Fußball-Manager sehen 50+1-Regel als Auslaufmodell "Die Bundesliga ist ein Start-up"

Investoren erwarten eine Zeitenwende in der Bundesliga. Die 50+1-Regel, die den Vereinen noch die Kontrolle sichert, sei ein Auslaufmodell und werde bald fallen: Dann werde sich die Bundesliga erfolgreicher entwickeln als die milliardenschwere Premier League.
Borussia Dortmund gegen Bayern München: Investoren sehen eine Zeitenwende in der Bundesliga voraus

Borussia Dortmund gegen Bayern München: Investoren sehen eine Zeitenwende in der Bundesliga voraus

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Die Zeit, dass Vereine und ihre Mitglieder die Zukunft der Fußball-Bundesligaclubs maßgeblich bestimmen, geht ihrem Ende entgegen. Das sehen nicht nur Investoren aus aller Welt so, sondern auch eine wachsende Zahl von Managern und Entscheidern in der ersten und zweiten Fußball-Bundesliga.

"Fußballclubs sind Wirtschaftsunternehmen, daher brauchen sie unternehmerische Strukturen", lautet das Credo von Martin Kind, der als Präsident von Hannover 96 seit Jahren für die Abschaffung der so genannten "50+1"-Regel eintritt. Kind sieht die 36 Vereine der 1. und 2. Bundesliga unter wachsendem Zeitdruck: "Die Vereine müssen jetzt handeln und ihre Strukturen verändern, wenn sie noch selbst etwas gestalten wollen", sagte Kind bei Europas größtem Sportbusiness-Kongress "Spobis" am Montag in Düsseldorf. "Wenn erst ein Richter die 50+1-Regel aus Wettbewerbsgründen kippt, haben die Vereine dafür keine Zeit mehr."

Hintergrund: Die 50+1-Regel ist gegenwärtig ein Bestandteil der Statuten der Deutschen Fußball-Liga. Danach können Investoren momentan nicht die Stimmenmehrheit an Kapitalgesellschaften übernehmen, in die Fußballvereine ihre Profiabteilungen ausgegliedert haben.

Ein Verein, der unter Berufung auf EU-Recht, Wettbewerbsrecht und Kartellrecht auf Abschaffung der 50+1-Regel klagt, werde auf dem Klageweg mit größter Wahrscheinlichkeit Recht bekommen, sagte Kind. Der Fußballmarkt sei durch die 50+1-Regel ein regulierter Markt, der aber bereits jetzt durch zahlreiche "kreative Umgehungstatbestände" ausgehebelt werde, sagte Kind mit Blick auf Modelle wie in Leipzig, Hoffenheim, Wolfsburg oder Leverkusen.

"50 plus 1 kippen, bevor ein Richter es tut"

Wenn die Ausnahme zur Regel werde, könne die Regel rechtlich keinen Bestand haben. Wenn ein Verein eines Tages den Antrag stelle, die umstrittene Regelung zu kippen, müssen die übrigen 35 Vereine darüber abstimmen. "Ich empfehle, einem solchen Antrag zuzustimmen und damit selbst handlungsfähig zu bleiben", sagte Kind. "Denn auf dem Gerichtsweg würde die Regelung in jedem Fall gekippt."

Die erwartete Zeitenwende in der Bundesliga verstärkt das Interesse langfristig orientierter strategischer Investoren. "Für viele Investoren erscheint es schon jetzt reizvoll, sich frühzeitig für die Zeit nach der 50+1 Regel zu positionieren", meint Klaus Filbry, Geschäftsführer des SV Werder Bremen. Er vergleicht den Einstieg in einen Fußballclub mit dem Kauf eines noch unerschlossenen Grundstücks, das in naher Zukunft zum erschlossenen Baugrundstück werden könnte: "Auch ein Minderheitsanteil von 24,9 Prozent kann im Wert sprunghaft steigen, wenn die 50+1 Regel erst einmal fällt", so Filbry.

Beim SV Werder Bremen werde der Verein auch dann die Mehrheit behalten und ein Fußballclub bleiben, wenn die Regelung fallen sollte, betont Filbry. "Doch diese Grundsatz-Entscheidung muss nicht für jeden Verein der Bundesliga gelten."

Warten auf das "Control Premium": Investoren spekulieren auf Zeitenwende

Investoren warten auf das "Control Premium"

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Verschiedene Vereine aus der 1. und 2. Fußball-Bundesliga seien bereit, nach dem erwarteten Fall der 50+1-Regel bis zu 100 Prozent ihrer Anteile zu verkaufen, sagt Thomas Rudy, Vice Präsident bei der US-Investmentbank Park Lane. "Noch fehlt Investoren das 'Control Premium' - sie können aktuell noch nicht die Kontrolle übernehmen. Das drückt auf die Preise", sagt Rudy. Wenn die Regelung aber falle, sei mit "erheblichen Wertsteigerungen" des erworbenen Anteils zu rechnen: "Strategische Investoren, die schon jetzt einsteigen, können dann gutes Geld verdienen: Es geht nicht um jährliche Renditen aus dem laufenden Geschäft, sondern um eine Anteilsprämie in der Zukunft."

Was die weltweite Vermarktung angehe, habe die Deutsche Bundesliga noch enorme Wertsteigerungsmöglichkeiten: "International ist die Bundesliga noch ein Start-up", sagt Rudy. Aus Sicht des US-Bankers von Park Lane habe die Deutsche Bundesliga alle Chancen, wirtschaftlich erfolgreicher zu werden als die britische Premier League: Die Nachwuchsarbeit der Bundesliga-Vereine sei deutlich besser, und auch der Zuschauerschnitt liege mit 42.000 um rund ein Drittel über dem Schnitt in der Premier League.

Investoren sehen bei deutschen Ticketpreisen noch Luft nach oben

"Fußballtickets kosten in Deutschland im Schnitt 31 Euro und sind damit deutlich günstiger als in England oder Spanien", sagt Rudy. Da Deutschland jedoch ein reiches Land sei, würden Investoren langfristig auch mit steigenden Ticketpreisen in Deutschland und mit deutlich steigenden Vermarktungserlösen rechnen. "Viele Investoren, die bei uns anfragen, sind Grundstücksinvestoren. In und um die deutschen Fußßballstadien herum ist noch vieles möglich", meint der Vice President von Park Lane.

Er versucht, Fans und Vereinsmanager zu beruhigen: "Auch nach dem Fall der 50+1-Regel wird es im Millionengeschäft Bundesliga nicht wie im Wilden Westen zugehen", so Rudy. Es werde zeitgleich neue und verlässliche Regeln für Investoren geben: Noch hätten die deutschen Vereine die Zeit, ein besseres Regelwerk für Investoren aufzustellen, als es die Vereine der Premier League getan haben.

Doch in einer Sache ist sich der US-Banker Rudy mit den Fußballmanagern Kind und Filbry einig: Passende Sponsoren für einen Verein gebe es nicht im Dutzend, sondern sei das Ergebnis eines langen, sorgfältigen Prüfungsprozesses. Die Clubs als Verkäufer hätten eine "enorme Verantwortung". Für einen Fußballclub gibt es vielleicht 2 oder 3 Investoren, die wirklich passen, meint Werder-Manager Filbry.

Fußballclubs unter Zeitdruck

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Während bei den Fußballmanagern in Deutschland die Zweifel wachsen, dass die 50 + 1-Regel noch lange rechtlich Bestand haben wird, wächst das Interesse der Investoren aus Asien und den USA. "Vor allem asiatische Investoren haben es derzeit sehr eilig - ihnen geht es darum, sich rasch Marktanteile zu sichern", bestätigt Rudy. Zugleich geraten viele Fußballvereine unter Zeitdruck: "Jeder zweite Proficlub in Deutschland hat noch gar keine beteiligungsfähige Struktur", sagt Siegfried Friedrich, Partner beim Berater Baker Tilly Roelfs. "Es braucht Zeit und die nötigen Mehrheiten, die Satzungen entsprechend zu verändern und sich für Investoren zu öffnen."

Die meisten Vereine der britischen Premier League sind im Gegensatz zur Bundesliga bereits von weltweiten Investoren beherrscht. Dass die Premier League ihre Umsätze zwischen 2009 und 2015 verdoppelt habe, während die Bundesliga im gleichen Zeitraum nur auf 56 Prozent Steigerung kommt, liegt vor allem an den extrem hohen Preisen für TV-Rechte in Großbritannien.

"Die Bundesliga hat für viele strategische Investoren noch Aufholpotenzial", glaubt auch Matthias Lehleiter von der Berenberg Bank. Mit soliden jährlichen Gewinnen könnten Fußball-Investoren wahrscheinlich erst dann kalkulieren, wenn ein "salary cap", also eine Obergrenze für Spielergehälter und Transfersummen, eingeführt würde.

Doch mit einer jährlichen Rendite würden strategische Investoren derzeit gar nicht rechnen: Es ginge ihnen darum, durch die Partnerschaft mit Topclubs Zugang zu neuen Märkten zu schaffen, ihre eigene Marke aufzuwerten - und der glückliche "first mover" zu sein, wenn die 50+1 Regel erst einmal fällt. Für die Bundesliga-Vereine sei daher jetzt ein guter Zeitpunkt, um die für sie passenden Investoren zu finden.