Henning Zülch

Misserfolg bedroht Geschäftsmodell Das Holland-Trauma des BVB

Henning Zülch
Von Henning Zülch
Nach der Niederlage am Freitag gegen Stuttgart und vor dem Showdown am Dienstag gegen Tottenham sind der wirtschaftliche Erfolg und das Geschäftsmodell von Borussia Dortmund sind bedroht. Wie viel Geld auf dem Spiel steht - und was das alles mit den Holländern zu tun hat.
BVB-Trainer Trainer Peter Bosz und der aktuelle Sorgen-Stürmer Pierre Emerick Aubameyang: Hoher Ballbesitz, wenig Erfolg

BVB-Trainer Trainer Peter Bosz und der aktuelle Sorgen-Stürmer Pierre Emerick Aubameyang: Hoher Ballbesitz, wenig Erfolg

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Der Oktober war für den börsennotierten Bundesligisten Borussia Dortmund  ein Desaster. Der Überflieger, der am siebten Spieltag mit 19 Punkten und einem Torverhältnis von 21:2 die Liga dominierte wie zu besten Zeiten, ist nach der schmerzhaften Niederlage gegen Bayern München am 4. November wieder in der Realität angekommen: im Mittelmaß. Aus einem Fünf-Punkte-Vorsprung vor den Münchnern ist ein Sechs-Punkte-Rückstand geworden - eine Negativentwicklung, die vor allem dem holländischen Trainer Peter Bosz angelastet wird, der trotz ausbleibender Siege auf seinem ausgeklügelten Spielsystem beharrt.

Henning Zülch
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Michael Bader

Henning Zülch ist Professor für Accounting and Auditing an der HHL Leipzig Graduate School of Management. Er ist Verfasser von zahlreichen Beiträgen zu Themen der Internationalen Rechnungslegung und Finanzkommunikation. Zudem ist er wissenschaftlicher Direktor des jährlich vom manager magazin ausgerichteten Wettbewerbs Investors' Darling. Überdies beschäftigt er sich mit der Übertragbarkeit betriebswirtschaftlicher Grundprinzipien auf die erfolgreiche Führung von Sportvereinen.

Bosz ist ein Trainer mit viel Erfahrung, hat zahlreiche renommierte Klubs der holländischen Ehrendivision betreut, wie De Graafschap, Heracles Almelo, Vitesse Arnheim und nicht zuletzt Ajax Amsterdam. Zu seinem Erfahrungsschatz gehören ebenso zahlreiche Niederlagenserien, die die eigenen Fans stets mit dem nötigen Galgenhumor begleiteten, wie etwa in Arnheim.

Nach einer Niederlagenserie hielten die dortigen Fans ein Plakat mit der Aufschrift hoch: "Peter Bosz: 70% Ballbesitz. 0% Ergebnis."

Der BVB und die Holländer - das war schon in der Vergangenheit keine besonders glückliche Kombination, man erinnere sich die reichlich glücklose Phase unter Bert van Marwijk 2004 bis 2006. Zu allem Unglück war es mit Arjen Robben ebenfalls ein Niederländer, der am 4. November mit seinem Tor zum 1:0 die Niederlage gegen die Bayern einleitete.

Und jetzt Bosz. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass eine Art holländischer Fluch die Dortmunder Mannschaft erfasst hat. Und dies nicht nur sportlich.

Millionenverlust durch Fahrlässigkeit

Bevor man sich mit den Implikationen der sportlichen Talfahrt beschäftigt, sollte man zunächst einen Blick hinter die Kulissen werfen. Wie funktioniert eigentlich ein international agierender Fußball-Bundesligist? Was macht ihn stark? Nur so lässt sich das wirtschaftliche Ausmaß einer sportlichen Talfahrt wirklich beurteilen.

Der Erfolg eines Klubs im Profifußball beruht auf vier wesentlichen Dimensionen: dem sportlichen Erfolg, der Maximierung des Fanwohls, den Organisations- und Governance-Strukturen sowie der finanziellen Stabilität, wobei der sportliche Erfolg stark positiv mit den übrigen drei Dimensionen korreliert. Umgekehrt kann ohne funktionierende Fanbasis, ohne professionelle Organisationsstrukturen und ohne finanziellen Sachverstand keine sportliche Spitzenleistung erbracht werden. Die Situation ist also nicht trivial.

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Schaut man sich nun Borussia Dortmund an, so ist eigentlich mit dem derzeit dritten Platz in der Liga alles im Soll. Aber das ist nur auf den ersten Blick so. Denn das sportliche Trauerspiel um die zu Saisonbeginn so hochgelobte Mannschaft hat weit reichende Auswirkungen zunächst auf die finanzielle Situation des Unternehmens Borussia Dortmund. Bestes Beispiel sind die Prämien für die Gruppenspiele in der Champions League.

Jeder Verein kassiert in der Gruppenphase Leistungsprämien in Höhe von 1,5 Millionen Euro für einen Sieg beziehungsweise 500.000 Euro für ein Unentschieden. Allein durch die zwei leichtsinnigen und unkonzentrierten Spiele gegen Nikosia (zwei Mal 1:1) sind dem BVB somit 2 Millionen Euro verloren gegangen. Das dadurch verpasste Achtelfinale der Champions League bedeutet den Verlust weiterer 6 Millionen Euro. Unternehmerisch ist dies als grob fahrlässig zu qualifizieren.

Finanzielle Abhängigkeit

Schaut man sich die Umsatzverteilung des BVB für das Geschäftsjahr 2016/17 an, stellt man fest, dass die Erlöse aus der TV-Vermarktung 126 Millionen Euro ausmachen - das ist knapp ein Drittel (31 Prozent) der Umsatzerlöse von 406 Millionen Euro. Den zweitgrößten Anteil (22 Prozent) nehmen die Werbeerlöse von 87 Millionen Euro ein, gefolgt von den Einnahmen aus Transfergeschäften (77 Millionen Euro = 19 Prozent). Gleichzeitig ist der Personalaufwand in den vergangenen drei Jahren um gute 70 Prozent auf 178 Millionen Euro angestiegen und die Umsatzrendite auf etwa 2 Prozent gesunken. Diese Entwicklung ist vor dem Hintergrund der Volatilität des Geschäftsmodells Profifußball als durchaus bedeutsam zu bewerten.

Der BVB ist finanziell abhängig von der Champions League. Auch der Kurs der BVB-Aktie spiegelt die enge Verzahnung des sportlichen mit dem wirtschaftlichen Erfolg wieder: Zu Beginn der Saison (01.08.2017) wurden die Aktien zu einem Kurs von 5,94 Euro gehandelt. Nach dem sportlichen Höhenflug der ersten sieben Spieltage stieg der Kurs auf 8,28 Euro (02.10.2017), bevor er nach dem Bayern-Spiel wieder deutlich gestutzt bei 6,79 Euro landete (06.11.2017) - Tendenz weiter fallend.

Hieran sieht man unzweifelhaft, wie stark der sportliche Erfolg mit der finanziellen Situation verzahnt ist. Kurzfristig ist die finanzielle Situation des Vereins sicher nicht gefährdet. Langfristig aber ist die Gemengelage eine andere: Der Wettbewerb in der Bundesliga ist intensiver geworden. Neue Klubs wie RB Leipzig drängen auf den Markt und buhlen erfolgreich um die finanziellen Fleischtöpfe der Bundesliga und die Gruppe der sogenannten Erfolgsfans.

Diesen reicht es auf Dauer nicht, dass ihr Verein nur eine tolle Story erzählen kann, sie wollen sportliche Erfolge sehen. Bleiben diese aus, leidet nicht nur das Ansehen bei der nicht zu unterschätzenden Fangruppe. Es steht dann auch die finanzielle Stabilität des Klubs infrage, da dessen Marke beispielsweise aufgrund einer fehlenden internationalen Wahrnehmung geschwächt wird.

Der BVB muss daher schnellstmöglich den sportlichen Erfolg stabilisieren, um langfristig seine finanzielle Stabilität nicht zu gefährden. Dabei kommen dem Verein seine im Vergleich zu den übrigen Bundesligisten äußerst professionellen Organisations- und Governance-Strukturen zugute, die im Umfeld börsennotierter Unternehmen als Standard gelten.

Neue Ertragsquellen gesucht

Als börsennotiertes Unternehmen muss sich Borussia Dortmund  den Transparenzerfordernissen des Marktes stellen. Neben der Bilanzierung nach internationalen Rechnungslegungsnormen ist ein umfangreicher Lagebericht zu verfassen, der den Investoren und der interessierten Öffentlichkeit einen Einblick in das Geschäftsmodell, die Vermögens-, Finanz- und Ertragslage, die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sowie die künftigen Risiken und Chancen vermittelt. Gerade im Risikobericht wird Stellung bezogen zu den strategischen Risiken des Klubs. Hier ist als ein wesentliches Risiko die Abhängigkeit der Finanzplanung vom sportlichen Erfolg genannt. In seinen Ausführungen macht der BVB klar, dass er seine Planungen rollierend an die sich verändernden Umfeldbedingungen anzupassen vermag. Zudem ist er sich des Zielkonflikts zwischen sportlichem und wirtschaftlichem Erfolg bewusst: Der sportliche Erfolg ist die Grundlage allen wirtschaftlichen Erfolgs; indes gilt es, eine maßvolle Investitionspolitik zu betreiben, um die wirtschaftliche Substanz nicht zu gefährden.

Wer die bewegte Geschichte von Borussia Dortmund kennt, weiß, dass dieser Spagat in der Vergangenheit nicht immer gelang. Was also bedeuten diese eher allgemeinen Aussagen im Lagebericht?

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Kurzfristig bedeutet dies: Dortmund muss den dritten Platz in seiner Champions-League-Gruppe sichern, um 2018 mindestens in der Europa League weiterspielen zu können. Die Bundesliga-Saison ist mit einem Platz unter den ersten vier Teams zu beenden, um sich erneut direkt für die CL zu qualifizieren.

Langfristig bedeutet dies: Die Nachwuchsförderung ist weiter auszubauen, da diese künftig der elementare Erfolgsbaustein jedes Profiklubs sein wird. Überdies muss der Verein über die Generierung neuer Ertragsquellen durch die Erschließung neuer, innovativer Geschäftsfelder nachdenken, um sich unabhängiger vom sportlichen Erfolg zu machen.

Ist sich der BVB dieser Szenarien bewusst und lässt sich das westfälisch-holländische Verhältnis normalisieren, hat der Verein gute Chancen, sowohl in der Bundesliga als auch auf internationalem Parkett den Anschluss nicht zu verlieren. Wir drücken die Daumen zum Wohle der Fußball-Bundesliga!

Henning Zülch ist Professor für Accounting and Auditing an der renommierten HHL Leipzig Graduate School of Management und ist Mitglied der MeinungsMachervon manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wider.

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