Freitag, 26. April 2019

Flugzeugbauer gerät immer stärker in die Defensive "Boeing lieferte keine Handbücher"

Boeings Crash-Modell: Diese Airlines setzen die 737 Max ein
REUTERS

Haben Boeing und die US-Luftverkehrsaufsicht bei der Zulassung der Boeing 737 Max geschlampt? Diesem Verdacht geht jetzt auch das FBI nach. Boeing kündigt in seiner Not ein Software-Update für die Maschinen und das Flugkontrollsystem MCAS an. Der Konzern will auch verstärkt Piloten schulen. Wohl nicht ohne Grund. Denn Vorwürfe werden laut, dass Airlines zum komplexen Flugkontrollsystem nicht mal Handbücher erhalten hätten.

Das FBI hat sich strafrechtlichen Ermittlungen im Kontext mit der Zulassung von Boeings Unglücksflieger 737 Max angeschlossen. Die US-amerikanische Bundespolizei soll mit ihrem großen Apparat die Untersuchung des Verkehrsministeriums unterstützen, schreibt am Donnerstag die "Seattle Times" unter Berufung auf Insider.

Die Ermittlung werde vom Verkehrsministerium durchgeführt, aber von der strafrechtlichen Abteilung des Justizministeriums überwacht. Strafrechtliche Ermittlungen in der US-Luftfahrtindustrie, einschließlich der Aufsicht über die Flugzeugherstellung sind extrem selten, berichtet die über die Luftfahrtindustrie mit großer Expertise ausgestattete Zeitung. Sie dürfen als Indiz dafür gelten, welch hohen Stellenwert die Politik mittlerweile dem Thema einräumt. So sollen Boeing-Manager jetzt auch vor einem entsprechenden Ausschuss des US-Senats aussagen.

Ein Bericht derselben Zeitung vom vergangenen Sonntag hatte die Öffentlichkeit offenbar derart aufgeschreckt, dass sich US-Verkehrsministerin Elaine Chao am Dienstag zu dem ungewöhnlichen Schritt entschloss, die Sicherheitszertifizierung der neuen Boeing 737 Max-Flugzeuge im Jahr 2017 durch ihre Behörde überprüfen zu lassen.

US-Luftfahrtbehörde gab offenbar Zertifizierungsprozesse an Boeing ab

Nach zwei Abstürzen des Flugzeugtyps Boeing 737 Max in weniger als einem halben Jahr sieht sich vor allem die Luftverkehrsaufsicht FAA steigendem Misstrauen ausgesetzt. Die "Seattle Times" hatte in dem Bericht von Sonntag ausführlich beschrieben, wie hohe Beamte der Bundesbehörde ihre Ingenieure dazu gedrängt haben sollen, mehr Zertifizierungsprozesse an Boeing selbst zu delegieren.

Misstrauen ruft vor allem die Freigabe der umstrittenen Flugkontroll-Steuerungssoftware MCAS hervor, die eine entscheidende Rolle beim Absturz einer 737 Max 8 Oktober 2018 in Indonesien und auch beim jüngsten Crash einer solchen Maschine in Äthiopien gespielt haben soll. Bei den beiden Abstürzen waren insgesamt 346 Menschen ums Leben gekommen. Die Ermittlungen in beiden Fällen sind noch nicht abgeschlossen.

MCAS soll verhindern, dass der Schub der Triebwerke im Steigflug derart stark wird, dass sich die Maschine nicht mehr ausrichten lässt. Beide Unglücksmaschinen waren nach dem Start mit äußerst unregelmäßiger Flugkurve und Fluggeschwindigkeit aufgestiegen, sanken anschließend unkontrolliert ab und schlugen steil auf dem Boden auf.

Hat Boeing bei der Zertifizierung bewusst geschlampt?

Die "Seattle Times" hatte an anderer Stelle berichtet, dass Boeing der US-Flugaufsicht FAA nicht alle Informationen zu dem MCAS-System habe zukommen lassen. In den FAA-Unterlagen werde erklärt, dass das System das Ruder maximal um 0,6 Grad korrigieren könne. Boeing habe aber nachträglich einen Winkel von bis zu 2,5 Grad erlaubt, so die Zeitung.

Dies sei die Hälfte der überhaupt maximalen Ruderbewegung und hätte massive Auswirkungen auf den Flugverlauf. Auch sei nicht bekannt gewesen, dass sich die Wirkung der Software verstärke, je mehr die Piloten versuchten gegenzusteuern.

Stellen sich diese Informationen als richtig heraus, würde damit offensichtlich, dass das MCAS-System einen ausgesprochen hohen Einfluss auf die Maschine hätte, für manche Kommentatoren gar einen "bedrohlichen" Einfluss.

Sind Piloten über die Wirkungsweise dieses Softwaresystems nicht gut oder gar nicht informiert - was im Kontext mit den Unglücksmaschinen nach wie vor nicht auszuschließen ist -, könnte das zu fatalen Entwicklungen führen.

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