Interne Mails zum 737-Max-Skandal veröffentlicht "Clowns, von Affen beaufsichtigt" - das fatale Selbstbild von Boeing

Cockpit einer Boeing 737 Max 8

Cockpit einer Boeing 737 Max 8

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Die Dinger fliegen nicht: Boeings lange Problemliste

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Kritische E-Mails von Boeing-Mitarbeitern über den Umgang mit dem Unglücks-Modell 737 Max werfen ein schlechtes Licht auf die Unternehmenskultur bei dem US-Flugzeugbauer. Das Flugzeug sei "von Clowns entworfen, die wiederum von Affen beaufsichtigt werden", schrieb ein nicht genannter Mitarbeiter, der sich im April 2017 mit einem Kollegen über Probleme mit der Computer-Flugsteuerung austauschte.

Zwei Boeing 737 Max stürzten 2018 und 2019 nach technischen Problemen ab, 346 Menschen verloren dabei ihr Leben. Seither dürfen Flugzeuge dieses Typs auf Geheiß der internationalen Luftsicherheitsbehörden wie der FAA in den USA nicht mehr starten und landen.

Aus vielen der Mails und anderen Kurznachrichten, die Boeing in der Nacht zum Freitag veröffentlichte, spricht Verachtung für das Boeing-Management, aber auch für die FAA und andere Genehmigungsbehörden. "Würdest Du Deine Familie in ein Flugzeug setzen, dessen Piloten an einem Max-Simulator geschult wurden? Ich nicht", schreibt ein Boeing-Mitarbeiter Anfang 2018 an einen anderen. "Nein", antwortet dieser. An einer anderen Stelle hieß es, "dies ist ein Witz. Das Flugzeug ist lächerlich."

In einem Schreiben von 2015 sagte ein Angestellter, die Firma habe eine Präsentation gegenüber der FAA extrem kompliziert gestaltet. Für die Beamten und auch für ihn selbst "war es, wie wenn Hunde fernsehen". Ein anderer schrieb: "Ich wäre geschockt, wenn die FAA diesen Scheiß durchgehen lässt."

Boeing erklärte, man habe die internen Mitteilungen - insgesamt mehr als 100 Seiten - in einer Transparenz-Offensive gegenüber der FAA und dem Kongress offengelegt. Zuvor hatte die "New York Times"  bereits aus den Dokumenten zitiert. Die Aussagen darin "spiegeln nicht das Unternehmen wider, das wir sind und das wir sein müssen, und sie sind völlig unakzeptabel", betonte der Flugzeugbauer.

Am Montag tritt der neue Boeing-Chef Peter Calhoun sein Amt an. Vorgänger Dennis Muilenburg war mit seiner Taktik, das Problem kleinzureden und optimistische Prognosen zum baldigen Ende des Flugverbots abzugeben, mit der Behörde aneinandergeraten und wurde im Dezember gefeuert.

"Gott hat mir noch nicht vergeben, was ich verschleiert habe"

Schon im vergangenen Jahr waren Mails des Boeing-737-Max-Chefpiloten Mark Forkner aus dem Jahr 2016 bekannt geworden, in denen er einräumte: "Ich habe im Grunde die Aufseher belogen (unwissentlich)." Die neuen Dokumente bezeugen jedoch eine bewusste Täuschung.

Die FAA erklärte, Ton und Inhalt der Formulierungen in den Dokumenten seien "enttäuschend". Sie stellten jedoch kein zusätzliches Sicherheitsrisiko dar. Die Behörde sei im Zusammenhang mit dem 737-Max-Simulator "weder gründlich noch fordernd", hieß es in einer der veröffentlichten Mails.

Der Vorsitzende des Verkehrsausschusses im US-Repräsentantenhaus, Peter DeFazio, sagte, die Mitteilungen zeichneten ein "zutiefst verstörendes Bild davon, wie weit Boeing zu gehen bereit war, um einer Überprüfung durch Regulierungsbehörden, Flugzeugbesatzungen und der Öffentlichkeit zu entgehen, obwohl eigene Mitarbeiter die Alarmglocken schrillen ließen". DeFazio leitet die Untersuchung der beiden Abstürze im Parlament.


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Boeing hatte sich lange dagegen gewehrt, dass Piloten vor einem Einsatz in der 737 Max überhaupt im Simulator geschult werden sollten, weil der Flugzeugtyp dem Vorgängermodell 737 NG ähnle. "Wir werden das nicht zulassen. Wir werden uns mit jedem Regulierer anlegen, der das verlangt", schrieb ein Boeing-Manager im März 2017 in einer E-Mail.

Zuvor hatte ein Marketing-Mitarbeiter gejubelt, als die Aufseher minimale Flugerfahrung mit der 737 NG als ausreichende Bedingung für die Lizenz zum Fliegen der Max akzeptierten. "Du kannst 30 Jahre lang keine NG betreten haben und darfst trotzdem in eine Max springen? ICH LIEBE ES!" Das sei "ein großer Teil der Betriebskostenstruktur in unseren Marketing-Decks".

Nach Gewerkschaftsangaben mussten 737-Max-Piloten bisher nur einen einstündigen Kurs am iPad absolvieren, ehe sie die Maschine zum ersten Mal flogen. Erst in dieser Woche hatte Boeing einen Kurswechsel vollzogen und Flugzeugführern ein Simulator-Training empfohlen, ehe sie wieder in einer 737 Max säßen. Für die Airlines bedeutet das hohe Mehrkosten - wenn sie überhaupt an einen der knappen Simulatoren kommen. Manchen wie dem Billigflieger Southwest hatte Boeing zu Beginn des Programms Millionenrabatte für den Fall zugesagt, dass ein Simulator nötig werde.

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Boeings Crash-Modell: Diese Airlines setzen die 737 Max ein

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In anderen Mails beklagen sich die Boeing-Mitarbeiter bitter über die Unternehmenskultur. Der Flugzeugbauer versuche immer den billigsten Lieferanten zu finden und sage Zeitpläne zu, die nicht einzuhalten seien, hieß es in einer internen E-Mail mit Bezug auf den Flugsimulator für die 737 Max.

"Ich weiß nicht, wie man das wieder hinkriegen soll... das ist systemisch. Es ist Tatsache, dass wir ein Führungsteam haben, das sehr wenig vom Geschäft versteht und uns doch zu bestimmten Zielen steuert", schrieb ein Mitarbeiter im Juni 2018. "Gott hat mir noch nicht vergeben, was ich vergangenes Jahr verschleiert habe", schrieb ein anderer einen Monat zuvor.

Von den Aufsehern der FAA sowie deren Kollegen beispielsweise in Europa oder China, die sich ein eigenes Bild machen wollen, hängt ab, wann Boeings Bestseller wieder abheben darf.

Daneben muss sich Boeing noch um weitere Modelle sorgen, die teils erst noch auf den Markt kommen sollen. "Der beste Teil ist, dass wir diese ganze Sache mit demselben Lieferanten mit der 777X schon wieder neu starten und sogar noch einen aggressiveren Zeitplan haben", heißt es in einer von "Bloomberg" zitierten  Mail.

mit Material von reuters
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