Dienstag, 2. Juni 2020

Corona macht kreativ Warum die Krise auch ihre guten Seiten hat

Spirituosen-Manufaktur "Gin Sul": Der Betrieb wurde vorübergehend auf die Produktion von Hände-Desinfektionsmittel umgestellt.
Christian Charisius/dpa
Spirituosen-Manufaktur "Gin Sul": Der Betrieb wurde vorübergehend auf die Produktion von Hände-Desinfektionsmittel umgestellt.

Kennen Sie das Sprichwort "Überfluss macht erfinderisch"? Wahrscheinlich nicht. Denn es ist Not, die erfinderisch macht. Genau das beschrieb bis vor Kurzem einen Teil des deutschen Innovationsproblems: Es lief einfach zu gut. Ende 2019 kam eine Bertelsmann-Studie zu dem Schluss, "dass nur wenige Unternehmen in Deutschland die nötige Innovationskraft haben, um ihre Wettbewerbsposition auch langfristig zu sichern". Ein Teil der deutschen Wirtschaft hatte sich sogar der Digitalisierung schlichtweg verweigert. Wozu? Es lief doch. Das ist seit Ausbruch der Corona-Pandemie anders. Die Not ist da - und bringt einen wahren Kreativitätsschub in die Unternehmen.

Jens-Uwe Meyer
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    Dr. Jens-Uwe Meyer ist Geschäftsführer der Innolytics GmbH, Autor und internationaler Keynote Speaker. Mit 13 Büchern (u.a. "Digitale Gewinner", "Digitale Disruption") und mehr als 250 Artikeln zählt er zu den Vordenkern für Digitalisierung und Innovation in Europa.
    www.jens-uwe-meyer.de

Vom Teufelszeug zum Lebensretter

Eines der innovativen Angebote, das ohne Corona nie entstanden wäre, ist die Onlineplattform Doctodo. Die Gründer bieten Ärzten ein digitales Wartezimmer an. Statt in überfüllten und mitunter schlecht belüfteten Räumen zu warten, können Patienten sich auf einer digitalen Warteliste registrieren und werden benachrichtigt, sobald sie erscheinen können. Hinter dem Angebot steckt das Unternehmen Atodo, das ursprünglich eine Software für Gastronomen entwickelt hat, die ihre Tische besser auslasten wollten. Nun, da die Gaststätten geschlossen sind, brechen Atodo die Umsätze weg. Also suchte sich das Start-up einen neuen Markt.

In Augsburg erfanden Vertreter einer Zunft, die Digitalisierung lange als Teufelswerk betrachtete und über sinkende Einnahmen lamentierte, plötzlich einen neuen Vertriebsweg. Lokale Einzelhändler taten sich mit dem lokalen Lieferdienst Boxbote zusammen - und liefern über die Kooperation nun Waren zu ihren Kunden nach Hause. Damit macht der Handel binnen weniger Wochen einen Entwicklungssprung, für den er ohne die Krise vermutlich Jahre gebraucht hätte.

Ebenfalls über eine Kooperation lösten mehr als 100 mittelständische Unternehmen das Problem, schnellstmöglich neue Hygienestandards in ihren Betrieben einzuführen - und einzuhalten. Über die Webseite infektionsschutzhelfer.de riefen sie kurzerhand einen kostenlosen Online-Lehrgang für Infektionsschutz am Arbeitsplatz ins Leben. Denn wenn sich in jedem Unternehmen Fachkräfte für Infektionsschutz ausbilden lassen, lassen sich neue Infektionswellen nach dem Neustart der Wirtschaft verhindern. Vor wenigen Wochen hatte von Infektionsschutzhelfern noch niemand etwas gehört. Jetzt gibt es ein Weiterbildungsangebot mit Zertifikat.

Anpassung durch Innovation

Vom Start-up bis zum Traditionsunternehmen hat die Krise ungeahnte kreative Prozesse freigesetzt. Produktionsumstellungen, die unter normalen Bedingungen Monate, wenn nicht Jahre an Vorbereitungszeit brauchen, gelangen innerhalb weniger Tage. Als einem Krankenhaus in Brescia (Italien) der Nachschub an Ventilen für ihre Beatmungsgeräte ausging, stiegen die Mediziner mithilfe eines 3-D-Druck-Unternehmens selbst in die Produktion ein. Der Prototyp war binnen weniger Stunden fertig, der Stückpreis für die Ventile lag bei weniger als einem Euro.

Es gibt unzählige solcher Geschichten. Textilunternehmen, die Mundschutz produzieren, Schnapsbrenner, die auf Desinfektionsmittel umsteigen. Selbst beim altehrwürden TÜV werden ISO-Zertifizierungen mit Remote-Audits über Nacht zum neuen Standard. Bis vor Kurzem wäre das undenkbar gewesen, schließlich verdienten Zertifizierungsinstitute mit ihren personalintensiven komplexen Prozessen sehr viel Geld. Und es gab keinerlei Anreize, diese zu modernisieren und zu verschlanken. Bis jetzt.

Neue Anwendungen für bekannte Geschäftsmodelle

Was wir gerade erleben, ist eine spezielle Art der Kreativität. Die technischen Lösungen waren häufig bereits zuvor da, doch die Anwendungsfälle haben sich geändert. In der Expertensprache heißt so etwas Geschäftsmodellinnovation oder Business Model Innovation: Unternehmen erfinden keine neuen Produkte, sondern verändern ihre Lieferketten, ihre Kundenbeziehungen, ihre Form der Wertschöpfung oder ihr Marketing. Sie suchen nach neuen Märkten für ihre Lösungen.

Viele dieser Ideen werden die Wirtschaft nachhaltig verändern. Denn zum einen ist abzusehen, dass die Corona-Pandemie auf absehbare Zeit zum Alltag gehören wird. Zum anderen lassen sich neue Entwicklungen nicht einfach zurückdrehen:

  • Das digitale Wartezimmer macht in jeder Grippesaison Sinn.
  • Dem ISO-Auditor, der morgen wieder auf teuren Vor-Ort-Terminen besteht, werden schnell die Argumente ausgehen.
  • Das Krankenhaus, das einmal die Vorteile schneller und flexibler Lieferketten entdeckt hat, wird seine Partnerschaft mit 3-D-Druck-Unternehmen ausbauen.

Wo war diese Kreativität vorher? Im Tiefschlaf. Denn Kreativität ist nicht nur die Fähigkeit, neue Denkwege zu beschreiten. Sie braucht auch den Antrieb und den Ehrgeiz, alte, bekannte Wege zu verlassen. Das war vor Corona schlicht unnötig. Solange ISO-Auditoren fette Rechnungen für persönliches Erscheinen schreiben konnten, bestand wenig Anlass, das System zu ändern. Wozu hätten regional gut etablierte Einzelhändler mit treuer Stammkundschaft Liefersysteme aufziehen sollen? Es ging doch trotz Amazon irgendwie. Fortschritt wurde in vielen Unternehmen primär als Kostenfaktor angesehen. Heute ist er überlebensnotwendig.

Wird der Kreativitätsschub wieder erlöschen?

Wird der Kreativitätsschub wieder erlöschen, wenn die Pandemie unter Kontrolle ist? Selbstverständlich. Alle Gesellschaften haben kreative Hochphasen und solche, in denen die neuen Errungenschaften etabliert und administriert werden. Es ist abzusehen, dass der auch aktuelle Innovationsschub irgendwann endet. Dann wird es darum gehen, die neu entstandenen Märkte zu professionalisieren.

Wenn das digitale Wartezimmer wachsen möchte, braucht es Vertriebsstrukturen. Unternehmen aus dem 3-D-Druck-Bereich müssen daran arbeiten, sich in der neu entstandenen Lieferkette zu etablieren und konkurrenzfähig zu bleiben. Und zwar auch dann, wenn die Controller wieder regieren. Der Infektionsschutzhelfer wird voraussichtlich zu einer festen Größe im Bereich der Arbeitssicherheit werden. Vielleicht brauchen schon bald alle Unternehmen einen Betriebsbeauftragten für Infektionsschutz.

Die Uhr wird auch nach Corona nicht so einfach zurückgedreht werden können. Und nach den jüngsten Erkenntnissen der Virologen spricht vieles dafür, dass uns - bei allem Leid und Schrecken, die die Corona-Krise mit sich bringt - diese neue Kreativitätsphase noch eine Weile erhalten bleibt.


Jens-Uwe Meyer ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder. Meyers neues Buch "Digitale Gewinner" ist jetzt erhältlich.

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