Buchtipp: "It doesn't have to be crazy at work" Warum die richtige Work-Life-Balance so wichtig ist

Lunch for Loser: Leben am Laptop in Griffweite - es ist möglich

Lunch for Loser: Leben am Laptop in Griffweite - es ist möglich

Foto: Getty Images/Westend61

Sie haben heute noch nichts "disrupted", waren nicht einmal auf einer "Mission"? Sie sind sowieso eher der Typ, der engagiert seinen Job erledigt, aber genauso gern die Bürotür hinter sich schließt, um zu Hause noch die Kinder zu sehen?

Dann machen Sie alles richtig, meinen Jason Fried und David Heinemeier Hansson. Die Autoren aus Chicago predigen in ihrem von US-Medien hochgelobten Buch eine gesunde Distanz zu den Mechanismen der unbegrenzten, digitalen Arbeitswelt, mit deren Hilfe Gründerunternehmen (und immer mehr Großunternehmen) ihre Mitarbeiter auspressen.

Fried und Heinemeier Hansson, selbst Inhaber einer Softwarebude in Chicago namens Basecamp, mögen es ruhig bei der Arbeit, nahezu spießig: Es gibt keine durchgearbeiteten Nächte, keine Partys, keine Pingpongplatten und erst recht keine E-Mail-Kaskaden am Wochenende. Großraumbüros gelten bei Basecamp als Angriff auf die Konzentrationsfähigkeit, ebenso wie der neue Zwang zur ständigen virtuellen Erreichbarkeit.

Die lässige Vorgabe, jeder Mitarbeiter könne selbst über seinen Urlaub entscheiden, entzaubern die Chefs als miesen Trick: Die vermeintliche Freiheit führe nur dazu, dass sich keiner mehr traue, überhaupt Urlaub zu nehmen. Sie selbst zwingen ihre Leute gar dazu, sich zu erholen - alle drei Jahre gibt es einen Monat Zwangssabbatical und jeden Monat eine kostenlose Massage.


Top 12: Die aktuelle Bestsellerliste aus der Wirtschaftskultur


Der Appell für eine gesündere Work-Life-Balance zielt in erster Linie auf US-Leser, von denen etliche bislang nicht mal einen Anspruch auf bezahlten Urlaub besitzen. Doch solange die Rockstars aus dem Silicon Valley ihre gesamte Belegschaft am Maßstab ihrer eigenen Besessenheit messen und dafür heillose Bewunderung einfahren, gilt auch in Europa der unbegrenzte Einsatz für die Firma als cool.

Bullshit, meinen die Autoren. Wer mit 40 Stunden pro Woche nicht auskommt, sollte an sich arbeiten: Er muss lernen, Prioritäten zu setzen.

Eva Buchhorn

Wie die korrupte Elite ihr Geld wäscht

Raffzähne: London ist eine der globalen Hauptstädte der organisierten Geldwäsche

Raffzähne: London ist eine der globalen Hauptstädte der organisierten Geldwäsche

Foto: TOBY MELVILLE/ REUTERS

Der Eaton Square in Belgravia ist Londons teuerste Adresse und zugleich das Tor zu einer Schattenwelt: Die tatsächlichen Eigentümer der Stadtvillen sind kaum zu ermitteln, hinter fast jeder Adresse stecken Firmen mit Sitz in irgendwelchen Steuerparadiesen.

Die Nobelstraße ist für den britischen Investigativreporter Oliver Bullough eines der sinnfälligsten Symbole für "Moneyland". So nennt er das verschachtelte System von Finanztransaktionen, mit denen viele der Superneureichen ihr oftmals auf kriminelle Weise zusammengerafftes Vermögen waschen. Um das Geld dann wenig später in Form eines Aktienportfolios, einer Megajacht oder als Immobilienbesitz wieder auftauchen zu lassen.

Bullough beschreibt eine geheime Parallelwelt, er nutzt das Bild eines Tunnels unter den Nationalstaaten, zugänglich nur für Vermögende und deren armselige Helfer: Banker, Anwälte, Steuerberater, Passhändler, die sich mit dem Instinkt der Mitglieder eines Ameisenstaats automatisch dorthin bewegen, wo der Profit lockt.


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Das ist als Sujet nicht neu, aber faszinierend aufgeschrieben. Denn Bullough benennt die Mechanismen der Geldwelt nicht nur aus der Distanz der Schreibtischrechercheure. Er hat etliche Schauplätze besucht und die Ohnmacht der Ermittler hautnah miterlebt. Zugleich trägt er mit analytisch gezähmter Wut zusammen, wie Korruption der Eliten zur Verelendung der Bevölkerung beiträgt: zum Beispiel in Angola, wo die Tochter des korrupten Ex-Präsidenten die reichste Frau des Landes ist; in der Ukraine, deren Behörden bis heute nicht nachweisen können, wie genau Ex-Despot Wiktor Janukowytsch seinem Land Millionen entzogen hat.

Wer für das absolut lesenswerte Buch keine Zeit findet, kann an Bulloughs Wissen auf andere Weise teilhaben. Zusammen mit Freunden organisiert er Stadtführungen: Die "London Kleptocracy Tours" führen auch zum Eaton Square.

Eva Buchhorn

Einblicke in das Leben der rüden Großkapitalisten aus Indien

Glitzer-Inder: Die Familie des reichsten Mannes Indiens, Mukesh Ambani (l.), verkörpert den Lifestyle der "Billionaire Rajs" wie keine andere

Glitzer-Inder: Die Familie des reichsten Mannes Indiens, Mukesh Ambani (l.), verkörpert den Lifestyle der "Billionaire Rajs" wie keine andere

Foto: picture alliance / ZUMAPRESS.com

Die Geschichte beginnt mit einer irren Raserei. Ein Aston Martin kollidiert auf einer der verkehrsreichsten Straßen Mumbais mit einem anderen Wagen. Der Fahrer tritt auf die Straße und fast zeitgleich seine Bodyguards, die ihm in einer Begleitkolonne gefolgt waren. Sie schließen einen Kreis um ihren Schützling, der Tross verlässt den Schauplatz und verschwindet hinter den Toren des berühmtesten Wohnhauses der Metropole: dem Wolkenkratzerpalast des Milliardärs Mukesh Ambani. Die Identität des Fahrers wird nie enthüllt, sein lädierter Sportwagen wird nie untersucht, er rostet später in der Nähe einer Polizeistation unter einer Plane vor sich hin.

Willkommen in Indien, dem Land der Slums und des ungezügelten Kapitalismus. In der Nation mit ihren 1,3 Milliarden Menschen erkennen Optimisten schon seit Längerem die potenzielle zweite asiatische Supermacht neben China. Tatsächlich hat die ökonomische Liberalisierung seit den frühen 90er Jahren Millionen Indern den Weg in die Mittelschicht geebnet.

Doch die Öffnung hat auch eine Klasse rücksichtsloser Unternehmer hervorgebracht, für die keine Gesetze zu gelten scheinen: die neuen Superreichen oder "Billionaire Rajs", was sich wörtlich mit Milliardenherrscher übersetzen lässt. Zwielichtige Gebieter über undurchsichtige Industrie- und Handelskonglomerate, die ihre Imperien ähnlich wie Russlands Oligarchen den engen Beziehungen zu staatlichen Behörden und den jeweiligen Regierungschefs verdanken.

Wer diese Mogule sind, wie sie leben und an ihr Geld gekommen sind, das schildert der ehemalige Mumbai-Korrespondent der "Financial Times", James Crabtree, in seinem neuen Buch. Er erzählt von Gautam Adani, dem ehrgeizigen Sohn eines kleinen Textilhändlers, der bereits mit 20 seine erste Million im Diamantenhandel verdiente, dann mit Unterstützung des jetzigen Premierministers Narendra Modi in die Entwicklung privater Häfen einstieg und inzwischen ein Vermögen von geschätzt acht Milliarden Dollar angesammelt hat. Oder von Vijay Mallya, Indiens Richard Branson, dessen Vater auf dem Subkontinent einst die Niederlassung für den längst verblichenen Chemiekonzern Hoechst aufbaute.


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Sein Erbe plus großzügige staatliche Kredite investierte Mallya in Brauereien, ein Formel-1-Team und eine eigene Fluglinie. Zum 50.Geburtstag schmiss er eine drei Tage lange Party, ließ Models einfliegen und buchte Lionel Richie für einen Privatauftritt. Als seine Kredite platzten, setzte er sich nach London ab, in ein Apartment mit goldener Toilette.

Und schließlich gibt es da auch noch die Nummer eins der indischen Reichstenliste, Mukesh Ambani, Herr über ein Imperium aus Petrochemie, Textilien und Telekommunikation, dessen Wohnturm mit drei Hubschrauberlandeplätzen, Kino, hängenden Gärten und Ballsaal mehr Wohnfläche bieten soll als das Schloss von Versailles. Allein sechs Etagen sind für den privaten Fuhrpark der Ambanis reserviert, 160 Limousinen finden Platz.

Crabtree vergleicht den Raubritterkapitalismus des modernen Indiens samt seiner Vetternwirtschaft mit dem "Gilded Age" in den Vereinigten Staaten. Die Ambanis, Adanis und Mallyas sind für ihn die Rockefellers und Vanderbilts von heute. Wenn Indien dauerhaft in die Riege der stabilen ökonomischen Großmächte aufsteigen wolle, so Crabtree, brauche es einen moralischeren Kapitalismus. So wie einst in den USA. Da legten in der Progressive Era konsequente politische Reformen den gierigen Räuberbaronen das Handwerk. Die "Billionaire Rajs" könnten also schon bald eine Zunft von gestern sein.

Der neue Harari: Untergangsszenarien, wohlportioniert

Intellektueller Rockstar: Wo kommen wir her, wo gehen wir hin? Welterklärer Yuval Noah Harari

Intellektueller Rockstar: Wo kommen wir her, wo gehen wir hin? Welterklärer Yuval Noah Harari

Foto: ddp/interTOPICS /Antonio Olmos

Der neue Wurf des israelischen Historikers, der mit "Eine kurze Geschichte der Menschheit" und "Homo Deus" bereits zweimal die weltweiten Bestsellerlisten anführte und in der Welt der Sachbücher Rockstar-Status genießt, ist komplexer Stoff. Beruhigend für geübte Harari-Leser: Die Themen kennt man schon - die Kritik an der Massentierhaltung, die Warnung vor dem Klimawandel und der zerstörerischen Macht der Algorithmen, die Sorge um das Fortbestehen der westlichen Gesellschaftsordnung. Und wer ein besonders beweglicher Mediennutzer ist, konnte wesentliche Teile des Werks auch schon in internationalen Zeitungen lesen.

Das Besondere diesmal: Harari tobt sein Talent, Alltagsbeobachtungen mit wissenschaftlichen Erkenntnissen aus verschiedensten Disziplinen zu einem zwingenden Erzählfluss zu verbinden, nicht in der Vergangenheit oder Zukunft aus, sondern im Hier und Jetzt. Natürlich geht es wieder düster zu: Der auf Rechtsstaatlichkeit, Demokratie und Wohlstand gegründete behagliche Liberalismus des Westens hat so gut wie abgewirtschaftet, die großen alten Mythen - Religion und Nation - sind wirkungslos geworden oder befördern das gefährliche Geschäft der Antidemokraten.

Die Menschheit driftet in die Orientierungslosigkeit, was einigen besonders smarten Exemplaren unserer Spezies den Raum eröffnet, künstliche Intelligenz und Datentechnologien unter ihre Kontrolle zu bringen und ihre eigene Existenz auf eine höhere Entwicklungsstufe zu heben, während die breite Masse zurückbleibt.


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So kann es kommen, muss es aber nicht. Darauf weist Harari selbst hin. Er erzählt eben gern und wirft lieber interessante Fragen auf, als Antworten zu präsentieren. Weil sich das Buch in 21 Essays gliedert, kann jedes Kapitel komfortabel auch einzeln gelesen werden. Hararis ultimativer Tipp gegen die Zumutungen unserer Zeit ist übrigens recht simpel: Er setzt auf Meditation.

Eva Buchhorn

Ökonomin probt den Aufstand gegen die Business-Elite

Angesehene Rebellin: Die 50-jährige Italoamerikanerin Mariana Mazzucato lebt und lehrt vor allem in London

Angesehene Rebellin: Die 50-jährige Italoamerikanerin Mariana Mazzucato lebt und lehrt vor allem in London

Foto: Mariana Mazzucato

Sie ist die Staranwältin aller deprimierten Beamten und der Albtraum aller stolzen Wirtschaftshelden. Mariana Mazzucato rehabilitierte den Investor Staat, als sie 2013 nachwies, welch großen Anteil der öffentliche Sektor an Innovationen hat. Ihr Buch "The Entrepreneurial State" wurde zum Welterfolg. Nun greift sie das Selbstbild der Businesselite frontal an. Deren Behauptung, sie schaffe "Werte" (und verdiene daher auch zu Recht viel Geld), sei oft bloße Propaganda - gestützt auf eine fehlerhafte Ökonomik.

Mazzucato wendet sich vor allem gegen die "subjektive Wertlehre", die sich in der Wirtschaftstheorie gegen Marx und andere durchgesetzt hat: Danach lässt sich ökonomischer Wert nur an Marktpreisen ablesen, die von Angebot und Nachfrage abhängen. Nur wo Märkte verzerrt sind, darf der Staat die Regeln korrigieren.

Die Rebellin Mazzucato hält schon im Buchtitel dagegen. "The Value of Everything" verweist auf Oscar Wildes Definition eines Zynikers: "Er kennt den Preis von allem und den Wert von nichts." Anhand von Finanz-, Pharma- und IT-Branche führt sie vor, dass manche Supergewinne entstehen, weil Werte eben nicht neu geschaffen, sondern bloß abgemolken werden.

Viele andere Ökonomen sehen hier ebenfalls ernste Regulierungs- und Anti-Trust-Probleme. Auch die Grenzen des Wohlstandsindikators BIP debattieren sie schon lange. Keiner jedoch ist so radikal wie Mazzucato, die zum Aufstand gegen die Marktlogik schlechthin aufruft: Wirtschaftliche Wertmaßstäbe seien immer politisch, zumal die Werte ja kollektiv geschaffen würden.


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Das liest jeder gern, der genug hat von eitlen Superreichen und der Selbstbeweihräucherung gestopfter Wall-Street-Banker oder Techgurus. In der angelsächsischen Welt hat Mazzucatos Kritik große Resonanz gefunden. Ob plumpe Marktvergötzung das Hauptproblem des sozialdemokratisch geprägten Kontinentaleuropas ist, darf indes bezweifelt werden.

Christian Schütte

Was Topmanager von Kriegsführern lernen können

Stunde des Strategen: Erfolgreiche Feldherren waren Realisten, sagt Autor Gaddis

Stunde des Strategen: Erfolgreiche Feldherren waren Realisten, sagt Autor Gaddis

Foto: imago/Leemage

Zugegeben, es gibt keinen direkten Zusammenhang zwischen der Frage, wie es dem antiken Perserkönig Xerxes am Hellespont erging, und der Aufgabe, einen Konzern durchs volatile 21. Jahrhundert zu steuern. Trotzdem ist das neue Buch von John Gaddis, US-Historiker und anerkannter Experte für die Geschichte des Kalten Kriegs, eine wertvolle Lektüre für Manager, die mal etwas anderes lesen wollen als die üblichen Ex-und-hopp-Fibeln über Führung. Gaddis bietet auf über 380 Seiten munter erzählte und tief reflektierte Ausflüge in die Geschichte der Kriegskunst, der Literatur und Philosophie, die fast wie ein Studium generale daherkommen.

Das Buch enthält Fallstudien aus 16 Jahren, die in der legendären Strategieklasse der US-Eliteuniversität Yale behandelt wurden. Im Mittelpunkt stehen entscheidende Schlachten der Historie, "denn große Strategie wurde in der Vergangenheit meist für die Kriegsführung entwickelt". Gaddis' Hauptbotschaft, die er bis zum Abwinken variiert: Ziele lassen sich in der Imagination leicht bis ins Unendliche steigern - erreicht werden sie nur, wenn die realen Mittel dazu vorhanden sind.

Klingt banal, wird aber von großen Egos bis heute vernachlässigt - mit fatalen Folgen. Xerxes scheiterte bei dem Vorhaben, seine Mammutarmee über die Meerenge zwischen seinem Reich und Griechenland zu bringen, Napoleon ließ seine Soldaten mit Sommeruniformen in Russland einmarschieren, die Amerikaner - erfolgsverwöhnt durch ihre Dominanz in zwei Weltkriegen - verzettelten sich in Vietnam.


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Große Anführer sind Seiltänzer, die ihr Ziel fest im Blick haben, aber ihren Weg elastisch und geduldig neu anpassen, wenn der Wind sich dreht, schreibt Gaddis. Gefährlich sind die Unbesonnenen: "Die Hitze der Gefühle braucht nur einen Augenblick, um Abstraktionen zu schmelzen, die aus Jahren kühlen Nachdenkens entstanden sind." Eine Mahnung an die Adresse des US-Präsidenten? Lesen wird er sie wohl kaum.

Eva Buchhorn

Wie Kryptowährungen Google bedrohen

Foto: imago stock&people

Kryptowährungen können nicht nur epische Blasen erzeugen oder koreanische Teenager zu Millionären machen. Laut George Gilder bedrohen sie einen der wertvollsten Konzerne der Welt: Google.

In seinem Buch "Life after Google" stellt der Techprophet die durchaus steile These auf, dass die Rechenpower, die nötig ist, um Kryptogeld wie Bitcoin zu schürfen, Googles System aus exklusiven Hochleistungsrechenzentren "verzwergen" werde. Die dezentrale Blockchain sei den Datensammlern aus Mountain View überlegen, der Wettbewerbsvorteil im Zeitalter der künstlichen Intelligenz wäre dahin.


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Für Gilder neigt sich gar die Ära der kostenlosen Internetdienste ihrem Ende zu. Googles Cashcow, die werbefinanzierte Websuche, sei als Teil dieser "Ideologie" nie nachhaltig gewesen.

Philipp Alvares de Souza Soares

Der Weltraum-Wettlauf der Tech-Milliardäre

Krasses Teil: "Falcon Heavy", die stärkste Trägerrakete der Welt

Krasses Teil: "Falcon Heavy", die stärkste Trägerrakete der Welt

Foto: AP/ Orlando Sentinel

Als Elon Musk 2002 seine Space Exploration Technologies Corporation (SpaceX) gründete, galt das noch als Spiele-rei eines dieser verrückten Milliardäre. Musk hatte sein Vermögen mit den Internetdiensten Zip2 und PayPal verdient, mit Tesla startete er erst 2003. Erfolgreiche Tech-Tycoone lieben Weltraumabenteuer: Jeff Bezos (Amazon), Paul Allen (Microsoft), Larry Page und Eric Schmidt (Google) sowie Richard Branson (Virgin) - alle machen nebenbei irgendwas mit Raumfahrt. Die meisten ihrer Projekte gelten als Angeberei.

Musk indes hat es weit gebracht. Er nutzte die Angststarre, die die Nasa nach den "Columbia"- und "Challenger"-Traumata erfasst hatte, und beliefert heute mit seinen "Falcon"-Raketen und der Raumfähre "Dragon" als offizieller Partner die internationale Raumstation ISS. Sein Weg vom Nobody zum Space-Tech-Titanen macht den größten Teil des Buchs von Christian Davenport aus, dem Raumfahrt- und Militärexperten der "Washington Post".


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Davenports Bewunderung für Musk und die anderen Weltraumcowboys scheint auf jeder Seite durch. Der Immigrant aus Pretoria, der als Kind wegen seiner irritierenden Schlauheit von Mitschülern verdroschen wurde, wird als Jahrhundertgenie skizziert, für das es keine Regeln gibt. Musk nehme seine Leute so hart ran, dass er längst die Anwälte am Hals hätte, wenn SpaceX an der Börse notiert wäre, heißt es an einer Stelle. Auch auf die verbissene Rivalität zwischen Bezos' Raumfahrtfirma Blue Origin und Musk geht Davenport ein, doch hier stößt seine Recherche an Grenzen.


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Der Autor hat mit vielen Zeitzeugen gesprochen und weiß vermutlich alles über sein Sujet, seinen Helden kommt er indes nur selten wirklich nah. Daher wirkt sein Buch streckenweise wie Fleißarbeit. Was hängen bleibt: Die Raumfahrt-Geeks sind definitiv keine Eintagsfliegen, sie werden die Welt verändern - SpaceX ist nur der Anfang.
Eva Buchhorn

Lernen vom Pokerprofi

Wie man Entscheidungen trifft, ohne alle Fakten zu kennen.

Scharfer Blick: Pokerprofil Annie Duke hält Entscheider zur Selbstkritik an

Scharfer Blick: Pokerprofil Annie Duke hält Entscheider zur Selbstkritik an

Foto: Getty Images Sport/Getty Images

Mit 26 Jahren gab Annie Duke ihr Doktorandenprogramm in kognitiver Psychologie an der Universität von Pennsylvania auf und verlegte sich auf professionelles Pokern. In den 20 Jahren ihrer Karriere sammelte sie mehr als vier Millionen Dollar Preisgeld ein und gewann das begehrte Armband in der World Series of Poker, der prestigeträchtigsten Turnierserie. Die Lehren aus dieser Zeit hat sie nun in einem Buch zusammengefasst - es ist eine Art nachgeholte Dissertation.

"Thinking in Bets" ist geschrieben für Manager. Pokerspieler und Wirtschaftsbosse, so die psychologisch geschulte Zockerin, hätten eines gemeinsam: Sie müssen in Unsicherheit und unter Zeitdruck entscheiden, mit massiven finanziellen Konsequenzen.

Dass dies oft genug schiefgeht, weiß man seit den Forschungen Daniel Kahnemans, die Duke anschaulich und mit vielen Beispielen auf ihr Metier überträgt. Der Mensch überschätzt sich, verwechselt glauben und wissen und schreibt sein Scheitern dem Zufall zu (bei anderen hält er es für Unfähigkeit). Sehr gute Pokerspieler versuchen, zu sich selbst auf Distanz zu gehen: Sie betrachten einen Sieg weder als Geniestreich noch als pures Glück, sondern als ein Zwischending: eine Wette. "Wir gewinnen Wetten, indem wir unsere Annahmen über die Welt schonungslos neu fassen, wenn es nötig ist", schreibt Duke.


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Dem einsamen Entscheider auf der Konzernkommandobrücke rät die Autorin zu Diversity. Unabhängige Köpfe mit unterschiedlichen Perspektiven denken gründlicher, meint sie. Dukes Weltklassepokerkumpel übten sich nach den Turnieren in kollegialer Kritik und Selbstkritik, selbst wenn sie am Spieltisch Gegner waren: "Je besser einer spielt, desto selbstkritischer ist er in der Regel." Ein weiterer Vorteil des Denkens in Wetten: Man steht vor sich selbst und vor anderen besser da. "Ich war mir zu 58 Prozent sicher" klingt einfach eleganter als "Ich lag falsch". Da hat sie zu 100 Prozent recht.

Wie Sie am effizientesten arbeiten

Wie kommen Spitzenleistungen zustande? Den norwegischen Managementprofessor Morten Hansen treibt diese Frage seit Jahrzehnten um. In "Great by Choice" hat er sie 2011 für Unternehmen beantwortet ("Disziplin, Innovation, kein Aktionismus") und einen Bestseller gelandet. In seinem neuen Buch geht es um die Performance des Einzelnen. Warum ackert der eine Nächte durch und der andere erledigt das gleiche Pensum zwischen 8 und 18 Uhr - und das auch noch besser?

Hansen zählt in den USA zu den Topgurus in Managementfragen, er war in Stanford, Harvard und Berkeley und gibt auch an der Apple University Kurse. Für sein neues Buch hat er Hunderte Studien ausgewertet, Hunderte Interviews geführt und die Ergebnisse noch mal an 5000 Männern und Frauen aller Berufsgruppen evaluiert.

Mit "Great at Work" legt er sieben ultimative Praktiken als Quintessenz "smarten Arbeitens" vor - die, um es kurz zu machen, die Welt nicht neu erfinden. Hansen knöpft sich bekannte (und von anderen Autoren längst beschriebene) Weisheiten vor und präzisiert sie. Folgen Sie dem Grundsatz "weniger ist mehr"? Gut, aber erledigen Sie das Wenige bitte leidenschaftlich-obsessiv (und werden nicht einfach fauler). Setzen Sie sich Ziele? Schön, aber achten Sie darauf, ob die wirklich produktiv sind. Arbeiten Sie gern in Gruppen? Okay, aber hüten Sie sich, alles und jedes mit Ihrem Team abzusprechen.


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Wer sich selten mit seinem Arbeitsstil auseinandersetzt, kann von diesem Buch profitieren. Für andere ist es ein Déjà-vu. Wie die Passage über die Eroberung des Südpols: Robert Scott kam um; Roald Amundsen erreichte sein Ziel, weil er - so Hansen - auf traditionelle Hundegespanne setzte, während sein Konkurrent sich mit allerlei Transportmitteln verzettelte. Da zitiert Hansen sich selbst, den Kampf um den Südpol hat er schon in "Great by Choice" ausgeschlachtet. Offensichtlich wendet der Autor seine Regeln auch auf seine eigene Arbeit an: Er variiert obsessiv bekanntes Wissen.
Eva Buchhorn

Agentenspiele um die Supercomputer der Zukunft

US-Autor David Ignatius siedelt seinen neuen Spionageroman in der IT-Welt an. Realistischer geht's kaum.

Abwehr: Die Nato rüstet sich zum Kampf gegen neue Superintelligenzen, das Foto zeigt die Übung "Locked Shieds"

Abwehr: Die Nato rüstet sich zum Kampf gegen neue Superintelligenzen, das Foto zeigt die Übung "Locked Shieds"

Foto: REUTERS

Die Entwicklung des Quantencomputers gilt als eines der entscheidenden technologischen Wettrennen der Gegenwart. Google, Intel, IBM und Microsoft forschen mit Hochdruck an Quantenchips, die die Leistung heutiger Rechner um ein Vielfaches übertreffen und der künstlichen Intelligenz zum Durchbruch verhelfen sollen. Besonders weit ist ein kanadisches Start-up, das von Goldman Sachs und Amazon-Gründer Jeff Bezos finanziert wird - und vom US-Geheimdienst CIA.

Die Minifirma auf der Payroll des Spionagedienstes inspirierte US-Autor David Ignatius zu seinem neuem Plot, den er zum Wettkampf der Supermächte hochjazzt, mit Verweis auf die erbitterte Rivalität um die Atombombe im 20. Jahrhundert.

In "Quantum Spy" wollen nicht nur die Amerikaner das Schicksal der privaten Forschertruppe kontrollieren (die hier nicht in Kanada, sondern in Seattle sitzt), auch die Chinesen sind hinter der bahnbrechenden Technik her. Ihr Informant ist ein Maulwurf in den Reihen der CIA.

Das recht konventionelle Katz-und-Maus-Spiel bezieht seinen Reiz aus der Kühle, mit der Ignatius auf die Agentenszene blickt, die er für die "Washington Post" mehr als ein Vierteljahrhundert redaktionell begleitet und in mehreren Bestsellern verarbeitet hat ( "Der Mann, der niemals lebte"). Er zeigt die Agency als rüden Laden voller Vorurteile, die die Mission fast zum Scheitern bringen.

Protagonist Harris Chang, der den Maulwurf aufspüren soll, leidet unter dem versteckten Rassismus seiner Kollegen, die den Amerikaner mit chinesischen Wurzeln trotz seines Armeeeinsatzes im Irak-Krieg nicht als einen der ihren anerkennen. Das liefert Chang fast dem Gegner aus. Eine Agentin wiederum hat mit Sexismus zu kämpfen.


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Ignatius ist kein literarisches Krimigenie wie John le Carré, er erzählt seine Story in großen Teilen über Dialoge, viele Szenen spielen in Hotels und Konferenzsälen. Aber das Buch ist packend inszeniert. Nicht nur für Quanten-Nerds.
Eva Buchhorn

Warum Millennials zu effizient für ihr eigenes Wohl sind

Millennials gelten als anspruchsvoll, faul und verzogen

Millennials gelten als anspruchsvoll, faul und verzogen

Foto: Getty Images

Millennials, also die Geburtsjahrgänge zwischen 1980 und 2000, gelten als Horror für Personaler. Sie seien anspruchsvoll, faul und verzogen, so das gängige Klischee, ohne Avocadotoast nicht überlebensfähig. Wer Millennials im Unternehmen halten wolle, müsse als Erstes mal einen Barista anstellen.

Malcolm Harris, Redakteur der Zeitschrift "The New Inquiry" und Jahrgang 1988, also selbst ein Millennial, hat nun eine Art Verteidigungsschrift seiner Generation verfasst. Sie ist zugleich eine Anklage (was natürlich genau zum Klischee der stets klagenden Millennials passt). Die so düstere wie überzeugende Analyse des kurzen Buches: Mit den Millennials hat die Gesellschaft eine Kohorte von Arbeitern produziert, die schlichtweg "zu effizient für ihr eigenes Wohl" sind.

Um seinesgleichen zu analysieren, geht der Autor den sozioökonomischen Entwicklungen nach, die die Generation geprägt haben. Er zeichnet das Bild einer Alterskohorte, die so stark wie keine zuvor von Marktkräften geprägt wurde.

Der Konkurrenzdruck sei so groß, dass bereits die Kindheit als Aufbauphase für Humankapital uminterpretiert werde - mit Risikomanagement als dominierender Erziehungsstrategie. In einem solchen System können schon qua Definition die wenigsten bestehen. Das Ergebnis ist eine Generation, die gebildeter ist als all ihre Vorgängerkohorten - und zugleich die erste, die ökonomisch schlechter gestellt ist als ihre Eltern. Hyperkompetitive Arbeitsmaschinen treffen auf prekäre Jobs.


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Obwohl sich Harris auf die amerikanische Gesellschaft konzentriert, treffen die Grundzüge seiner Analyse auch auf Europa zu. Der Autor offeriert dabei keinerlei Lösungsansätze. Er versteht sein Buch vielmehr als eine eindringliche Warnung vor einem Weiter-so. Setzt sich der Trend der gesellschaftlichen Polarisierung fort, so zeigt Harris überzeugend auf, dürften Avocadotoasts künftig das geringste Problem sein.
Eva Müller

Wie man sich gegen Tyrannen im Büro schützt

Tyrannen machen einem nicht nur das Leben zur Hölle, sie verringern auch die Produktivität eines Teams um ein Drittel

Tyrannen machen einem nicht nur das Leben zur Hölle, sie verringern auch die Produktivität eines Teams um ein Drittel

Foto: Oliver Berg/ dpa

Ob auf der Vorstandsetage, im Aufsichtsrat oder im Kundenmeeting - überall lauern Typen, die einem das Leben zur Hölle machen. Mal ganz abgesehen von den Nerven, die solche Menschen zerrütten - schon ein einziger davon verringert die Produktivität in Teams um ein Drittel.

Die Wirkung von Widerlingen auf Unternehmen hat Managementprofessor Robert Sutton im Bestseller "Der Arschloch-Faktor" beschrieben. Weil ihm darauf Tausende genervte Vorgesetzte sowie frustrierte Untertanen ihr persönliches Leid klagten, hat sich der Psychologe nun der Betroffenen angenommen.

In seinem Überlebensführer beschreibt der Psychologe unterhaltsam, welche Maßnahmen vor der zerstörerischen Kraft von Intriganten, Cholerikern und Schnöseln schützen können. Gespickt mit wissenschaftlichen Erkenntnissen und vielen Beispielen aus dem wahren Leben systematisiert er die unterschiedlichen Tyrannentypen - vom Unternehmensführer, der an Brutalität als Erfolgsrezept glaubt, bis zum "Regel-Nazi" an der Sicherheitskontrolle im Flughafen.

Mithilfe eines Detektors kann der Leser die Spezies erkennen, die ihn gerade malträtiert. Je nach Art empfiehlt Sutton unterschiedliche Strategien - vom schlichten räumlichen Distanzieren über die mentale Neubewertung bis zu überraschenden Methoden wie der gezielten Kriecherei.


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Zuerst geht es darum, die negativen Folgen fiesen Verhaltens zu minimieren. So wie die Vorstandschefin eines Softwareunternehmens das Motzen ihres Chefaufsehers ins Leere laufen lässt, indem sie sich während seiner Telefontiraden die Nägel lackiert. Dann folgen Taktiken zur aktiven Abwehr bösartiger Zeitgenossen inklusive Warnung vor den Risiken der Rache.

Zum Schluss beschreibt der humorvoll-selbstkritische Forscher, wie man eigenes Arschlochverhalten verhindern kann. Ein sehr nützliches Buch. Die Rezensentin feierte übrigens bereits mit zwei Methoden durchschlagende Erfolge.
Eva Müller

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