Möglicher EU-Ausstieg der Briten Diese deutschen Firmen fürchten den Brexit besonders

Händler vor der Londoner Börse: Fusion mit Frankfurt geplant

Händler vor der Londoner Börse: Fusion mit Frankfurt geplant

Foto: ? Toby Melville / Reuters/ REUTERS

Das Timing ist schon speziell: Gerade setzt die britische Regierung ein Referendum an, das ihr Land womöglich politisch vom Kontinent trennt - da suchen die führenden Börsenbetreiber von beiden Seiten des Kanals eine Union: Deutsche Börse und London Stock Exchange wollen fusionieren.

Nach etlichen Fehlversuchen der Vorgänger könnte es der große Deal für Carsten Kengeter werden, den Chef in Frankfurt. Sein Londoner Kollege Xavier Rolet gehört zu 200 Firmenchefs, die mit einer Anzeige in der "Times" (€)  vor einem "Brexit" warnen.

Der Franzose sieht für den Fall, dass Großbritannien aus der EU aussteigt, allerdings weniger die britische Wirtschaft und deren Jobs bedroht als den Rest Europas: "Die Kapitalmarktunion ist die letzte Hoffnung, das europäische Projekt zu retten." In diesem Zusammenhang würde die von Rolet und Kengeter geplante Fusion Sinn ergeben.

Pfund-Gefahr für Tuis britische Kunden

Tui-Chef Joussen: Furcht um die Kaufkraft der Briten im Ausland

Tui-Chef Joussen: Furcht um die Kaufkraft der Briten im Ausland

Foto: DPA

In Deutschland ist der Reisekonzern Tui längst aus der ersten Liga der Wirtschaft abgestiegen, in Großbritannien zählt die 2007 mit First Choice zusammengeschlossene Hannoveraner Firma noch zu den wichtigsten Aktiengesellschaften im Leitindex FTSE 100.

Den "Times"-Brief hat zwar nur sein britischer Vorgänger Peter Long unterschrieben, zum Brexit hat aber auch der deutsche Tui-Chef Friedrich Joussen eine dezidierte Meinung: "Ein Austritt Großbritanniens würde zu einer Abwertung des britischen Pfunds führen."

Die Tendenz deutet sich ja schon an. Nachdem der populäre Londoner Bürgermeister Boris Johnson ins Lager der Brexit-Fans gewechselt ist, fiel das Pfund Sterling im Vergleich zum Dollar auf den tiefsten Stand seit sieben Jahren.

Eine Abwertung des britischen Pfund bedeutet: Die Briten können sich weniger Urlaub im Ausland leisten, der Urlaub auf Mallorca, auf Kreta oder der Ausflug in ein deutsches Fußballstadion werden teuer. Das ist schlecht für Tui.

Eine Siemens-Verbindung zum Kontinent

Eurostar: Ein Siemens-Zug für die Verbindung des Kontinents nach London

Eurostar: Ein Siemens-Zug für die Verbindung des Kontinents nach London

Foto: REUTERS

Zu den deutschen Konzernen, die sich gegen den Brexit exponieren, gehört neben BASF auch Industrieriese Siemens. Landeschef Jürgen Maier trat gar in einer BBC-Talkshow gegen Nationalistenführer Nigel Farage an.

Als Österreicher, der seit 40 Jahren auf der Insel lebt, habe er "eine starke emotionale Verbindung zur Idee der europäischen Zusammenarbeit". Es gebe aber auch ein paar "handfeste geschäftliche Gründe" gegen den Brexit.

Siemens betreibt 13 Fabriken im Vereinigten Königreich und setzt mehrere Milliarden auf der Insel um, ob mit Mega-Zugaufträgen wie dem Thameslink in London oder dem weltgrößten Offshore-Windpark.

Über weniger EU-Regulierung würde er sich als Manager manchmal freuen, räumt Maier ein. Unterm Strich habe sie die britischen Siemens-Fabriken aber produktiver gemacht.

Der Mini-Erfolg von BMW

BMW-Vorstand Robertson: Großbritannien ist der viertwichtigste Markt

BMW-Vorstand Robertson: Großbritannien ist der viertwichtigste Markt

Foto: JOHANNES EISELE/ REUTERS

Dass überhaupt noch eine nennenswerte britische Autoindustrie existiert, ist nicht jedermann bekannt.

Ein Gutteil davon geht auf das Konto des BMW-Konzerns  - auch wenn die Übernahme des Rover-Konzerns in den 90er Jahren anders lief als erhofft. Immerhin sorgt die Marke Mini für ordentliche Stückzahlen und Rolls-Royce für zusätzliches Prestige.

UK sei "der viertgrößte Markt für die BMW-Gruppe", begründet Vertriebsvorstand Ian Robertson sein Engagement für fortgesetzte EU-Mitgliedschaft. 80 Prozent der Produktion aus den dortigen Werken werde exportiert. Ein Brite in München - Robertson ist sozusagen das Gegenstück zu Siemens-Mann Maier in Manchester.

Für eine weitere englische Auto-Ikone hat übrigens ein Deutscher den "Times"-Brief unterzeichnet: Ralf Speth leitet die Geschäfte von Jaguar Land Rover im Auftrag des indischen Eigentümers Tata.

Airbus ohne Flügel?

Airbus-Chef Enders: Die Flügel werden auf der Insel gebaut

Airbus-Chef Enders: Die Flügel werden auf der Insel gebaut

Foto: Dan Anderson/ picture alliance / dpa

"Wenn Großbritannien die EU verlässt, kann ich mir nicht vorstellen, dass dies positive Konsequenzen für unsere Wettbewerbsfähigkeit in Großbritannien hätte", meint auch Airbus-Chef Tom Enders.

Der Flugzeughersteller meint damit nicht nur den Zugang zum britischen Markt. BAe Systems als heimischer Wettbewerber steht ebenfalls unter dem Anti-Brexit-Brief - und arbeitet zum Beispiel am Kampfjet Eurofighter auch mit Airbus  zusammen.

Die britischen Werke Filton und Broughton haben in der europäisch fein aufgeteilten Konzernstruktur die Führung für Tragflächentechnik. Und der britische Triebwerkshersteller Rolls-Royce (nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen Automarke) ist ein wichtiger Lieferant.

Interessant ist aber auch, welche Konzerne nicht unter dem Aufruf stehen ...

Das Schweigen der Deutschen Bank

Deutsche-Bank-Niederlassung in London: Der wichtigste Standort

Deutsche-Bank-Niederlassung in London: Der wichtigste Standort

Foto: LUKE MACGREGOR/ REUTERS

Für die Deutsche Bank ist London der wichtigste Standort überhaupt. Seine Bedeutung ist größer als die Frankfurter Zentrale.

Die City als Europas Finanzplatz Nummer eins außerhalb der Regeln der EU - kaum zu glauben, dass das die Bank kalt lassen würde. "Ein Austritt wäre sehr schädlich", bekennt denn auch ihr britischer Chef John Cryan.

In die "Times" hat er seinen Namen dennoch nicht gebracht. Die Banken sind bemerkenswert geteilt: Londons führende globale Universalbank HSBC ist dabei, ausländische Investmentbanken wie Credit Suisse oder Goldman Sachs auch, ebenso die auf der Insel präsente spanische Universalbank Santander oder Newcomer Virgin Money.

Abwesend sind neben der Deutschen Bank unter anderem Barclays, aber auch die staatlich gestützten Banken Lloyds und Royal Bank of Scotland. Im Referendum um die schottische Unabhängigkeit hatten sie sich noch weniger zurückgehalten.

Der Einsturz von RWE

Einsturz: RWE-Kraftwerk nahe Oxford

Einsturz: RWE-Kraftwerk nahe Oxford

Foto: PETER NICHOLLS/ REUTERS

Große Bedeutung hat der britische Markt auch für RWE . Dem Essener Energiekonzern gehört Npower, einer der großen Versorger auf der Insel.

Im Gegensatz zu Wettbewerber Centrica fehlt dessen Name auf dem Anti-Brexit-Brief. Aber RWE hat derzeit wohl größere Sorgen als einen Brexit, auch auf der Insel: Am Dienstag stürzte ein altes Kohlekraftwerk nahe Oxford ein.

Aldi und Lidl, die wahre Gefahr vom Kontinent

Aldi-Filiale: Die Deutschen auf dem Vormarsch

Aldi-Filiale: Die Deutschen auf dem Vormarsch

Foto: DPA

Dezidiert gegen den Brief äußern sich manche Chefs britischer Supermarktketten wie Tesco oder Sainsbury's. Das Brexit-Referendum sei eine politische Angelegenheit, die von den Bürgern entschieden werden solle und nicht von Unternehmern.

Da schwingt wohl etwas Angst mit, manche Kunden zu vergraulen - möglicherweise aber auch eigene Vorbehalte gegen eine Gefahr, die vom Kontinent kommt: Die deutschen Discounter Aldi und Lidl haben inzwischen nennenswerte Marktanteile erobert. Gegen den Brexit mögen aber auch sie sich nicht positionieren.


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