Mittelstand kämpft mit Digitalisierung Digi-wie bitte?

Von Laura Bethke
Auch Angela Merkel und der Schweizer Präsident Johann Schneider-Ammann scheinen skeptisch.

Auch Angela Merkel und der Schweizer Präsident Johann Schneider-Ammann scheinen skeptisch.

Foto: NIGEL TREBLIN/ REUTERS

In diesem Jahr hat sich die Cebit Deutschlands Herzstück vorgenommen - den Mittelstand. Mit einer eigenen Fläche dem "Campus Mittelstand" sollen digitalisierungsfreudige Klein- und Mittelstandsunternehmen (KMU) angelockt werden. Der optimistische Slogan: "Digitalisierung. Praktisch gestalten." Das Versprechen: "Wir holen Entscheider aus KMU und Mittelstand in Sachen Digitalisierung da ab, wo sie gerade stehen." Dies soll dank verschiedener Vorträge, Expertenrunden und Unternehmenspräsentationen möglich sein.

Doch bei näherer Betrachtung wird deutlich, dass bei allem Optimismus die nötige Basis fehlt. Auch hinter den Begriff Handwerk hat es die häufig gesehene Zahl 4 jetzt geschafft - Handwerk 4.0 - so soll das "neue", digitale Handwerk heißen.

Doch so einfach ist das nicht. Um digitale Geschäftsmodelle zu entwickeln oder Abläufe im Betrieb mit Computertechnik zu vereinfachen, ist eine digitale Infrastruktur notwendig. "In kleinen Betrieben, vor allem in ländlichen Regionen scheitert die Digitalisierung schon oft an der Internetverbindung", sagt Marc Tenbieg, Geschäftsführender Vorstand des Deutschen Mittelstandsbundes (DMB).

Das bestätigt auch eine Erhebung  des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI). Zwar sind weite Teile Deutschlands mit schnellen Leitungen ausgestattet, in ländlichen Regionen gibt es jedoch noch komplett unterversorgte Gebiete. In der Region um Gerolstein in Rheinland-Pfalz zum Beispiel haben nur 10 bis 50 Prozent der Haushalte einen Breitbandanschluss mit 16 Mbit/s. Bei dieser Geschwindigkeit dauert der Download von mehr als 100 Mb, also zum Beispiel von Videos und großen Dateien, sehr lange. Dann ist Warten angesagt und kostbare Zeit verstreicht.

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Marc Tenbieg sieht die Bundesregierung in der Verantwortung. Das Bundeskabinett hat im Oktober 2015 zwar dem "Bundesförderprogramm für den Breitbandausbau" des BMVI zugestimmt und damit dem Ziel, unversorgte Gebiete mit mindestens 50 Mbit/s auszustatten. Ob dieses Ziel aber wie geplant bis 2018 erreicht wird, bezweifelt Tenbieg jedoch.

Doch selbst wenn die Voraussetzungen gegeben sind, haben es vor allem die handwerklichen Betriebe in Sachen Digitalisierung schwer. Die ebenfalls auf der Cebit ausgerufene "Digitale Transformation" ist bei vielen Malern, Elektrikern und Tischlern noch nicht angekommen.

Warum die Digitalisierung in kleinen Betrieben oft scheitert

"Die alteingesessenen Handwerker stecken oft in ihrem Hamsterrad zwischen Kunden und Aufträgen fest und schieben die Digitalisierung auf die junge Generation ab", sagt Julia Kasper, die die Tischlerplattform holzgespür.de  gegründet hat.

Zudem kritisiert sie, dass auch die handwerklichen Ausbildungen keinerlei digitales Know-how vermitteln und die Lehrlinge deshalb im Arbeitsleben kaum in digitalen Geschäftsmodellen denken. "Der Auszubildende in der Tischlerei meines Vaters hat Abitur. Trotzdem lernt er jetzt in der Berufsschule in Deutsch die Kommasetzung und keinerlei Informatik.", so Kasper.

Nicht nur im Handwerk stößt das ambitionierte Vorhaben zur "Digitalen Transformation" an seine Grenzen. Auch "der Mittelstand hat Big Data und die Cloud noch nicht für sich entdeckt", so Dr. Christian Schröder, Wissenschaftler beim Institut für Mittelstandsforschung und Autor der Studie  "Herausforderungen von Industrie 4.0 für den Mittelstand".

Nur 5 Prozent der Mittelständler sind vollkommen vernetzt

Laut Studie sind nur 5 Prozent der Mittelständler vollkommen vernetzt, je kleiner ein Unternehmen, desto größer sei die Hürde zur Digitalisierung. Laut Schröder schrecken die KMU aus Angst vor Sicherheitslücken und mangelnder Strategie vor der Digitalisierung zurück.

Obwohl die Cebit auf ihrem Campus Mittelstand auch versucht, auf diese Bedenken der Führungspositionen einzugehen, erreichen sie viele der Mittelständler nicht. Laut Christian Schröder haben nur ein Drittel der KMU konkrete Pläne, sich zu digitalisieren, der restliche Teil wird sich daher von dem Angebot der Cebit kaum angesprochen fühlen. Verbände und Vertreter des Mittelstandes wie der DMB versuchen in zahlreichen Initiativen zusammen mit der Bundesregierung ihre Mitglieder zu mehr Offenheit zu bewegen.

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Dennoch ist Schröder, wie auch Mittelstandsvertreter Tenbieg und Gründerin Kasper, der Überzeugung, dass die deutschen Unternehmen die Digitalisierung nicht verpassen dürfen und umdenken müssen. Dieses Umdenken muss der erste Schritt sein, bevor Cloud-, CRM-, ECM- und viele weitere Systeme sinnvoll eingesetzt werden können.

"Handwerker stecken oft im Hamsterrad fest": Julia Kasper, Gründerin der Tischlerplattform holzgespür.de

"Handwerker stecken oft im Hamsterrad fest": Julia Kasper, Gründerin der Tischlerplattform holzgespür.de

Foto: manager magazin online

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