Siemens, Daimler, Deutsche Bank und jetzt VW Wie deutsche Konzerne mit US-Aufpassern klarkommen

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Volkswagen: Dirty Diesel - die Chronik der Ereignisse im VW-Abgasskandal

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Larry Thompson wird wohl der Louis Freeh von Wolfsburg. Mit dem Vorschlag, den früheren FBI-Direktor Freeh als Berater zu holen, der den Konzern auf Sinn für Recht und Gesetz trimmt, war Vorstand Christine Hohmann-Dennhardt vor einem Jahr noch abgeblitzt.

Freeh würde den Betrieb lahmlegen, hohe Rechnungen stellen und eine Doppelstruktur zu Hohmann-Dennhardts eigenen Compliance-Truppen schaffen, fürchteten Betriebsräte und Manager. Die Rolle des Amerikaners als gerichtlich bestellter "Compliance Monitor" beim Wettbewerber Daimler hat deutschlandweit Eindruck hinterlassen.

Genau so eine "unabhängige Aufsichtsperson" bekommt künftig aber auch Volkswagen , wie das US-Justizministerium im Januar bestätigte. Die Bestellung eines solchen Monitors für die kommenden drei Jahre sei Teil des Vergleichs mit Justizministerium und Zoll, teilt der Autohersteller mit.

Kaum drei Wochen nach dieser Einigung hat Hohmann-Dennhardt ihren Job bei Volkswagen vorzeitig beendet, laut Konzern "aufgrund unterschiedlicher Auffassungen über Verantwortlichkeiten und die künftigen operativen Arbeitsstrukturen in ihrem Ressort". Laut "Spiegel" kostet der frühe Abschied zwölf Millionen Euro.

Louis Freeh bei Daimler: Der gefürchtete Aufräumer

Ex-FBI-Chef und Daimler-Kontrolleur Louis Freeh

Ex-FBI-Chef und Daimler-Kontrolleur Louis Freeh

Foto: REUTERS

Louis Freeh ist der Archetyp des Aufpassers in deutschen Chefetagen. Der 67-Jährige, der in den 90er Jahren die Bundespolizei FBI leitete, hatte schon alles von Mafia-Fällen über Terrorattacken und Präsident Clintons Sexskandal bis zur Korruption der Fifa auf dem Schreibtisch.

Seine Karriere als kompromissloser Ermittler konnte er in deutschen Konzernen fortsetzen. Daimler  heuerte Freeh 2006 auf Betreiben der Kanzlei Skadden Arps an, um internationale Schmiergeldzahlungen aufzuklären. 2010 verglich sich der Konzern mit den US-Behörden und beschäftigte den bisherigen Berater fortan als gerichtlich bestellten Independent Monitor.

Und der stellte mit 20 Mitarbeitern alles auf den Kopf. Daimlers Manager mussten Freeh Rede und Antwort stehen und Akten aushändigen - für etliche von ihnen, wenn auch keinen Vorstand, folgte anschließend die Kündigung. Die jährlichen Berichte nach Washington klangen anfangs vernichtend, "ein Good-Old-Boys-Netzwerk bestimmter Daimler-Führungskräfte widersetzt sich weiterhin dem Wandel".

Allmählich setzte sich Freeh, der pro Jahr bis zu 25 Millionen Euro in Rechnung stellte, weitgehend durch. Christine Hohmann-Dennhardt, die bei Daimler denselben Job ausübte wie heute bei Volkswagen, schliff einiges ab. Gegen Freehs Willen setzte sie beispielsweise Datenschutz und Schutz für zu Unrecht Beschuldigte im internen Whistleblower-System durch. Am Ende von Freehs Mandat im März 2013 konnten sei ihr Werk aber gemeinsam als Erfolg feiern.

Daimler sei "ein neues Unternehmen, ein integres Unternehmen", verkündete Freeh, der Daimler weiterhin als Beirat diente, ein "Weltmeister in Compliance" und tue sogar "in vielerlei Hinsicht mehr, als nötig gewesen wäre, um die Auflagen zu erfüllen". Das betont saubere Geschäft zahle sich auch in steigenden Gewinnen aus. In Teilen der Deutschland AG dagegen wird diese Art "Ablasshandel" bis heute kritisch gesehen, wie ein mm-Report von 2016 belegt.

Theo Waigel bei Siemens: Willkommen am Wittelsbacherplatz

Siemens-Aufpasser Theo Waigel

Siemens-Aufpasser Theo Waigel

Foto: DPA

Freeh war jedoch nicht der erste auf amerikanisches Geheiß installierte Monitor in einem Dax-Konzern. Schon 2009 bescherten Siemens' schwarze Kassen dem früheren Bundesfinanzminister Theo Waigel einen neuen Job in München. Den Vorschlag konnte Aufsichtsratschef Gerhard Cromme dem Gericht schmackhaft machen - und traf damit wohl eine bequeme Wahl.

Denn der CSU-Politiker, der schließlich 100 Arbeitstage zu 5000 Euro in Rechnung stellte, sorgte für vergleichsweise wenig Unruhe. "Eines haben Sie ganz raffiniert gemacht", bescheinigte Waigel dem damaligen Konzernchef Peter Löscher: "Sie haben mir eines der schönsten Büros am Wittelsbacherplatz gegeben."

Waigel zeigte sich in seiner Bilanz durchaus eifrig. 51.000 Dokumente habe sein Team ausgewertet und 2000 Menschen befragt. Seine in jährlichen Berichten nach Washington angemahnten anfangs 200 Verbesserungen seien aber alle ohne Murren umgesetzt worden. "Ich kann zertifizieren, dass bei Siemens kein systemisches Risiko mehr besteht", hieß das Zeugnis 2013. Die früher grassierende Korruption belastet das Image des Konzerns heute kaum noch.

Mark Livschitz bei Bilfinger: Monitor muss in die Verlängerung

Bilfinger-Zentrale in Mannheim: Compliance Monitor Mark Livschitz möchte nicht im Bild gezeigt werden

Bilfinger-Zentrale in Mannheim: Compliance Monitor Mark Livschitz möchte nicht im Bild gezeigt werden

Foto: ? Lisi Niesner / Reuters/ REUTERS

Weniger konfliktfrei läuft es bei dem Baudienstleister Bilfinger. Das Mandat des Züricher Anwalts Mark Livschitz als Independent Monitor hätte eigentlich nach vier Jahren Ende 2016 auslaufen sollen, doch zwischenzeitlich musste der Mannheimer Konzern eine neue Vereinbarung mit dem US-Justizministerium schließen.

"Wir mussten zur Kenntnis nehmen, dass dem US-Ministerium unsere bisherige Bemühungen nicht ausreichen", konzedierte der damalige Interimschef Axel Salzmann 2015. Livschitz' Bericht war negativ ausgefallen, nicht nur wegen zwischenzeitlich neu aufgetauchter Korruptionsvorwürfe - sondern auch, weil die alte Bilfinger-Führung ihm dem Vernehmen nach bewusst Steine in den Weg legte.

Der Monitor dürfe nicht zu viel erfahren, hieß die Devise. Sonst schicke der womöglich noch Louis Freeh ins Haus, warnte nach mm-Informationen der inzwischen verstorbene Aufsichtsratschef Bernhard Walter.

Das Resultat war ein wildes Kommen und Gehen in der Chefetage. Nach mehrfachen CEO-Wechseln wurden Finanz-, Personalvorstand und Chefjustitiar ausgetauscht. Zusätzlich zum gerichtlich bestellten Aufpasser wurde schließlich als Berater zum Aufbau einer Compliance-Abteilung - genau: Louis Freeh - angeheuert; "so teuer wie McKinsey", heißt es im mm-Report. Mark Livschitz wollte seine Erfahrungen bei Bilfinger nicht kommentieren und bat manager-Magazin.de sogar darum, von einem Bericht über ihn abzusehen.

Deutsche Bank: Trumps Ratgeber als Aufpasser

Paul Atkins: Deutsche-Bank-Aufpasser setzt auf Deregulierung

Paul Atkins: Deutsche-Bank-Aufpasser setzt auf Deregulierung

Foto: AFP

Bei all den Skandalen darf auch die Deutsche Bank  nicht fehlen. Der Geldwäsche-Skandal in Russland hat ihr Ende Januar nicht nur eine 600-Millionen-Euro-Strafe der amerikanischen und britischen Bankenaufsicht eingebracht, sondern auch einen Independent Monitor. Es wird schon der zweite im Haus.

Der erste kam vergangenen Oktober als Ergebnis einer Einigung mit der US-Börsenaufsicht CFTC. Darin geht es um die fehlende Kontrolle der auf mehrere Billionen Dollar Nennwert taxierten Swap-Derivate der Bank.

Als Aufpasser wurde Paul Atkins berufen, Gründer der Beratungsfirma Patomak. Er soll mit seinem Team unter anderem prüfen, ob die Frankfurter die Kontrolle ihrer eigenen Finanzdaten im Griff haben. Merkwürdig dabei ist, dass Atkins als Gegner staatlicher Regeln und Auflagen bekannt ist.

Patomak berät Banken, wie sie all die seit der Finanzkrise verhängten neuen Regeln befolgen - oder umgehen - können. Atkins selbst äußerte sich wiederholt als Skeptiker. Vor dem Parlament gab der Veteran der Börsenaufsicht SEC zu Protokoll, "die wahre Tragödie oder unbequeme Wahrheit hinter den hunderten neuen Regeln aus Washington" sei, dass Verbraucher, Anleger und Mittelständler davon behindert würden.

Fast zeitgleich mit der neuen Rolle bei der Deutschen Bank bekam Paul Atkins einen weiteren Beraterjob: für die finanzielle Deregulierung, im Auftrag von Deutsche-Bank-Schuldner Donald Trump.

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