Mittwoch, 1. April 2020

Bilanz der Hauptversammlungssaison Die Strategien der Dax-Konzerne - orientierungslos bis zielstrebig

Hauptversammlung der Deutschen Bank: Die Aktionärstreffen der vergangenen Wochen waren wie selten zuvor von Strategiedebatten geprägt.

Im Rückblick auf die Hauptversammlungssaison der Dax-Konzerne lässt sich vor allem eines feststellen: Die Aufsichtsräte und Vorstände schauen nach vorne! Die Aktionärstreffen der vergangenen Wochen waren wie selten zuvor von Strategiedebatten geprägt.

Da das eine oder andere Programm mit dem Jahr 2015 mehr oder minder erfolgreich ausläuft, fassen die Konzerne konsequent den nächsten Fünfjahresplan ins Auge: Die kommende Wegmarke ist das Jahr 2020. Und während die HV-Saison des Vorjahres stark durch anstehende oder bereits getroffene Personalentscheidungen geprägt war, widmen sich die Gremien nun der Frage: Wohin steuern wir unser Schiff? Und wie viel Ballast aus der Vergangenheit haben wir dabei noch an Bord?

Nicht alle stellen dabei die gleiche Navigationsfähigkeit unter Beweis. Die Spanne reicht von offensichtlich orientierungslos bis hin zu konsequent zielstrebig.

Ingo Speich
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    Ingo Speich ist seit April 2019 bei der Deka Leiter Nachhaltigkeit und Corporate Governance. Zuvor war er 14 Jahre im Portfoliomanagement von Union Investment tätig.
Siemens Börsen-Chart zeigen beispielsweise ist tendenziell eher letzteres, droht aber auf dem Weg stecken zu bleiben. Der Wunsch, wieder wettbewerbsfähiger zu werden und durch ein gigantisches Restrukturierungsprogramm ("Vision 2020") das Margenproblem in den Griff zu bekommen, war in München allgegenwärtig. Noch vor einem Jahr hatten die Aktionäre Joe Kaesers strategische und personelle Weichenstellungen mit Begeisterung aufgenommen. Mittlerweile ist die Weste des Vorstandschefs nicht mehr blütenweiß: Mit der milliardenschweren Übernahme des US-Kompressorenherstellers Dresser Rand hat sich sein Unternehmen eine teure und schlecht getimte Transaktion geleistet, die bei den Aktionären böse Erinnerungen an die massiven Abschreibungen der jüngeren Vergangenheit weckt.

Die Fehler der Vergangenheit und die politischen Entscheidungen von heute machen auch den beiden großen deutschen Energiekonzernen RWE und Eon das Leben schwer.

RWE Börsen-Chart zeigen sieht sich bei der Strategiesuche mit den Interessen der kommunalen Eigentümer konfrontiert. Eine Neuausrichtung erscheint angesichts des Strukturwandels und der immensen Verschuldung dringend geboten.

Eon Börsen-Chart zeigen genießt auch dank seiner Eigentümerstruktur im vollständigen Streubesitz mehr Freiheiten und hat mit den spektakulären Plänen zur Aufspaltung die Flucht nach vorne angetreten. Allein schon dafür, dass Aufsichtsratschef Werner Wenning und Vorstandschef Johannes Teyssen das Kunststück gelungen ist, den Prozess der Strategiefindung bis zuletzt geheim zu halten und den Kapitalmarkt dann mit dem mutigen Versuch eines Befreiungsschlags positiv zu überraschen, war Lob fällig. Darüber sollte aber eines nicht vergessen werden: Es handelt sich um ein Experiment mit ungewissem Ausgang!

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