Sonntag, 31. Mai 2020

Bilanz der Hauptversammlungssaison Die Strategien der Dax-Konzerne - orientierungslos bis zielstrebig

Hauptversammlung der Deutschen Bank: Die Aktionärstreffen der vergangenen Wochen waren wie selten zuvor von Strategiedebatten geprägt.

2. Teil: Autokonzerne schöpfen aus dem Vollen, Deutsche Bank blickt in unsichere Zukunft

Die Automobilkonzerne Daimler Börsen-Chart zeigen und BMW Börsen-Chart zeigen hingegen konnten aus dem Vollen schöpfen, denn die Management-Teams ernteten, was sie rechtzeitig gesät hatten. Ihre Strategien sind aufgegangen, Daimler-Chef Dieter Zetsche bekam auf der Hauptversammlung von seinem Chefkontrolleur Manfred Bischoff sogar vorzeitig eine weitere Vertragsverlängerung in Aussicht gestellt.

Demgegenüber hat BMW mit der Staffelstabübergabe von Norbert Reithofer an Harald Krüger einen Generationswechsel an der Vorstandsspitze vollzogen. Einziger Wermutstropfen: Erfolgsgarant Reithofer wechselt direkt vom Vorstandsvorsitz an die Spitze des Aufsichtsrates und setzt sich mit Rückendeckung der Eigentümerfamilie über die üblichen Gepflogenheiten guter Unternehmensführung (Corporate Governance) hinweg.

Für Nachfolger Krüger wird es umso schwerer, eigene Akzente zu setzen, wenn ihm der Vorgänger in seiner Rede auf der Hauptversammlung noch ein Arbeitsprogramm für die nächsten Jahre mit auf den Weg gibt. Hier hätte man Reithofer dasselbe Fingerspitzengefühl gewünscht, das Michael Diekmann bei seiner letzten Hauptversammlung als Vorstandschef der Allianz an den Tag gelegt hat: Er gönnt sich eine zweijährige Abkühlphase (Cooling-off-Periode), ehe er Helmut Perlet an der Spitze des Aufsichtsrates beerbt - und zeigt damit den gebotenen Respekt vor seinem Nachfolger ebenso wie vor den Empfehlungen der Regierungskommission Deutscher Corporate Governance Kodex!

Deutsche Bank: Konsequenzen aus Hauptversammlung ungewiss

Ungewiss sind auch die Konsequenzen aus der Hauptversammlung der Deutschen Bank Börsen-Chart zeigen, der in diesem Turnus wohl die größte Aufmerksamkeit zuteil wurde. Die Doppelspitze, bestehend aus den Co-Vorstandschefs Anshu Jain und Jürgen Fitschen, wurde mit einer historisch niedrigen Quote von 61 Prozent entlastet. Das darf angesichts der verpassten strategischen Ziele, der teuren Rechtsstreitigkeiten, der Manipulationsvorwürfe und der angeschlagenen Reputation der Bank nicht überraschen. Hier haben über viele Jahre neben den Entscheidungsträgern im Management auch die im Aufsichtsrat versagt.

Es bleibt zu hoffen, dass der noch vergleichsweise neue Vorsitzende des Aufsichtsrats, Paul Achleitner, aus den Fehlern seiner Vorgänger lernt und die richtigen Konsequenzen zieht. Achleitner ist nicht dafür bekannt, vor unbequemen Entscheidungen zurückzuschrecken. Die To-Do-Liste, die er dem Management mit auf dem Weg gegeben hat, ist zwar lang, lässt sich aber auch mühelos in wenigen Worten zusammenfassen: Aufräumen und anpacken! Mit seinem strategischen Schachzug, Jain mit mehr Macht auszustatten, hat Achleitner den Druck auf ihn subtil erhöht. Seine Aussage, das Wohl der Institution über das Wohl der handelnden Personen zu stellen, sollte dem Vorstand zu denken geben. Im Klartext: Jain muss jetzt liefern, es gibt keine Ausreden mehr!

Während bei der Deutschen Bank in Frankfurt noch die Scherben der Vergangenheit zusammengekehrt werden, glänzt in München die Allianz Börsen-Chart zeigen. Diekmanns Nachfolger Oliver Bäte kann aus einer Position der Stärke heraus agieren, übernimmt ein wohlbestelltes Haus und kann in Ruhe arbeiten, ohne dass sein Vorgänger ihn argwöhnisch beäugt.

Anders als in angelsächsischen Märkten wird in Deutschland das Thema Corporate Governance gern mal als weicher Faktor, als Kür neben der Pflicht abgetan. Wer sich eines Besseren belehren lassen möchte, der sollte sich exemplarisch die jüngsten unternehmerischen Entwicklungen der großen deutschen Finanzunternehmen anschauen. Es reicht aber auch ein Blick auf die Aktienkurse. Die 20 Prozent, die das Papier der Allianz in den vergangenen zwei Jahren gewonnen hat, hat die Deutsche Bank spiegelbildlich verloren.

Ingo Speich ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Union Investment bezieht Inhalte von der manager magazin Verlagsgesellschaft. Diese Geschäftsbeziehung hatte keinen Einfluss auf die Entscheidung, Ingo Speich in die Gruppe der MeinungsMacher zu bitten.

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