Samstag, 19. Oktober 2019

Zukunft der Corporate Governance "15.000 Euro Tagessatz für einen Profi-Aufsichtsrat"

Christoph Zeiss: Der Personalexperte erstellt auch Gutachten für Aufsichtsräte zu Vorstandsvergütungen

Christoph Zeiss, Mitgründer der Personalberatung Heads, besetzt und berät regelmäßig Aufsichtsräte. Er hat eine Machtverschiebung vom Vorstand zum Aufsichtsrat ausgemacht - und rechnet deswegen mit kräftig steigenden Vergütungen für die Kontrolleure.

Hamburg - Zwei deutsche Industrie-Ikonen laden im Januar ihre Aktionäre zur Hauptversammlung: ThyssenKrupp Börsen-Chart zeigen und Siemens Börsen-Chart zeigen. Beide Konzerne haben zuletzt arg mit ihrer Corporate Governance gehadert - wenn auch freilich in unterschiedlichen Härtegraden. Bei ThyssenKrupp geht es nach haarsträubenden Fehlentscheidungen inzwischen um die Existenz, bei Siemens nach unglücklicher Auswahl des Spitzenpersonals voraussichtlich nur um ein paar verlorene Jahre.

Investoren in Deutschland diskutieren nun, ob Organisation und Personal deutscher Aufsichtsräte überhaupt professionell und verantwortungsbewusst genug sind. In einer kleinen Reihe rund um die Hauptversammlung der Siemens AG am 28. Januar veröffentlicht manager magazin online Kurz-Interviews mit einigen einflussreichen deutschen Aufsichtsräten - die ihre Aussagen allerdings ausdrücklich nicht auf die konkrete Situation bei ThyssenKrupp oder Siemens bezogen wissen wollen.

mm: Viele Aufsichtsräte beklagen, dass die Arbeit im Gremium durch den Corporate-Governance-Kodex und den Gesetzgeber in ein zu starres Korsett gezwängt ist und kaum mehr inhaltlich diskutiert wird.

Zeiss: Die Formalisierung nimmt zu und die juristischen Erwägungen auch. Nicht selten verstecken die Funktionsträger ihre unternehmerische Risikoscheu aber auch hinter Corporate-Governance- oder Compliance-Fragen. Im Ergebnis aber greift eine gewisse Risikoaversion um sich, das stimmt schon. Und das wirft uns zurück in Europa.

mm: Welche Folgen hat das für Vorstände?

Zeiss: Das Risiko, den Job schnell wieder zu verlieren, steigt. Früher war man part of family, oft verbrachte man sein gesamtes Berufsleben in ein und demselben Unternehmen. Jetzt ist es zunehmend ein Lebensabschnittsjob. Die Vorstände heute sind auch nicht mehr so ausschließlich fixiert auf den Job, den sie gerade ausüben. Familie spielt eine wichtigere Rolle. Schauen Sie sich Christoph Franz an, den Lufthansa-Chef. Der ist zweimal die Woche nach Hause geflogen, um seine Familie, seine fünf Kinder zu sehen. Jetzt wechselt er zu Roche in die Schweiz.

Für die Ausgestaltung von Vorstandsverträgen gibt es zwei wesentliche Änderungen: Die Vorstände pochen sehr auf den maximalen Versicherungsschutz durch D&O-Versicherungen. Und die change-of-control-Regeln werden ausgefeilter. Wenn beispielsweise ein neuer Aufsichtsratschef kommt, wollen sich viele vorbehalten, das Unternehmen verlassen zu können.

mm: Weil der Aufsichtsratsvorsitzende eine wichtigere Rolle spielt?

Zeiss: Absolut. Die Governance-Diskussion hat zu einer Machtverschiebung vom Vorstand zum Aufsichtsrat geführt. Allerdings sind bislang weder Haftung noch Bezüge mitgewachsen.

mm: Also wird die Vergütung der Kontrolleure steigen?

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