten manche Gesundheitsämter nach wie vor auf eine konsequente Durchtestung sämtlicher möglicher Verdachtsfälle.

Für die Labore hat der Coronavirus-Welle ohnedies einen großen Haken. So richtig lukrativ sind die Tests für sie nicht, wie ein Branchenexperte gegenüber manager magazin einräumte. Und angesichts der Konzentration auf Corona fallen viele andere - auch lohnendere - Diagnostiken weg.

Das hat drastische Folgen für die Labore. So berichtet Wolf Frederic Kupatt, Chef der Laborkette Amedes, etwa von einem Umsatzeinbruch von 50 bis 70 Prozent aufgrund der Krise. Die Laborkette mit 70 Niederlassungen in Deutschland hat deshalb nach eigenen Angaben bereits viele Mitarbeiter in Kurzarbeit geschickt.

Die nächste Test-Welle rollt gerade an

Mit der Nachfrage nach Antikörper-Tests, mit denen sich allerdings erst rund 4 bis 5 Wochen nach der Infektion sicher feststellen lässt, ob diese bereits überwunden wurde, kommt nun eine neue Herausforderung auf die Labore zu. Und auf die Hersteller solcher Tests.

So musste das Lübecker Unternehmen Euroimmun, einer der Pioniere in der Antikörper-Test-Herstellung, Anfang April seinen Kunden eine Entschuldigung schreiben, weil es mit seiner Test-Produktion nicht die enorme Nachfrage bedienen konnte. "Insbesondere bedauern wir es, falls wir durch unsere Werbung den Eindruck erweckt haben, dass ausreichend Tests vorhanden sind", schrieb das Unternehmen. Man habe Schichtbetrieb und Wochenendarbeit eingeführt, um bis Ende April die Produktion anzupassen und dem weltweiten Bedarf gerecht zu werden.

Im Mai will dann auch Roche mit seinem Test auf den Markt gehen. Bei Roches Verfahren wird das Blut auf gebildete Antikörper zum Coronavirus untersucht. So lässt sich herauszufinden, ob jemand bereits infiziert war und daher möglicherweise künftig immun ist.

Doch hier steht Deutschland bei den Testzahlen noch ganz am Anfang: Gerade einmal 24.000 dieser antikörperbasierte Nachweisverfahren, die anders als im Internet erhältliche Schnelltests tatsächlich sicherer Ergebnisse liefern, sind laut ALM in der vergangenen Woche erfolgt. Das ist nur ein Bruchteil dessen, was letztendlich nötig sein wird, um das öffentliche Leben und die Wirtschaft wieder ins Laufen zu bringen.

Nicht nur die Unternehmen, auch die Labore, die noch gar nicht konkret wissen, was sie letztlich pro Test bekommen werden, rüsten bereits auf. Der nächste Run hat schon begonnen.

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