Mittwoch, 18. September 2019

Pfund-Absturz betrifft selbst urbritische Produkte Ungeahnte Brexit-Folge - Den Briten geht das Marmite aus

Urbritisch: Marmite kommt aus dem Werk in Burton-upon-Trent - muss aber harte Euro erwirtschaften

Ein Händler und ein Hersteller streiten sich über eine Preiserhöhung. So weit, so gewöhnlich. Aber was sich derzeit zwischen dem Konsumgüterriesen Unilever und der größten britischen Supermarktkette Tesco abspielt, erhitzt auf der Insel die Gemüter.

Unilever Börsen-Chart zeigen verlangt wegen der Abwertung des britischen Pfund Börsen-Chart zeigen 10 Prozent mehr für mehrere Produkte, Tesco Börsen-Chart zeigen weist das zurück. Daher sind die Lieferungen vorerst eingestellt, wie der "Guardian" berichtet.

Nach und nach gehen den Supermärkte die Vorräte aus, online sind mehrere Unilever-Waren komplett aus dem Tesco-Angebot verschwunden: Persil-Waschmittel, Dove-Seifen, Knorr-Suppen, Ben&Jerry's-Eis. Und Marmite. Auch andere Handelsketten sind in Auseinandersetzungen mit dem Lieferanten.

Symbolträchtig ist vor allem Marmite. Die (zumindest für den britischen Markt) nur von Unilever hergestellte Hefepaste ist ein urbritisches Produkt, auch wenn sie die historisch enge Verbindung zum Kontinent versinnbildlicht:

Die Methode der Hefeextraktion entwickelte der deutsche Chemiker Justus von Liebig, der Produktname geht auf das französische Wort für einen Tontopf (der üblichen Aufbewahrung vor den heutigen Kunststoffflaschen) zurück. Und der vom Niederländer Paul Polman geführte Unilever-Konzern, seit 2000 im Besitz der Marke, ist binational.

In den vergangenen Jahren hatte sich Unilever bereits gegen die Verwendung der Marke sowie des Werbeslogans "Love it or hate it" in Kampagnen britischer Nationalisten gewehrt.

Warum der Pfund-Verfall selbst ein britisches Produkt verteuert

Den Unmut gegenüber Europa scheint Tesco noch nähren zu wollen. "Unilever nutzt den Brexit als Vorwand für Preiserhöhungen, selbst für Produkte, die im Vereinigten Königreich hergestellt werden", zitiert der "Guardian" einen nicht namentlich genannten Insider. Tatsächlich steht die einzige Marmite-Fabrik in Burton-upon-Trent, Staffordshire.

Der Londoner Ökonom Richard Murphy weist darauf hin, dass der niederländisch-britische Konzern (mit einer niederländischen und einer britischen Holding) in Euro bilanziert und daher mit den bisherigen Pfund-Preisen Verlust schreibe, selbst wenn die Produktionskosten an den Standorten auf der Insel sich nicht verschlechterten.

Der Marmite-Streit sei zwar merkwürdig, aber dennoch ein Zeichen für das, was auf die Briten zukomme: "Das Pfund kann nicht um 10 Prozent abrutschen, ohne dass es einen ernsten Inflationsschub gibt." Auch wenn Marmite bald wieder in die Regale zurückkehre, würden viele das Brexit-Votum an der Supermarktkasse bereuen.

Am Donnerstagmorgen rutschte der Wechselkurs des Pfunds erneut ab.


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