Mittwoch, 20. November 2019

US-Staatsversagen gefährdet Flugsicherheit Äthiopien und Indonesien führen den Kampf gegen Leichtsinn an

Trauernde Angehörige an der Absturzstelle nahe Bishoftu, Äthiopien

Ausgesucht haben sie sich diese Rolle nicht. In erster Linie sind Äthiopien und Indonesien Opfer der zwei Abstürze neuer Boeing-Jets mit 346 Toten. Die Aufklärung der Unfallursachen ist für die Behörden der beiden Entwicklungsländer schlicht notwendig - aber indem sie sich der Aufgabe stellen, führen sie die Sorge für sicheres Fliegen weltweit an.

Zum Schlusslicht hingegen gerät die US-Luftfahrtbehörde FAA, die früher der Leitstern der Flugsicherheit war und historisch eine Menge für eine bessere Unfallstatistik erreicht hat - ihr aktuelles Verhalten rund um Boeing jedoch ist ein eklatanter Fall von Staatsversagen.

Von Äthiopien und Indonesien ging die Welle zum weltweiten Grounding des Crash-Modells Boeing 737 Max aus. Die USA schlossen sich erst an, als sie nahezu isoliert waren, und gaben bis dahin Durchhalteparolen aus. Selbst Boeings Aufruf zum weltweiten Flugstopp schließt jeden Zweifel an der Sicherheit des Modells aus und spricht von "abundance of caution" - nicht mehr als ein Eingeständnis, unter öffentlichem Druck eingeknickt zu sein.

Aus den indonesischen Ermittlungen stammt das Wissen, dass es ein Problem mit dem bei der 737 Max erstmals eingesetzten Flughöhenkontrollsystem MCAS geben könnte, indem die Flugzeugnase unter Umständen automatisch zu Boden gedrückt wird (als Unfallursache bewiesen ist das freilich noch nicht); dass ein einzelner Sensor für den Anstellwinkel des Flugzeugs nicht ausreicht; und dass Informationen zum MCAS in Boeings Pilotenhandbuch und Schulung fehlen.

Gegen all diese Einsichten hat Boeing gebremst und beteuert, die 737 Max sei "so sicher wie nur irgendein Flugzeug, dass jemals am Himmel geflogen ist" - mit dem Wohlwollen der FAA, deren Führungsposten seit 14 Monaten unbesetzt ist. Trumps Verkehrsministerin Elaine Chao hat nicht mehr zu dem Fall beigetragen, als nach dem Crash in Äthiopien noch einmal demonstrativ mit einer 737 Max von Southwest Airlines zu fliegen. Das Laissez-faire gefährdet jedoch die Flugsicherheit. Dass auch US-Piloten von ihren Kämpfen mit dem MCAS berichteten, blieb ohne Konsequenzen.

Äthiopiens Regierung vertraut Blackbox lieber Frankreich als USA an

Besonders erschütternd: Das als Lösung bis Ende April versprochene Software-Update der 737 Max (zusammen mit Ergänzungen im Handbuch und dem Einbau weiterer Sensoren) hätte schon Anfang Januar fertig sein sollen. Das war eine der Empfehlungen, die auch die FAA nach dem Zwischenbericht des indonesischen Verkehrssicherheitskomitees KNKT im November 2018 übernahm.

Wenn diese Lösung tatsächlich funktioniert und die Ursache auch beim Ethiopian-Flug auf das MCAS deutet, hätte der zweite tödliche Crash also verhindert werden können. Dazwischen kamen jedoch Diskussionen zwischen Boeing und der FAA, wie weit die Änderungen gehen sollten - und der von Trump betriebene Government Shutdown zu Jahresanfang. Laut "Wall Street Journal" lag die Arbeit an dem Update mangels Beamten für fünf Wochen lang still. Die FAA fand das akzeptabel. Man sei sich mit Boeing einig, dass kein unmittelbares Sicherheitsrisiko bestehe. So viel dazu.

Kein Wunder, dass Äthiopiens Regierung und ihrer Staatsairline Ethiopian Airlines das Vertrauen in die US-Ermittler fehlt, die wegen der Nähe zum Hersteller eigentlich die größte Expertise zur Aufklärung haben. Auch die Indonesier baten lieber australische Experten um Hilfe.

Nach einer "strategischen Entscheidung" ließ Premierminister Abiy Ahmed die Black Box zur Analyse nach Frankreich schicken, obwohl die FAA-Emissäre in Addis Abeba eindringlich darum geworben haben sollen, das zur Aufklärung zentrale Ding nach Washington zu schicken. In Äthiopien selbst fehlten die technischen Möglichkeiten, die Daten des beim Absturz beschädigten Gerätes auszulesen (Deutschland hat diese Kapazität übrigens auch nicht).

Äthiopien ist zwar eines der ärmsten Länder der Welt, hat aber einiges in den Aufbau einer besonders zuverlässigen Fluggesellschaft mit einer besonders modernen Flotte investiert. Deshalb führt Boeings Verweis ins Leere, mit der richtigen Schulung der Piloten ließen sich Abstürze verhindern, auch wenn das MCAS verrückt spielt - an der Schulung fehlte es in Addis Abeba nicht, und auch die Crew des in Indonesien abgestürzten Lion-Air-Flugs steuerte offenbar mehrfach gegen den Softwarefehler an, bis sie es nicht mehr konnte.

Lion Air hat einen weniger tadellosen Ruf als Ethiopian. Aber deswegen auf Pilotenfehler als Ursache zu spekulieren, ist gefährlich und unverschämt. Zu Recht empörte sich Lion-Air-Gründer Rusdi Kirana schon im Dezember über Boeing, als der US-Konzern den Zwischenbericht der indonesischen Ermittler bemängelte, dort werde zu wenig über Wartungsprobleme von Lion Air geschrieben.

"Boeing hat mich verraten", schimpfte der Großbesteller (und Erstkunde) der 737 Max. "Was wollen sie damit erreichen?"

Ja, was? Auf Vorurteile gegenüber Entwicklungsländern abzielen, offenbar. Lion Air war wie alle indonesischen Airlines noch bis 2016 auf einer schwarzen Liste der EU, weil die Flugaufsicht unzureichend sei. Doch die arbeitet gerade hart daran, das zu korrigieren - und sparte auch Lion Air nicht von ihrer Kritik aus.

Wenn uns unsere Sicherheit in der Luft wichtig ist, sollten wir besser genau hören, was die Aufklärer aus der Dritten Welt uns zu sagen haben.

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