Samstag, 18. Januar 2020

Anwälte des Ex-Autobosses äußern sich Carlos Ghosn will sich Anklage im Libanon stellen

Libanesisches Pressezentrum

Der ehemalige Automanager Carlos Ghosn will sich am Mittwoch in Beirut zu seiner spektakulären und geheimnisvollen Flucht aus Japan äußern. Der ehemalige Vorstandschef des französisch-japanischen Autobündnisses Renault-Nissan-Mitsubishi stand in Japan unter Anklage, war aber auf freiem Fuß. Am 29. Dezember flüchtete er in den Libanon. Dabei soll der 65-Jährige sich in einer Kiste versteckt haben, berichteten japanische Medien unter Berufung auf Ermittlerkreise. Zu der Flucht mit einem Privatjet hätten ihm zwei Amerikaner geholfen. Japan nannte die Ausreise illegal.

Der Beginn der Konferenz wird für 14 Uhr mitteleuropäischer Zeit erwartet. manager magazin

Vorab meldete die "Financial Times" unter Berufung auf Ghosns libanesischen Anwalt Carlos Abou Jaoude, der Ex-Manager wolle sich vor einem libanesischen Gericht den japanischen Korruptionsvorwürfen stellen. Theoretisch wäre eine solche Kooperation der Justizbehörden denkbar, jedoch müssten die japanischen Ermittler zustimmen. Gleiches hatte die libanesische Regierung schon vor Ghosns Flucht mehrfach vorgeschlagen, aber keine Antwort aus Japan erhalten. Ghosn bezeichnet das japanische Justizsystem, in dem eine Anklage fast immer zu einer Verurteilung führt, als "ungerecht".

Laut "Japan Times" trifft die Ablehnung des Landes nun auch japanische Journalisten. Zur Pressekonferenz seien mehr als 100 Vertreter vor allem von französischen und libanesischen Medien eingeladen worden, Japaner aber "offensichtlich ausgeschlossen", weil Ghosn deren harte Fragen scheue.

Dem "FT"-Bericht zufolge will Ghosn sich auf der Konferenz vor allem der Gegenattacke widmen und die von ihm bereits im April in einer von seinem japanischen Anwalt verbreiteten Videobotschaft beklagte "Verschwörung" von Nissan-Managern darlegen.

Sein Anwaltsteam veröffentlichte am Mittwoch ein Statement, das Nissans interne Ermittlungen in dem Korruptionsfall kritisiert. Der Konzern habe "kein einziges Mal" den Kontakt zu Ghosn gesucht, um die Vorwürfe aufzuklären. Die Untersuchung habe dem "vorgefertigten Ziel gedient, Carlos Ghosn zu beseitigen, um ihn davon abzuhalten, Nissan und Renault stärker zu integrieren".

Der Konzern habe dem Ex-Vizepräsidenten Hari Nada die Leitung der Ermittlungen überlassen, der selbst unter dem Vorwurf der Beteiligung an finanziellen Unregelmäßigkeiten stehe. Auch habe Nissan versäumt offenzulegen, dass Ghosns inzwischen zurückgetretener Nachfolger als Konzernchef, Hiroto Saikawa, ebenfalls unrechtmäßig überbezahlt worden sei.

An einer weiteren Flanke der Ghosn-Geschichte könnte sich an diesem Mittwoch ebenfalls Neues ergeben: Die libanesische Staatsanwaltschaft kündigte am Mittag an, Ghosn "in den nächsten Stunden" vernehmen wollen. Kurz nach der Ankunft des Ex-Renault-Nissan-Chefs hatten libanesische Anwälte ihn wegen verbotener Besuche in Israel angezeigt. Das Nachbarland wird vom Libanon boykottiert, formell befinden sich beide Staaten noch im Krieg.

Als Beleg für den Verstoß gilt ein Besuch 2008, als Ghosn eine Partnerschaft von Renault mit dem damaligen E-Mobilitäts-Startup Better Place vereinbarte und auch die Staatsspitzen traf. Dieser Vorfall ist nach libanesischem Recht verjährt. Die Ermittler wollen jetzt feststellen, ob Ghosn auch in jüngerer Zeit noch nach Israel reiste.

Carole Ghosn, die Ehefrau Ghons, hat indes nach eigenen Angaben nichts von der Flucht ihres Ehemannes gewusst. "Ich war mit meinen Kindern in Beirut, um Weihnachten zu feiern, und jemand rief mich an und sagte: "Ich habe eine Überraschung für dich. Es war die beste Überraschung meines Lebens", sagte Carole Ghosn der französischen Zeitung "Le Parisien" am Dienstagabend. "Wir trafen uns in der Wohnung meiner Eltern, ich umarmte Carlos ganz fest, mindestens fünf Minuten, bevor ich einen Ton rausbrachte."

Er werde nun die Wahrheit ans Licht bringen, kündigte Carole Ghosn mit Blick auf die mit Spannung erwartete Pressekonferenz ihres Mannes am Mittwoch in Beirut an. Er sei angespannt. Es sei die wichtigste Rede seines Lebens.

Ehefrau sieht ihren Mann als Opfer einer Verschwörung

Carlos Ghosn, so seine Frau, sei das Opfer einer Verschwörung und des Krieges zwischen Renault und Nissan. Sie verteidigte seine Flucht aus Japan. "Carlos hatte nicht die Absicht, sich für Dinge schuldig zu bekennen, die er nicht getan hat." Nach Angaben von "Le Parisien" schloss Carole Ghosn in dem am Dienstagabend in Beirut geführten Gespräch auch eine Rückkehr nach Frankreich nicht aus. Es sei allerdings keine Option in der nahen Zukunft.

Carlos und Carole Ghosn im März 2019 in Tokio

Die japanische Justiz hatte nach Ghosns spektakulärer Flucht in den Libanon einen Haftbefehl gegen dessen Frau erwirkt. Ihr werde vorgeworfen, im vergangenen April bei einer Befragung durch die Staatsanwaltschaft vor Gericht Falschaussagen gemacht zu haben, berichtete die japanische Nachrichtenagentur Kyodo am Dienstag. Sie bezeichnete dies nun als "Rache der japanischen Staatsanwälte".


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Carole Ghosn hatte immer wieder die Haftbedingungen ihres Mannes in Japan scharf kritisiert und angezweifelt, dass er einen fairen Prozess bekomme. Eine Bedingung für Ghosns Entlassung aus der monatelangen Untersuchungshaft gegen Kaution war gewesen, dass er weder Japan verlässt noch ohne Erlaubnis Kontakt zu seiner Frau aufnimmt. Die japanische Staatsanwaltschaft erklärte dem Gericht in Tokio, dass Carole Ghosn Personen, die im Zusammenhang mit dem Fall stehen, kontaktiert habe.

Japanischer Anwalt verwehrt Zugriff auf Ghosn-Computer

Der japanische Anwalt von Carlos Ghosn hat der Staatsanwaltschaft in Tokio den Zugriff auf einen Computer verwehrt. Wie die japanische Nachrichtenagentur Kyodo am Mittwoch berichtete, wollte die Staatsanwaltschaft im Büro von Ghosns Anwalt Junichiro Hironaka einen Computer beschlagnahmen, den Ghosns dort genutzt hatte. Doch der Verteidiger habe von seinem Recht auf Verschwiegenheit gebraucht gemacht und den Ermittlern das Betreten seines Büros untersagt.

Ghosns japanische Verteidiger kritisierten die internen Ermittlungen des Autokonzerns Nissan gegen ihren Mandanten scharf. Sie seien einzig mit der Absicht veranlasst worden, um Ghosn zu Fall zu bringen und ihn daran zu hindern, Nissan enger mit Renault zu verzahnen. Ghosn wird unter anderem beschuldigt, jahrelang Einkommen viel zu niedrig angegeben zu haben. Zudem soll er private Investitionsverluste auf Nissan übertragen haben. Ghosn hat die Vorwürfe stets abgestritten.

rei/ak/dpa/Reuters

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