Pressekonferenz in Beirut "Bin an Mission Impossible gewöhnt" - Carlos Ghosn kämpft um seinen Ruf

Carlos Ghosn

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Carlos Ghosn (65) hat sich zum ersten Mal seit seiner spektakulären Flucht aus Japan öffentlich geäußert. Der wegen Korruptionsvorwürfen geschasste Ex-Chef der Autoallianz Renault-Nissan-Mitsubishi hielt am Mittwoch eine denkwürdige Pressekonferenz in vier Sprachen in Beirut ab - in denen er sowohl die japanische Justiz als auch seine Ex-Kollegen bei Nissan  scharf attackierte. Zuvor hatten seine Anwälte bereits einige Statements verbreitet. Die wichtigsten Aussagen haben wir im Live-Ticker für Sie zusammengefasst.

16.25 Uhr: Jetzt ist die Carlos-Ghosn-Show beendet. Mehr als zwei Stunden lang hat der Mann, einst einer der mächtigsten Manager der Autoindustrie, um seinen Ruf gekämpft - viersprachig und wild gestikulierend.

Offen bleibt nicht nur, was viele Journalisten auf der Pressekonferenz am meisten interessierte: was an all den wilden Gerüchten über seine Flucht dran ist; sondern auch, wie es mit den verschiedenen Strafverfahren weitergeht. Der große Auftritt des Ex-Patriarchen belastet auch die Versuche von Renault, Nissan und Mitsubishi, sich in der geschäftlichen Krise und einer zerrütteten Allianz neu zu sortieren. "Die Allianz kann auch ohne mich Erfolg haben", konzediert Ghosn auf Nachfrage. Dafür müsse sie sich aber an einige Regeln halten - und dafür sieht er offenbar keine Hoffnung.

16.20 Uhr: "Um von einem Comeback zu sprechen, ist es viel zu früh", stellt Carlos Ghosn klar. Die Frage war, ob mit ihm bald wieder in der Autoindustrie zu rechnen sei.

16.15 Uhr: Nach wiederholten Fragen bricht Carlos Ghosn seine Ansage, nicht über die Umstände seiner Flucht zu sprechen. Wie es ihm dabei gegangen sei? "Ich war nervös, ich war angespannt, ich war hoffnungsvoll." Zeitweise sei er aber auch "wie betäubt" gewesen. Die Erfahrung der Flucht sei eine deutlich geringere emotionale Belastung als die 13 Monate in Japan zuvor. Seit seiner ersten Verhaftung am 19. November 2018 habe er einen "Albtraum" erlebt.

15.50 Uhr: "Ich habe nicht vor, auf meine Rechte zu verzichten." Carlos Ghosn kündigt Klagen gegen Renault und Nissan an. Er glaube daran, seine Ansprüche vor der französischen Justiz durchzusetzen - und auch vor der japanischen, was den privatrechtlichen Teil angeht.

15.45 Uhr: Carlos Ghosn äußert sich zu der vor einigen Tagen gestellten Strafanzeige, die nun libanesische Staatsanwälte wegen dort verbotener Israel-Kontakte in seiner Amtszeit als Renault-Chef auf den Plan ruft. Leider fehlt uns die Übersetzung seiner Aussagen auf Arabisch. Aus der Mimik lässt sich aber lesen, dass Ghosn die Aussicht, nun im Libanon statt in Japan hinter Gitter zu gehen, nicht allzu sehr fürchtet.

15.35 Uhr: "Ich stelle mich jedem Gericht, überall, wo ich ein faires Verfahren erwarte." Natürlich sei es ein Problem, dass er mit seiner Flucht das japanische Recht gebrochen habe. Auf der anderen Seite hätten aber die Ermittler in mehreren Fällen das Recht gebrochen. Als Beispiel nennt er Indiskretionen gegenüber der Presse. "Ich möchte die Gefühle der Japaner nicht verletzen", betont er. Nur weil seine persönliche Situation so ausweglos erschienen sei, "habe ich beschlossen, das Risiko einzugehen".

15.30 Uhr: Carlos Ghosn stellt seine gescheiterte Vision für die Allianz Renault-Nissan-Mitsubishi vor. Er habe weiterhin getrennte Unternehmenszentralen und Vorstände gewollt, zusammengehalten von einem einzigen Aufsichtsrat und einer einzigen Holding-Aktie - das wäre die Balance zwischen der von den Franzosen angestrebten vollen Fusion und der von den Japanern gewünschten stärkeren Autonomie gewesen. Passé.

15.25 Uhr: "Ich bin an Mission Impossible gewöhnt", antwortet Ghosn auf die Frage, ob er jetzt in Beirut gefangen sei. Schon sein Antritt in Japan als Nissan-Sanierer 1999 sei als unlösbare Aufgabe begriffen worden - und er habe es doch geschafft. Die filmreife Flucht von dort 20 Jahre später, die man auch als "Mission Impossible" verstehen könnte, erwähnt er nicht. "Ich kann eine Menge tun", beharrt Ghosn. Er begreife sich nicht als Gefangenen im Libanon. In naher Zukunft seien einige Initiativen von ihm zu erwarten. Vorrang dabei habe, "meinen Namen zu reinigen".

"Von der brasilianischen Regierung hätte ich etwas mehr Hilfe erwartet", sagt Ghosn. Präsident Jair Bolsonaro habe erklärt, er wolle die Beziehung zu Japan nicht stören, indem er sich für seinen Staatsbürger Ghosn einsetze. Dieser Fluchtort ist also wohl keine Option, falls es im Libanon nicht mehr geht. Er hätte auch nach Brasilien oder Frankreich gehen können, sagt Ghosn. "Den Libanon habe ich in erster Linie aus logistischen Gründen gewählt."

"Manche denken, dass ich wegen Versailles im Gefängnis war"

15.10 Uhr: Gegen den Vorwurf der Gier verwahrt sich Carlos Ghosn mit Verweis auf Steve Rattner, den "Auto-Zar" von US-Präsident Barack Obama in der Krise von 2009, der Ghosn damals als Chef des insolventen Detroiter Riesen General Motors holen wollte und ihm das doppelte Gehalt geboten habe. "Das können Sie in seinem Buch nachlesen, ich erziele Ihnen keine Geschichten." Wegen seiner Kinder, die in Japan zur Schule gingen, und weil er mehr an Renault-Nissan habe er abgelehnt. "Da habe ich einen Fehler gemacht", wisse er jetzt im Rückblick.

"Ich liebe Japan", bekennt Ghosn noch - etwas überraschend nach seinen offenen Attacken auf Staat und Justiz in Fernost. Er glaube fest daran, dass das japanische Volk deren Vorgehen nicht teile.

Carlos Ghosn beendet nun seine Rede. Es folgt eine kurze Pause, bevor Fragen in Englisch, Französisch oder Arabisch zugelassen werden. "Und Portugiesisch", fügt der in Brasilien geborene Globetrotter Ghosn hinzu.

15.05 Uhr: "Offen gesagt, gibt es keine Allianz mehr." Carlos Ghosn äußert sich pessimistisch über die Aussichten von Renault, Nissan und Mitsubishi, die ohne seine Führung nun eigenständig klarkommen müssten. "Ich kann Ihnen sagen, dass Konsens nicht funktioniert" - da müsse ein CEO aus der Zentrale durchgreifen. Dass "sie im Jahr 2018 feststellen, ich sei ein Diktator", sei nach seiner jahrzehntelangen Arbeit allerdings lächerlich.

"Ich kann kaum eine strategische Richtung erkennen", urteilt Ghosn über seine Nachfolger. Er schreit fast, als er darüber spricht, dass der zur Fusion mit Renault bereite Fiat-Chrysler-Konzern nun stattdessen mit Peugeot zusammengehen will. "Wie können Sie das verlieren?", empört sich Ghosn, als wären die Renault-Manager noch seine Untergebenen. "Das ist unglaublich!"

15 Uhr: "Sprechen wir über Rufmord." Ghosn bezieht sich auf die von Renault gesponserte Renovierung eines Teils von Schloss Versailles und die dortige Hochzeitsfeier von Carlos und Carole Ghosn im Mai 2016, die zugleich Caroles 50. Geburtstag würdigte - Gegenstand der französischen Ermittlungen gegen Ghosn.

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Carlos Ghosn: Von "Le Cost Killer" zum "großen Ghoudini"

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"Manche denken, dass ich wegen Versailles im Gefängnis war", sagt der 65-Jährige. Das Schloss habe das Paar als Ort gewählt, weil es die wichtigste französische Sehenswürdigkeit und Symbol der Öffnung und Modernisierung des Landes sei - "nicht, um Louis XVI. und Marie Antoinette zu imitieren".

Auch die auf Konzernkosten bezahlten Wohnhäuser des damaligen Jet-Set-CEOS unter anderem in Rio de Janeiro und Beirut (neben Paris, New York, Amsterdam und Tokio) seien kein Skandal, er habe nichts verschleiert. Ghosn zeigt einen Beschluss, unterzeichnet von Ex-Nissan-Chef Hiroto Saikawa und seinem früheren Vorstandskollegen Greg Kelly sowie der Finanz- und Rechtsabteilung.

14.50 Uhr: Die Börse gebe ihm Recht, sagt Carlos Ghosn. Seit seiner Verhaftung vor 14 Monaten sei die Marktkapitalisierung von Nissan  um 10 Milliarden Dollar gesunken, "sie verlieren 40 Millionen Dollar pro Tag". Im Fall von Renault  sehe es nicht viel besser aus, dort sei der Börsenwert seitdem um 20 Millionen Euro pro Tag gesunken.

14.45 Uhr: Ghosn äußert sich zu den einzelnen Anklagepunkten. Dass Nissan seine privaten Währungsumtauschkosten getragen habe, sei ein völlig normaler Vorgang und kein Beleg für eine Selbstbereicherung. "Das ist ein regulärer Bilanzposten." Er lässt an die Wand einen entsprechenden Aufsichtsratsbeschluss von Renault projizieren. Eine der Unterschriften ist pikanterweise die von Carlos Tavares, heute als Chef des mit Fiat-Chrysler anbandelnden Peugeot-Konzerns eine große Nummer der Autowelt, wie sie Carlos Ghosn früher war.

Die Geldflüsse über einen Vertragshändler im Oman, die laut den japanischen Ermittlern über Scheinfirmen Ghosn selbst zugute gekommen sein sollen, erklärt Ghosn als "Anreize", wie der Konzern sie auch Händlern in anderen Ländern anbiete. Nur, weil er mit dem omanischen Partner privat verbunden sei, stürzten sich die Staatsanwälte auf die hohe Summe.

Ghosn über Nissan: "Sie wollten mich loswerden - und sie hatten Recht"

14.35 Uhr: "Entweder ich sterbe in Japan, oder ich entkomme irgendwie", sei schließlich seine Erkenntnis gewesen, sagt Ghosn. Er zeigt sich bitter über "das Land, dem ich 17 Jahre lang gedient habe." Er sei in Japan verehrt worden, "mehr als 20 Management-Bücher wurden über mich geschrieben" - und plötzlich sei er als "kaltherziger, gieriger Diktator" in Ungnade gefallen, zuletzt habe er sich als "Geisel" gefühlt.

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Carlos Ghosn: Von "Le Cost Killer" zum "großen Ghoudini"

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14.30 Uhr: Im Moment seiner Verhaftung am Tokioter Flughafen im November 2018 sei ihm klar gewesen, dass es eine Absprache zwischen der Staatsanwaltschaft und Nissan gebe und die Ermittler ihn "vorverurteilt" hätten, sagt Ghosn. "Als Grund für meine Verhaftung wurde eine Vergütung genannt, die gar nicht festgelegt, nicht vereinbart, nicht bezahlt war."

Auch, dass seine Frau Carole jetzt des Meineids angeklagt werde, neun Monate nach ihrer vollständigen Aussage vor Gericht in Japan, nennt er als Beleg für eine fingierte Ermittlung.

Das Kontaktverbot zu seiner Frau als Kautionsauflage sei damit begründet worden, die Unterschlagung von Beweismitteln zu verhindern. Andere Familienmitglieder und Freunde habe er aber durchaus treffen dürfen. Warum also nicht seine Frau? "Weil sie wussten, dass sie mich brechen würden, wenn sie mir kein normales Leben erlauben", sagt Ghosn. "Ich fühlte mich nicht mehr als Mensch."

14.20 Uhr: Carlos Ghosn erklärt die von ihm zuvor benannte "Verschwörung", die er an der Wurzel der Affäre sieht - ausgehend von "einer Handvoll skrupelloser, rachsüchtiger Individuen" unter den Nissan-Managern. Leider habe sich 2017 - gerade, nachdem er selbst den Chefposten aufgegeben und sich dem Allianz-Neuzugang Mitsubishi zugewendet hatte - die Performance des ab 1999 von Ghosn sanierten Autokonzerns wieder verschlechtert. Hiroto Saikawa als sein Nachfolger habe sich deswegen zu Recht um seinen Job gesorgt.

Auch habe es "Bitterkeit bei unseren japanischen Freunden" gegeben, weil der Renault-Aufsichtsrat eine Stimmrechtsreform beschlossen habe, die den Einfluss des französischen Staats verdoppelt und den von Nissan auf Null drückte - obwohl beide rund 15 Prozent der Renault-Aktien besitzen.

"Sie wollten mich loswerden", sagt Ghosn mit Blick auf die damaligen Nissan-Topmanager. "Und sie hatten Recht: Wenn sie mich loswerden, gewinnen sie Autonomie." Neben Saikawa sei auch der Ex-Vorstandskollege Hari Nada eine Schlüsselfigur der Verschwörung, vier weitere Namen nennt er noch. Es gebe auch Beteiligte auf Seiten der japanischen Regierung. Aus Respekt vor dem libanesischen Staat werde er deren Namen aber nicht nennen, um die diplomatischen Probleme nicht noch zu vergrößern.

14.10 Uhr: "Das libanesische Volk hat ein starkes Herz und einen Sinn für Rechtschaffenheit", bedankt sich Ghosn für das Podium in der Heimat seiner Vorfahren. Einige Journalisten spenden Applaus.

"Greg bleibt ein Opfer des Geiseljustizsystems", erinnert Ghosn an seinen in Japan mitangeklagten Ex-Nissan-Vorstandskollegen Greg Kelly.

Er selbst wolle sich durchaus der Justiz stellen. "Ich bin nicht vor der Justiz geflohen, sondern vor Ungerechtigkeit, vor politischer Verfolgung", wiederholt Ghosn sein erstes Statement nach der Ankunft in Beirut zum Jahreswechsel. Er beschuldigt Nissan und die von dem Konzern beauftragte Wirtschaftskanzlei Latham & Watkins, in ihren Ermittlungen sei es nur darum gegangen "Gesicht zu wahren". Wahrheit und Recht seien dabei nicht von Belang gewesen.

14.05 Uhr: Als Grund für seine Flucht nennt der 65-Jährige, dass er keine Chance gehabt habe, seine Unschuld zu verteidigen. Während seiner Haft und Hausarrest in Japan habe er keine Gelegenheit gehabt, sein Bild in der Öffentlichkeit richtigzustellen. Seine Familie sei "grundlosen Anschuldigungen und Gerüchten" ausgesetzt gewesen, die von den japanischen Staatsanwälten über die Presse lanciert worden seien.

14 Uhr: Nach einer Vorstellung des Ex-Topmanagers auf Arabisch übernimmt Ghosn das Mikro und spricht auf Englisch über den "für mich sehr wichtigen Tag". Zunächst schildert er seine Sicht auf die bereits zuvor kritisierten Zustände im japanischen Strafverfahren. Er habe über hundert Tage in Einzelhaft verbracht, seine Menschenrechte und Justizstandards der Vereinten Nationen seien verletzt worden.

13.50 Uhr: Carlos Ghosn betritt den Saal des libanesischen Presseverbands in Beirut.

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