Mittwoch, 13. November 2019

Hängepartie führt zu Gersten-Dumping Wie der Brexit deutsches Bier verbilligen könnte

Anti-Brexit-Protest auf einem Feld in der Grafschaft Wiltshire
Will Rose, Led by Donkeys via AP
Anti-Brexit-Protest auf einem Feld in der Grafschaft Wiltshire

Selten hatten Bauern Grund, sich über eine gute Ernte zu ärgern. Für die britischen Getreidepflanzer ist das in diesem Jahr jedoch der Fall. Gut 16 Millionen Tonnen Weizen und acht Millionen Tonnen Gerste brachte ihr Boden nach vorläufigen Zahlen des Umweltministeriums ein. Das ist fast ein historischer Rekord, auf jeden Fall ein gewaltiger Sprung gegenüber dem miserablen Vorjahr 2018, als auf einen Dürresommer Starkregen zur Erntezeit folgte. Jetzt sind die Silos voll - doch zur Unzeit, denn die Bauern wissen wegen der Brexit-Wirren kaum, wohin mit ihrer Ware.

Serie: Der Brexit-Showdown

Ein harter Ausstieg aus der Europäischen Union würde die Getreidefarmen härter treffen als die meisten anderen Wirtschaftszweige. Sie hängen stark vom kontinentalen Absatzmarkt ab, wären wegen der hohen Zölle im Fall eines No-Deal-Brexit auf einen Schlag nicht mehr wettbewerbsfähig. Und im Gegensatz zu den Vieh züchtenden Kollegen hat ihnen die Regierung auch keinen Schutz zugesagt. Im Gegenteil: Sie müssten auch noch Billigkonkurrenz aus Europa auf dem Heimatmarkt erdulden, weil die Briten sich zum einseitigen Verzicht auf Zölle verpflichtet haben (auch, damit sich Nahrungsmittel nicht verteuern).

Zwar ist das No-Deal-Szenario jetzt erst mal wieder vom Tisch, zumindest solange die erneute Gnadenfrist der EU gilt. Der Bauernverband National Farmers Union fühlt sich trotzdem "verraten". Schon die bisherige Unsicherheit hat der Branche ernste Verluste eingebracht. Zu den Gewinnern könnten die Kunden auf dem Kontinent gehören, vor allem bei der maßgeblich zum Bierbrauen verwendeten Malzgerste (die in der Handelsstatistik nicht getrennt von Futtergerste genannt wird).

Im Juli und August wurden nach Angaben der britischen Finanzbehörden schon 329.000 Tonnen Gerste der diesjährigen Ernte exportiert, mehr als sonst in einem ganzen Jahr. Mehr als 99 Prozent davon ging in andere EU-Staaten.

Zahlen für September und Oktober liegen noch nicht vor. Viel spricht aber dafür, dass die britischen Lieferanten ihr Getreide noch schnell in den kontinentalen Markt drückten - aus Angst vor der Deadline 31. Oktober, die nun erst kurz vor knapp aufgehoben wurde.

Insgesamt sind aber drei Millionen Tonnen überschüssig, gemessen am inländischen Bedarf, warnte Einkaufsmanager Bob King von der Crisp Malting Group - eine der größten Mälzereien der Welt - jüngst vor einem Bauernverein in der Grafschaft Norfolk. Die "phänomenale" Ernte führe leider zu "akutem Preisdruck".

Die Ware nach Europa schaffen, solange es noch geht - diese Art der Panik hat das Verhalten der Erzeuger über das ganze Jahr geprägt. Schon im Frühjahr berichtete der Gerstenbauer Matthew Culley aus dem Bourne-Tal in Hampshire gegenüber "Sky News", er habe erstmals in 25 Jahren einen langfristigen Liefervertrag verloren. Die dänische Großbrauerei Carlsberg, zu der auch bekannte deutsche Biermarken wie Holsten oder Lübzer gehören, wolle sich das Risiko künftig hoher Zölle nicht antun.

Das Ergebnis: Statt hoher Exportpreise musste Culley Rabatte gewähren. Selbst die schlechte 2018er-Ernte habe ihm volle Lager mit 240 Tonnen Gerste eingebracht, "die schon vor Monaten nach Europa hätten gehen sollen". Seit Oktober sei der Marktpreis für sein Getreide um ein Viertel eingebrochen, "das sind 15.000 Pfund, die auf der Bank liegen sollten".

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