Mögliche Einschränkungen von Netflix und Gaming Wie Deutschland das Netz vor dem Knock-out bewahren will

Glasfaser-Verteilerpunkt: Die Corona-Krise unterzieht auch die Netze einem Belastungstest.

Glasfaser-Verteilerpunkt: Die Corona-Krise unterzieht auch die Netze einem Belastungstest.

Foto: DPA

Seit das Corona-Virus das Land in den Ausnahmezustand versetzt hat, hat sich das Leben von Millionen Bürgern massiv verändert: Schüler können nicht mehr in die Schule gehen, Millionen Angestellte arbeiten aus dem Homeoffice und andere können ihrer Arbeit aufgrund der Einschränkungen mittlerweile gar nicht mehr nachgehen - und müssen sich die Zeit zuhause vertreiben.

Mit drastischen Folgen für die Netze. Alleine das Volumen der Sprachkommunikation hat in den vergangenen Tagen nach Angaben des Verbandes für Telekommunikation und Mehrwertdienste (VATM) um 50 bis 90 Prozent zugelegt. Und auch das Datenvolumen ist deutlich gestiegen. Laut VATM um etwa 10 bis 20 Prozent.

Dabei sei nicht unbedingt die Zahl der Gespräche so massiv in die Höhe geschnellt, erklärte ein Telekom-Sprecher. "Aber die Gespräche dauern deutlich länger und verteilen sich nun über den ganzen Tag hinweg."

Viele Menschen, die im Homeoffice arbeiten, erleben schon jetzt, dass Telefongespräche zusammenbrechen oder VPN-Verbindungen nicht zustande kommen. Oder die vorhandenen Kapazitäten für ihre Tätigkeiten einfach nicht ausreichen. Auch die Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg war angesichts eines massiven Anstiegs von Telefonaten zu Wochenbeginn zeitweise nicht erreichbar und begründete dies mit einer Überlastung des Providers.

Fotostrecke

Video-Streaming in Deutschland: Anbieter im Überblick

Foto: Joyn

Nicht immer haben diese Probleme unbedingt etwas mit den Netzen zu tun - aber dass diese im Zuge der Corona-Krise an ihr Limit stoßen können, zeigen Beispiele aus Spanien, Italien und Frankreich, wo es örtlich immer wieder zu massiven Netzproblemen kam.

Die Deutsche Telekom bekräftigte am Mittwoch indes, dass die Netze stabil liefen und dass man sich bereits seit Monaten auf mögliche Herausforderungen durch Corona vorbereitet habe. Man überwache die Situation kontinuierlich und sei bereit, im Notfall nachzusteuern.

Netzbetreiber rufen zum Datensparen auf

Gleichzeitig riefen zahlreiche europäische Provider, die auch von einem massiven Anstieg der Instant-Messaging-Nutzung berichteten, die Anwender jedoch zu einem verantwortungsvollen Umgang mit den Netzkapazitäten auf. So sollten Verbraucher nur Dokumente oder Dateien herunterladen, die Sie wirklich brauchten. Und wenn sie warten könnten, dies am besten nachts oder in den "Nebenverkehrszeiten" mit weniger Verkehr - zwischen 14 und 16 Uhr nachmittags und zwischen 20 Uhr abends und acht Uhr morgens - tun. Kollaborationswerkzeuge wie Microsoft Teams und Slack sollten ohne ständige Videoverbindung genutzt werden, hieß es.

Auch in der Bundesregierung ist man sich der Brisanz der Lage bewusst. So stehen Bundesnetzagentur, Netzbetreiber und Wirtschaftsministerium nach Angaben aus verschiedenen Quellen in stetem Kontakt und überwachen die Netz-Lage, um die Arbeitsfähigkeit von Organisationen und Unternehmen sicherzustellen.

Sprachkommunikation hat Vorrang

Erste Priorität wird der Sprachkommunikation eingeräumt, wie ein Telekom-Sprecher betonte. Es gehe darum, sicherzustellen, dass Notrufe ankommen und Kliniken und andere essenzielle Infrastruktureinrichtungen erreichbar seien.

Zu einem großen Problem könnten sich allerdings die Streaming- und Online-Spiele erweisen, die angesichts der Massen-Quarantäne enorme Nachfrage erleben. Schon in Nicht-Pandemiezeiten machen die Daten, die für das Streamen von Filmen nötig sind, nach Angaben von Experten rund 60 Prozent des gesamten Datenvolumens aus. Ein Wert, der nach Einschätzung von VATM-Geschäftsführer Jürgen Grützner noch steigen dürfte.

In anderen Ländern wie der Schweiz und Frankreich wird deshalb sogar schon diskutiert, ob man die Streamingdienste zur Not blockieren soll, um das Datenvolumen für andere Zwecke offenhalten zu können.

So weit ist man in Deutschland noch nicht. Aber wie aus Telekommunikationskreisen verlautete, gibt es bereits Überlegungen, auf Streamingdienste einzuwirken, die Qualität von HD (High Definition) auf Standardqualität (SD) herunter zu regeln, um die mit dem Streaming einhergehende Datenlast zu verringern. Dies sei ohne massive Qualitätseinbußen möglich, und leiste gleichzeitig einen großen Beitrag zur Versorgungssicherheit, hieß es.

Einen Vorteil hat die aktuelle Krise nach Einschätzung des VATM allerdings. Wie mehrere Branchenbeobachter berichten, ist angesichts der neuen technischen Herausforderungen in den vergangenen Tagen die Nachfrage von Unternehmen nach einer besseren Infrastruktur und Anbindung deutlich gestiegen. "Sehr viele steigen jetzt endlich von DSL auf Breitband um", sagt Grützner. "Ein Schritt in die richtige Richtung."

mit dpa-afx