Montag, 30. März 2020

ResearchGate-Chef Ijad Madisch zu Covid-19-Impfstoff "In Corona-Zeiten zählt die Geschwindigkeit"

Ijad Madisch: Der ResearchGate-Chef will Covid- Forscher bei der Impfstoffentwicklung unterstützen

Eine der wichtigsten Communitys für den Kampf gegen das Coronavirus wird von Berlin aus gelenkt. ResearchGate, eine Art Facebook für Forscher, vernetzt die Wissenschaftler, die weltweit mit Hochdruck an Impfstoffen und Medikamenten arbeiten. Ein Interview mit Gründer Ijad Madisch (39), selbst Virologe, über die neue Offenheit der Spezialisten, den Segen der Globalisierung und warum er trotzdem nicht allzu optimistisch ist.

manager magazin: Herr Madisch, die globale Herausforderung der Corona-Krise weckt in vielen Staaten nationale Egoismen. Von Exportstopps für Medizinprodukte bis hin zum kolportierten Versuch Trumps, sich für viel Geld eine Biotech-Firma und damit Erstzugriff auf deren Impfstoff zu sichern. Glauben Sie, dass so ein Verhalten Negativfolgen für die internationale Forschungszusammenarbeit haben kann?

Ijad Madisch: Nein. Ich bin überzeugt, dass die Wissenschaftler diese Grenzen wieder aufbrechen werden, weil wir wissen, dass wir dieses Problem nur zusammen lösen können. Die Viren bleiben ja auch nicht vor der Grenze stehen. Und deshalb müssen wir erstmals wirklich global arbeiten.

Ähnliche Krisen gab es ja auch schon in der Vergangenheit - beispielsweise die Spanische Grippe.

Ja, aber damals gab es noch keine globalen Lösungen, weil es auch keine globalen Werkzeuge gab, um vereint dagegen zu kämpfen. Momentan hilft es vielleicht, erst einmal die Grenzen zu schließen. Aber in der Wissenschaft spielen ja Ländergrenzen keine Rolle - sondern Forschungsgegenstände. Und die sind international. Deshalb bin ich überzeugt: Auf lange Sicht können wir diese Krise nur mit internationaler Zusammenarbeit meistern.

Auf Ihrem Netzwerk tummeln sich mittlerweile 16 Millionen Wissenschaftler und wissenschaftliche Fachkräfte aus aller Welt. Beobachten Sie denn angesichts von Corona eine verstärkte Aktivität oder gewinnen viele Neumitglieder?

Viele Wissenschaftler nutzen schon heute ResearchGate als zentralen Austauschpunkt für die COVID19-Forschung. Es arbeiten allerdings nicht Hunderttausende Wissenschaftler an dem Thema, aber natürlich ist dieser Bereich aktiver als sonst.

Inwiefern aktiver?

Wir beobachten, dass unsere Nutzer sehr viel früher ihre Ergebnisse bei uns hochladen und oft nicht mehr warten, bis sie in Journalen veröffentlicht sind. Geschwindigkeit ist viel wichtiger geworden.

In Zeiten wie diesen nachvollziehbar.

Ja. Wir selbst werden die Lösung für das Problem nicht finden. Aber wir müssen diejenigen, die es können, dazu in die Lage versetzen. Deshalb haben wir gerade alle Inhalte, Daten und Diskussionen, die Covid-19 betreffen, zentralisiert verfügbar gemacht. Und wir haben eine kostenlose Expertensuche für den Covid-Bereich gelauncht, über den Unternehmen und Forschungsinstitute nach passenden Wissenschaftlern suchen können. Ziel ist es, so viele Wissenschaftler wie möglich in diese Covid-Community zu bekommen und so zu vermeiden, dass jeder dieselbe Forschung noch mal für sich macht .

Wie international ist die virtuelle Zusammenarbeit auf Ihrer Plattform denn? Vor ein paar Jahren stammten die meisten Nutzer ja noch aus Nordamerika und Europa?

Das ist in den vergangenen Jahren deutlich internationaler geworden - vor allem in China und Indien sind wir massiv gewachsen. Die Covid-Forscher auf unserer Plattform beispielsweise stammen zu 26 Prozent aus Nordamerika, zu 27 Prozent aus Europa, zu 38 Prozent aus Asien, 2 Prozent aus Australien, 3 Prozent aus Afrika und 4 Prozent Südamerika.

Das Coronavirus müsste für Researchgate einer Sonderkonjunktur gleichkommen. Mit wieviel Umsatzwachstum rechnen Sie in diesem Jahr?

Mit gar keinem. Im Recruiting-Bereich beispielsweise stellen wir uns auf ein Minus ein, weil viele Unis aktuell keine Forscher einstellen. Im Werbebereich könnte das hingegen angesichts der aktuellen Lage in die andere Richtung gehen. Insgesamt gehen wir derzeit von Umsatzeinbußen von etwa 20 Prozent aus.

Andere soziale Netzwerke haben massiv mit Fake-News zu kämpfen - auch in der Corona-Krise. Auch wenn Sie sich vor allem an Wissenschaftler und wissenschaftliches Fachpersonal richten. Bei 16 Millionen Mitgliedern werden nicht alle neutral und unfehlbar sein. Wie gehen Sie mit Falschinformationen um?

Der Vorteil von ResearchGate ist ja der, dass man sich bei uns nur mit der E-Mail-Adresse einer wissenschaftlichen Institution anmelden kann, die wir in unserer Datenbank gelistet haben. Das heißt, wir haben anders als bei Twitter oder Facebook nicht hunderte Millionen Leute, die einfach etwas posten können. Und die bei Bedarf einfach ein neues Profil anlegen. Deswegen hatten wir eigentlich nie ein wirkliches Fake-news- oder Hatespeech-Problem.

Trotzdem erscheinen auch bei ResearchGate umstrittene Artikel auf der Plattform.

Wenn ein Artikel erscheint, der offensichtlich falsch ist, gibt es so was wie eine virtuelle Peer review - und falsche Informationen werden von der Community als solche gebrandmarkt. Und wir werden informiert und geben die Infos dann weiter, wenn dieser Artikel beispielsweise in einem Journal veröffentlicht wurde. Manchmal ziehen die Fachzeitschriften diese Artikel dann auch zurück.

Aber ein aktives Screening als Plattformbetreiber gibt es nicht?

Bei uns hält die Community das Netzwerk eigentlich ziemlich gut sauber. Wenn es Fälle von Diskriminierung und Beleidigungen gibt, sperren wir auch Konten.

Ist denn aktuell im Covid-Bereich so etwas wie ein "war for talents" zu beobachten, weil jeder derjenige sein will, der das Rätsel um den Impfstoff löst?

Hier sollte nicht persönliches Gewinnstreben der Treiber sein. Die Bekämpfung der Corona-Krise ist eine Menschheitsaufgabe. Es ist wichtig, dass diejenigen mit dem geeigneten Knowhow an den richtigen Stellen unterstützen. Wer Mitarbeiter zur Verstärkung seines Teams im Bereich der Covid-19-Forschung sucht, kann diese Ausschreibungen jetzt auch kostenfrei auf ResearchGate veröffentlichen.

Aktuell werden ja auch mehrere deutsche Biotech-Firmen als Kandidaten genannt, denen der Impfstoff-Durchbruch gelingen könnte. Wie schätzen Sie als Virologe hier die Chancen ein?

Ich halte das für durchaus denkbar.

Und wie sieht es mit Kandidaten aus, die wir hierzulande vielleicht noch gar nicht auf dem Schirm haben? Halten Sie es für denkbar, dass plötzlich ein hier bislang unbekanntes Unternehmen mit einem Impfstoff um die Ecke kommt?

In der Wissenschaft ist alles möglich. Aber die Entwicklung eines Impfstoffes ist ein langer, komplizierter Prozess. Aber wir sind heute schon viel besser als noch vor einigen Jahren: Man kann mittlerweile viel automatisierter bestimmte Wirkstoffe analysieren. Allerdings: Für SARS gibt es noch immer keinen Impfstoff. Für MERS auch nicht. Und diese Erreger sind jetzt auch schon ein paar Jahre alt.

Wobei natürlich auch das Geld, das in die Forschung reingesteckt wurde, eine Rolle spielen dürfte.

Klar. Und das Interesse. Viele Virologen sagen ja, dass wir eine Chance haben, dass nächstes Jahr ein Impfstoff bereitsteht. Das wäre meiner Meinung nach eine Sensation.

Aber ich bin überzeugt: Das Covid-19-Problem wird umso schneller gelöst werden, umso besser Wissenschaftler der verschiedensten Fachrichtungen aus aller Welt zusammenarbeiten. Und je mehr auch Fachkräfte aus Forschungsinstitutionen und Unternehmen kooperieren.

Wie offen sind denn da die Unternehmen?

Unterschiedlich. Aber ich bin überzeugt, dass Unternehmen, die sich zumindest zum Teil offen zeigen und auf internationale Kooperationen setzen, eindeutig die besseren Karten haben. Was das Virus mit uns macht - nämlich Grenzen nicht zu beachten - müssen wir jetzt auch im Kampf gegen das Virus machen.

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