Sonntag, 31. Mai 2020

Sondergutachten des Sachverständigenrats Prognosen im Wirbelsturm

Wie lange steht Deutschland noch still?
Jan Woitas/dpa-Zentralbild/dpa
Wie lange steht Deutschland noch still?

Die Wirtschaftsweisen rechnen mit einer zügigen Erholung ab dem Herbst. Ob das so kommt, entscheidet sich aber nicht nur in Deutschland.

Vor ein paar Wochen wäre es noch eine Horrorprognose gewesen: Das deutsche Bruttoinlandsprodukt (BIP) schrumpft in diesem Jahr um 2,8 Prozent, die Wirtschaft stürzt in die schwerste Rezession seit der Weltfinanzkrise.

Mittlerweise ist dieses "Basisszenario", das der Sachverständigenrat in seinem aktuellen Sondergutachten entwickelt, schon fast wieder beruhigend. Denn das Land käme danach letztlich mit einem tiefblauen Auge davon: Die Wirtschaft bricht zwar ein und bleibt im Zeitraum April bis Juni um gut 6 Prozent unter der Leistung vom Jahresende 2019. Schon in den darauf folgenden Monaten legt sie aber wieder kräftig zu und hat im Frühjahr nächsten Jahres wieder das alte Niveau erreicht. Die Arbeitslosigkeit steigt nur moderat. Ende 2021 nähert sich das BIP wieder dem alten Expansionspfad.

Ein solches Szenario sei "auf Basis der aktuellen Informationslage und dem sich abzeichnenden Verlauf in China" das plausibelste, sagen die Wirtschaftsweisen. Mehr als ein guter Hoffnungswert ist es dennoch nicht.

Denn die Unsicherheiten, das betonen auch die Ökonomen immer wieder, sind in diesem Krisensturm immens. Historische Erfahrungen, die Orientierung bieten könnten, gibt es kaum.

Fast alles hängt zunächst davon ab, wie lange und wie umfassend die Wirtschaft stillgelegt werden muss, um das Virus ausreichend zu kontrollieren. Auch die Verantwortlichen in der Regierung können das zurzeit nicht sagen.

Unklar ist zudem, wie gut die aufgelegten Rettungspakete tatsächlich greifen werden. Riesige Summen stehen bereit. Ob sie schnell und zielgenau genug ankommen, ist offen. Ein schneller Aufschwung ist nur dann möglich, wenn ein Pleiten-Tsunami verhindert wird.


Lesen Sie auch: Deutschland droht "schwere Rezession"


In der eigenen Gesundheits- und Wirtschaftspolitik kann die Bundesregierung in den kommenden Wochen immerhin noch nachsteuern. Schadensbegrenzung bleibt möglich.

Weitere, kaum zu beeinflussende Schocks drohen der Wirtschaft aber auch von außen: Die Finanzmärkte taumeln. Alle Handelspartner in Europa und Amerika rauschen gleichzeitig in die Rezession. Die medizinische und wirtschaftliche Krise in den Schwellenländern nimmt gerade erst Fahrt auf. Über 80 Länder haben schon Notfallhilfen beim IWF beantragt

Das alles bremst die Nachfrage nach deutschen Waren. Und es kann auch Lieferketten bedrohen, auf die deutsche Unternehmen für ihre Produktion angewiesen sind.

IWF-Chefin Kristalina Georgieva erwartet 2020 eine weltweite Rezession, die "genauso schlimm wie die Weltfinanzkrise oder noch schlimmer" sein werde. Im April wird ihr Stab seine detaillierteren Prognosen vorstellen. Das Bild für Deutschland kann dann schon wieder anders aussehen.

© manager magazin 2020
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung