Samstag, 14. Dezember 2019

Software-Schmiede aus München Deutscher Zukunftspreis geht an Game Changer Celonis

Celonis-Gründer (v.l.n.r.) Bastian Nominacher, Alexander Rinke, Martin Klenk: Nach dem Game Changer Award von mm und Bain erhält Celonis jetzt auch den deutschen Zukunftspreis
Ansgar Pudenz
Celonis-Gründer (v.l.n.r.) Bastian Nominacher, Alexander Rinke, Martin Klenk: Nach dem Game Changer Award von mm und Bain erhält Celonis jetzt auch den deutschen Zukunftspreis

Mit künstlicher Intelligenz holprigen Prozessen auf die Spur kommen: Die Celonis-Gründer sind mit dem Deutschen Zukunftspreis 2019 geehrt worden. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier übergab die Auszeichnung am Mittwochabend an die Gruppe um den Mathematiker Alexander Rinke aus München. Der Preis für Technik und Innovation ist mit 250.000 Euro dotiert.

Die 2011 gegründete Firma, die dank einer neuen Finanzierung inzwischen mit 2,5 Milliarden Dollar bewertet wird, gerät damit immer stärker in den Blick der Öffentlichkeit. Bereits in der vergangenen Woche hatte Celonis den "Game Changer Award" des manager magazins und der Unternehmensberatung Bain erhalten. Ihr Geschäftsmodell, mit ihrer Software die Abläufe in Unternehmen zu verbessern, ist disruptiv.

"Das Team hat ein vielseitiges und einfach zu handhabendes digitales Werkzeug geschaffen, mit dem sich unternehmerische Prozesse analysieren, darstellen und effizienter gestalten lassen", erklärte das Bundespräsidialamt. Rinke und seine Mitstreiter, ein Informatiker und ein Wirtschaftsinformatiker, gründeten Celonis als Start-up aus der TU München heraus.

Ihre Entwicklung zielt auf reibungslose Prozesse in Firmen ab. Damit könne man etwa für pünktlichere Züge oder eine schnellere Behandlung von Patienten im Krankenhaus sorgen, schilderte Rinke im Vorfeld der Verleihung. Generell könnten zum Beispiel Einsparpotenziale erkannt sowie mehr Kundenzufriedenheit und höhere Profite erreicht werden.

Dahinter steht sogenanntes Process Mining: Daten der Unternehmen würden "ausgegraben" und zusammengetragen, um zu erkennen, wo es möglicherweise hakt - so wurde die Technologie bei der Verleihung erklärt. Gerade in großen Unternehmen seien Zusammenhänge oft nicht mehr zu überblicken. Inzwischen habe man 800 Arbeitsplätze geschaffen, so Rinke.

Einer der wichtigsten Wissenschaftspreise im Land

Die Gewinner setzten sich gegen zwei weitere Teams aus Nordrhein-Westfalen sowie aus Bayern/Baden-Württemberg durch. Diese waren für die Nutzung des Treibhausgases Kohlenstoffdioxid (CO2) als Rohstoff und eine Neuerung bei der Magnetresonanztomografie (MRT) nominiert. Beim Zukunftspreis gilt schon die Nominierung als hohe Auszeichnung - bewerben kann man sich nicht dafür. Steinmeier würdigte die Forscher, Entwickler und Unternehmer als "Menschen mit Mut und mit Lust auf die Zukunft".

Die Auszeichnung des Bundespräsidenten gilt als einer der bedeutendsten Wissenschaftspreise in Deutschland. Eine Jury bewertet die Innovationsleistung, es zählen aber auch die Marktfähigkeit und das Arbeitsplatz-Potenzial. Gefördert wird der Preis von deutschen Unternehmen und Stiftungen. Im vergangenen Jahr war eine Gruppe geehrt worden, die ein Medikament gegen ein gefährliches Virus entwickelt hatte.

Celonis erhielt bereits den "Game Changer Award"

Celonis kann sich über mangelnde liquide Mittel nicht beklagen. Im November wurde bekannt, dass das Unternehmen in seiner dritten Finanzierungsrunde 290 Millionen US-Dollar erhält. Die Investoren bewerten das Münchner Unternehmen dabei mit 2,5 Milliarden Dollar und machen es zu einem der wertvollsten Start-ups in Deutschland - in einer Reihe mit dem Onlinegebrauchtwagenhändler Auto1 oder auch der Digitalbank N26.

Celonis - das so manch optimistischer Branchenkenner schon mit dem nächsten SAP vergleicht - zählt Konzerne wie Siemens Börsen-Chart zeigen, die Lufthansa Börsen-Chart zeigen, 3M oder Nestlé zu seinen Kunden. Das Start-up, das 2011 von Alexander Rinke (30), Bastian Nominacher (34) und Martin Klenk (32) gegründet wurde, verzeichnete nach eigenen Angaben im vergangenen Geschäftsjahr neue Auftragseingänge im Wert von mehr als 100 Millionen Dollar.

Die Gründer entwickeln eine Software für Prozessanalyse in Unternehmen - "Röntgenaufnahmen" für jeden Ablauf, wie es Rinke beschreibt. Mit den Programmen können Onlineshops zum Beispiel herausfinden, wo ihre Kunden den Einkauf am häufigsten abbrechen oder Betriebe erkennen, wann es in ihren Lieferketten stockt.

Hauptinvestor der aktuellen Finanzierungsrunde kommt aus New York

Hauptinvestor der aktuellen Finanzierungsrunde ist Arena Holdings aus New York, die Investmentgesellschaft des ehemaligen Tiger-Global-Hedgefonds-Managers Feroz Dewan, der auch im Verwaltungsrat des Lebensmittelriesens Kraft Heinz sitzt. Außerdem investiert Ryan Smith, Gründer der Analysesoftware für Kundenerlebnisse Qualtrics, das SAP vergangenes Jahr für acht Milliarden Dollar übernommen hatte.

Enge Verbindungen zu SAP durch Vertriebspartnerschaft

Celonis' Verbindungen zu Deutschlands wertvollstem Unternehmen sind eng: Eine Vertriebspartnerschaft mit dem Walldorfer Konzern sichert dem Start-up seit dem Jahr 2015 gute Absätze. Manager von SAP sind bereits zu Celonis gewechselt; Carsten Thoma - der Gründer von Hybris, das von SAP Börsen-Chart zeigen für eine Milliardensumme übernommen wurde - sitzt im Celonis-Verwaltungsrat.

Insgesamt hat das Start-up seit Juni 2016 rund 370 Millionen US-Dollar von Investoren erhalten. Im vergangenen Jahr ist das Münchner Unternehmen stark gewachsen und hat seine Mitarbeiterzahl auf mehr als 800 verdoppelt. Der zweite Hauptsitz ist mittlerweile in New York, denn Celonis treibt die Expansion in die USA stark voran. Eine Aufgabe, bei welcher der neue Investor augenscheinlich helfen kann.

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