Commerzbank-Vorstand Markus Beumer "Digitalen Wandel muss man wollen"

Roboterzelle beim Maschinenbauer Trumpf: "Das Thema digitaler Wandel ist im Mittelstand angekommen"

Roboterzelle beim Maschinenbauer Trumpf: "Das Thema digitaler Wandel ist im Mittelstand angekommen"

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Markus Beumer ist im Vorstand der Commerzbank für den Bereich Mittelstand zuständig.

mm: Industrie im Umbruch - durch die Vernetzung von Maschinen und den Einsatz digitaler Technologien wird sich die Art und Weise, wie wir arbeiten und produzieren, grundlegend verändern. Doch viele deutsche Unternehmen, so scheint es, hinken beim Thema "Industrie 4.0" der US-Konkurrenz hinterher. Verschläft der deutsche Mittelstand den digitalen Wandel?

Beumer: Ich glaube nicht, dass sich deutsche Unternehmen bei den digitalen Technologien von der Konkurrenz abhängen lassen. Unsere Umfrage unter 4000 mittelständischen Unternehmen zeigt, dass das Thema "digitaler Wandel" im Mittelstand angekommen ist. 86 Prozent der Befragten sehen den Einsatz der neuen Technologien als große Chance und nicht als Gefahr. Beinahe jeder Zweite erwartet mehr Wachstum für sein Unternehmen. Und jeder Sechste hat mit der Digitalisierung der Produktion bereits begonnen - es ist also bereits viel in Gang gekommen.

mm: Wenn 16 Prozent der Unternehmen bereits dabei sind - das klingt nicht so, als ob der Exportweltmeister Deutschland hier auf der Überholspur ist.

Beumer: Einfach nur die Spur zu wechseln und Gas zu geben, bringt wenig. Wir dürfen nicht vergessen, dass das Thema Digitalisierung sehr komplex ist. Man legt nicht einfach einen Schalter um und ist beim digitalen Wandel mittendrin. Sie müssen als Unternehmer erst einmal analysieren und entscheiden, welchen Teil des Produktionsprozesses Sie verändern und in welchem Bereich Sie investieren wollen. Auch wenn Sie sich Berater an Bord holen, erleichtert das nicht sofort die Entscheidung. Das Thema Digitalisierung sorgt im Gegenteil zunächst für mehr Komplexität: Je intensiver Sie sich dem Thema, seinen Möglichkeiten und Sicherheitsrisiken widmen, desto mehr Herausforderungen stellen sich. Unternehmen können sich derzeit noch kaum auf verlässliche Standards stützen, sie müssen viel Zeit und Geld investieren.

mm: Aber nichts zu tun, ist keine Alternative. Allein das Beispiel Online-Handel zeigt doch, wie ganze Branchen binnen kurzer Zeit grundlegend verändert werden können. Und jeder vierte Befragte sagt in der Umfrage "Management im Wandel" ganz offen, dass er sich und seine bisherigen Geschäftsmodelle durch aktuelle digitale Entwicklungen bedroht sieht.

Beumer: Genau aus diesem Grund ist es auch sinnvoll, sich der Digitalisierung so zu nähern, wie es der deutsche Mittelstand tut: In Ruhe nach Lösungen suchen, und nicht aus Angst in Aktionismus verfallen. Man muss auch die Hindernisse sehen und erkennen, dass sie lösbar sind - und man muss den Mut und die Geduld haben, Neues auszuprobieren und nicht gleich beim ersten Fehlschlag aufzugeben. Das hat auch viel mit der Firmenkultur zu tun.

mm: Wer sind denn die digitalen Innovatoren? Was zeichnet Unternehmen aus, die sich dem digitalen Wandel stellen?

Beumer: Es sind Unternehmer, die bereit sind, die für lange Zeit erfolgreichen Geschäftsmodelle in Frage zu stellen. Sie definieren den Begriff "Innovation" neu, sind experimentierfreudig und mutig genug, um ganze Produktionsprozesse in Frage zu stellen und neu zu entwerfen. Dafür schaffen sie kreative Freiräume und holen häufig jüngere, technische Spezialisten, die auch mal die Gesamtstrategie eines Unternehmens auf die Probe stellen dürfen.

mm: Das klingt anstrengend ...

Beumer: ... und das ist es auch. Die digitale Erneuerung muss man sich leisten können - nicht nur finanziell, sondern auch intellektuell. Unternehmen, die viele Jahre lang als "Hidden Champions" in ihrer Branche weltweit höchst erfolgreich waren und noch sind, müssen bereit für eine Erneuerung und für eine neue Kultur sein: Sich auch mal auf die Expertise externer Dritter zu verlassen, eine neue Komplexität zuzulassen. Komplexität wird von den digitalen Innovatoren nicht als Killer des Erneuerungsprozesses verstanden, sondern als ein Hindernis, das bewältigt werden muss. Wer sich zu diesem Innovationsprozess bekennt, der entwickelt auf dieser Grundlage auch eine klare Wachstumsstrategie und kann schon heute großen Nutzen aus der Digitalisierung ziehen.

mm: Warum sollte ein Hidden Champion, der noch immer gute Geschäfte macht und Marktanteile gewinnt, sein Geschäftsmodell so grundsätzlich in Frage stellen?

"Viele empfinden die Politik der EZB als nicht solide"

Beumer: Es mag verlockend sein, erst einmal abzuwarten. Aber so denkt das Gros der deutschen Mittelständler nicht. Auch Marktführer müssen vorsorgen und vorausdenken, auch sie müssen sich täglich fragen, wie sich ihre Beziehungen zu den Kunden ändern. In vielen Branchen - nicht nur in der Reisebranche oder im Handel - besetzen Neulinge die Schnittstellen zum Kunden. Solche möglichen Veränderungen müssen auch Marktführer genau auf dem Radar haben. Im Übrigen sind die meisten deutschen Mittelständler in einer komfortablen Position, um den digitalen Wandel erfolgreich zu bewältigen: Sie sind finanziell und strukturell gut gerüstet, sind gut aufgestellt, ohne selbstzufrieden zu sein - und brauchen nun den Mut und die Experimentierfreude, ihr Geschäftsmodell neu zu denken.

mm: Noch brummt die deutsche Wirtschaft. Was sehen mittelständische Manager derzeit als ihre dringendste Aufgabe an?

Beumer: Viele profitieren noch vom weichen Euro, den niedrigen Zinsen und der gestiegenen Binnennachfrage - doch die Unternehmer wissen auch, dass diese Art Wachstum nicht unendlich weitergehen wird. Viele empfinden die Politik der EZB als nicht solide. Aus dieser gesunden Skepsis heraus entwickeln sie Strategien, um ihre Effizienz zu steigern - und auch dann noch erfolgreich zu sein, wenn sich die Stimmung verschlechtert und das Wachstum verlangsamt. Wer sein Produkt verbessert, den Produktionszyklus beschleunigt oder neue Kundengruppen durch zusätzliche Produkte gewinnt, wird auch in den hart umkämpften Nischenmärkten, in denen Mittelständler häufig unterwegs sind, in Zukunft erfolgreich sein. Und dabei können digitale Technologien enorm helfen.

mm: Wenn digitale Technologien als Wettbewerbsvorteil erkannt werden - warum werden sie von vielen Unternehmen dennoch zurückgestellt?

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Beumer: Einigen Unternehmern fehlt bislang schlicht der Rahmen, in dem man diesen Veränderungsprozess konkret umsetzen kann. Über den digitalen Wandel zu diskutieren ist leicht, aber ihn konkret in der jeweiligen Marktnische umzusetzen und zu gestalten, ist sehr anspruchsvoll. Dabei sind auch weit reichende Entscheidungen zu treffen: Man kann die tradierten Modelle stärken oder verändern, man kann neue Wege gehen oder das alte Modell auf den Kopf stellen. Die meisten mittelständischen Unternehmen beobachten die digitalen Entwicklungen in der eigenen Branche sehr genau und reagieren auch rasch auf neue Anforderungen der Kunden. Diese wachsame, gelegentlich noch abwartende Haltung sollte man nicht mit Schläfrigkeit verwechseln.

mm: Und wann platzt der Knoten? Wann wird der Wandel Realität?

Beumer: Wir vertrauen auf die digitalen Innovatoren, die Pilotprojekte starten und in technische Spezialisten investieren. Diese machen früh eigene Erfahrungen - und sie zeigen den Wettbewerbern, dass der digitale Wandel allein durch Beobachtung nicht zu bewältigen ist. Man muss ihn wagen, die Chancen der neuen Technologien erkennen und den Wandel wollen.

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