Dienstag, 25. Februar 2020

Boeing wartet auf "Ungrounding" Null Vertrauen in 737 Max - Piloten verschmähen Boeing

737-Max-Rümpfe auf Halde beim Boeing-Zulieferer Spirit Aerosystems in Wichita, Kansas

Jetzt meldet sich auch noch Donald Trump. Boeing sei "eine große, große Enttäuschung", beschwerte sich der US-Präsident am Mittwoch von Davos aus im CNBC-Fernsehinterview. "Da hat man eines der großen Unternehmen der Welt, und dann plötzlich so etwas." Die 737-Max-Krise habe Amerikas Wirtschaftswachstum "mehr als einen halben Punkt" gekostet.

Für den vor einer Woche angetretenen Konzernchef David Calhoun wird die Aufgabe nicht leichter, "das Vertrauen unserer Kunden, Aufseher, Lieferanten und Passagiere neu aufzubauen", wie er versprach. Am Dienstag gab Boeing ein neues Ziel für das "Ungrounding" des seit März 2019 weltweit stillgelegten Flugzeugmodells bekannt: "Mitte 2020" dürften die Behörden "mit der Freigabe beginnen". Prompt rutschte die Aktie Börsen-Chart zeigen ab und wurde kurzzeitig vom Börsenhandel ausgesetzt.

Zuletzt hatte die alte Boeing-Führung noch im November eine Rückkehr der 737 Max in den Flugverkehr vor dem Jahreswechsel in Aussicht gestellt, und sich dafür eine Rüge von der US-Flugaufsichtsbehörde FAA eingeholt - ein Hauptgrund für den Abgang von Calhouns Vorgänger Dennis Muilenburg. Doch auch der neue Zeitplan könnte zu optimistisch sein, wie Boeing selbst einräumt.

Im Sommer wieder mit der Max starten? Die Anführer wichtiger Pilotengewerkschaften, von der "Financial Times" befragt, können sich das kaum vorstellen.

Boeing genieße derzeit "null Vertrauen" unter den 10.000 Mitgliedern seines Vereins, sagte Jon Weaks von der Southwest Airlines Pilot Association, die Boeing im Oktober verklagte. Der US-Billigflieger Southwest betrieb bis zum Grounding die größte 737-Max-Flotte.

Dennis Tajer von der Allied Pilots Association, die 15.000 American-Airlines-Piloten vertritt, verglich das Vertrauen in Boeing mit einem Jenga-Turm aus Holzklötzen, der höher und höher gestapelt wird, "bis alles zusammenbricht". Er verwies auf die jüngst bekannt gewordenen Boeing-internen Mails als "schlimmer als unsere schlimmsten Albträume". Der Skandal sei "wie ein schlecht geschriebenes Drehbuch, das keiner glauben würde - aber es ist passiert".


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Das Vertrauen sei "eindeutig auf dem Tiefpunkt", befand auch Jon Horne von der European Cockpit Association mit 40.000 Mitgliedern. Boeing habe "seine Glaubwürdigkeit als Hersteller verloren und in seiner Antwort auf das Problem versagt. Sie begreifen immer noch nicht, was sie falsch gemacht haben, leugnen es, und es gibt Fragen zur Firmenkultur".

Horne beschwerte sich auch darüber, dass Boeing Marketing-Material an Fluggesellschaften verteile, um Sorgen skeptischer Passagiere mit zuversichtlichen Aussagen von Piloten zu zerstreuen. Neben einem bereits verbreiteten Video des (von Boeing angestellten) Chefpiloten Jim Webb würden weitere Testimonials von Kollegen angekündigt. "Das ist nicht unsere Rolle", stellte Horne klar. Die Sicherheit des Flugzeugs könnten nur die Aufsichtsbehörden bezeugen.

Ohnehin dürfte sich die Rückkehr der 387 stillgelegten Boeing 737 Max und der mehr als 400 seitdem gebauten Jets in den Betrieb über Monate und Jahre hinziehen, selbst wenn keine neuen technischen Probleme mehr auftauchen. Die nicht geflogenen Maschinen müssen aufwändig gewartet und teils repariert werden. Neuerdings hält auch der Hersteller ein ausführliches Pilotentraining in einem der wenigen verfügbaren 737-Max-Simulatoren für notwendig. Und einige große Fluggesellschaften haben schon angekündigt, das Ungrounding lieber nicht in der geschäftigen Sommersaison bewältigen zu wollen. Und dann bleibt immer noch die Frage nach dem Vertrauen.

Weil für alle Beteiligten viel Geld auf dem Spiel steht, suchen manche Kunden nach kreativen Auswegen. "Wir haben Boeing gebeten, das Wort Max zu streichen", erklärte Steven Udvar-Hazy, Gründer der großen Leasing-Gesellschaft Air Lease, in der vergangenen Woche auf einer Konferenz in Dublin. Laut verschiedenen Berichten ließ Boeing bereits im vergangenen Jahr die noch nicht ausgelieferten Max für Großkunde Ryanair umlackieren, sodass die unverdächtige Bezeichnung "737-8200" auf der Hülle steht.

Trump ließe sich damit glücklich machen: Er hatte schon im April 2019 vorgeschlagen, das Flugzeug umzubenennen.

Manche Passagiere ließen sich so wohl beruhigen. Die Piloten eher nicht.

mit Material von AFP

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