Dienstag, 18. Juni 2019

Jede zweite Firma binnen 20 Jahren verschwunden Monopole statt Innovation - das Sterben der Aktiengesellschaften

Händler an der New Yorker Börse: Die älteren Kollegen hatten noch doppelt so viele Namen auf dem Kurszettel

Der Wandel ist monumental, und doch wird er bisher kaum wahrgenommen. Dabei muss man nur genau hinsehen. Das haben die Ökonomen Gustavo Grullon, Yelena Larkin und Roni Michaely getan, in einer Studie , auf die der Kollege Alex Tabarrok über sein Blog "Marginal Revolution" jetzt hinweist.

Nicht einmal halb so viele Unternehmen sind heute an den US-Börsen registriert wie noch im Jahr 1997, heißt es in der Studie. Die Autoren stützen sich auf umfassende Daten, denen zufolge sich der Befund vom Verschwinden der Aktiengesellschaften quer über alle Branchen feststellen lässt - also nicht nur in schrumpfenden Industrien wie dem Kohlebergbau oder besonders fusionswütigen wie Pharma .

Als Treiber der Entwicklung benennen sie einerseits das blühende Geschäft mit Fusionen und Übernahmen sowie andererseits den langfristigen Rückgang an Börsengängen. Ungefähr seit der Jahrtausendwende, folgern sie, habe sich ein Trend zu mehr Wettbewerb umgekehrt, der in den vorigen Jahrzehnten der Liberalisierung vorherrschte.

"Es gibt eine verbreitete Wahrnehmung unter Marktteilnehmern und Aufsehern, dass dieses Phänomen bis heute anhalte", schreiben Grullon, Larkin und Michaely. In Wahrheit aber seien zunehmende Konzentration und Marktmacht die Zeichen der Zeit im 21. Jahrhundert. Heute kontrolliere eine kleinere Zahl an Unternehmen als Anfang der 70er Jahre eine dreimal so große Wirtschaftsleistung.

Konzentration statt Innovation

Die Autoren belegen ihre These vom nachlassenden Wettbewerb, indem sie nachweisen, dass weder private (also nicht börsennotierte) noch ausländische Unternehmen die Lücke füllen. Im Gegenteil: Die Übernahmen privater Firmen durch Aktiengesellschaften hätten noch zugenommen.

Zudem zeigen Grullon, Larkin und Michaely einen messbaren Zusammenhang zwischen der sinkenden Firmenanzahl und steigenden Profitmargen sowie einem insgesamt höheren Anteil der Gewinne am Volkseinkommen auf - ein Hinweis, dass die Gewinner der Monopolisierung ihre Macht auch zu nutzen wissen. Übernahmen zahlten sich stärker aus als früher. Demnach wäre die aktuelle Fusionswelle nicht bloßem Mangel an Fantasie für produktive Investitionen geschuldet, sondern brächte konkreten Nutzen.

Diesen Nutzen haben Aktionäre - zumindest die Aktionäre der überlebenden Gesellschaften. Für die Verbraucher aber, und für die Volkswirtschaft insgesamt bedeutet das Ergebnis eine schlechte Nachricht: Innovatoren und Disruptoren haben es zunehmend schwer, wenn das zunächst nur für die USA behauptete Studienresultat stimmt.

Tabarrok sieht darin seine eigene Forschung bestätigt: Seit etwa dreißig Jahren lasse sich ein "langfristiger Rückgang der wirtschaftlichen Dynamik" beispielsweise an Firmengründungen beobachten. Er könne nur hoffen, dass die neue Studie von Einmaleffekten der großen Wirtschaftskrise seit 2007/2008 verzerrt sei. Sonst stelle sich die Frage, ob das Setzen auf den Aktienmarkt für die Altersvorsorge in ein parasitäres Wirtschaftsmodell münde.


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