Montag, 18. November 2019

Radikale Forderung in Bertelsmann-Studie Sollte mehr als jede zweite Klinik in Deutschland schließen?

Wie viele Krankenhäuser braucht Deutschland?

Dass viele Krankenhäuser in Deutschland defizitär arbeiten, ist nicht neu. Doch welche Konsequenzen daraus ziehen? Die Autoren einer Studie empfehlen jetzt: Von 1400 Kliniken in Deutschland sollten mindestens 800 schließen. Damit stellt sich auch die Frage: Welche medizinische Versorgung in Deutschland wollen wir, und wer soll sie bezahlen?

Mehr als jedes zweite Krankenhaus in Deutschland sollte nach Ansicht von Fachleuten geschlossen werden, damit die Versorgung der Patienten verbessert werden kann. Von den derzeit knapp 1400 Krankenhäusern sollten nur deutlich weniger als 600 größere und bessere Kliniken erhalten bleiben, heißt es in einer am Montag veröffentlichten Untersuchung der Bertelsmann-Stiftung. Sie könnten dann mehr Personal und eine bessere Ausstattung erhalten.

"Nur Kliniken mit größeren Fachabteilungen und mehr Patienten haben genügend Erfahrung für eine sichere Behandlung", betonen die Autoren der Studie. Viele Komplikationen und Todesfälle ließen sich durch eine Bündelung von Ärzten und Pflegepersonal sowie Geräten in weniger Krankenhäusern vermeiden.

Kleine Kliniken verfügten dagegen häufig nicht über die nötige Ausstattung und Erfahrung, um lebensbedrohliche Notfälle wie einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall angemessen behandeln zu können.

Nur in ausreichend großen Kliniken könnten Facharztstellen rund um die Uhr besetzt werden. Auch Computertomographen und andere wichtige Geräte könnten dann in allen Kliniken bereitstehen. Vor allem die Qualität der Notfallversorgung und von planbaren Operationen lasse sich so verbessern. Auch der Mangel an Pflegekräften könne so gemindert werden. "Es gibt zu wenig medizinisches Personal, um die Klinikzahl aufrecht zu erhalten", schreibt Bertelsmann-Projektleiter Jan Böcken.

Gesundheitsminister vom Nutzen des Krankenhauses vor Ort überzeugt

Über eine Verringerung der Zahl der Krankenhäuser wird in Deutschland seit langem diskutiert. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hatte kürzlich betont: "Ein Krankenhaus vor Ort ist für viele Bürger ein Stück Heimat." Gerade in gesundheitlichen Notlagen brauche es eine schnell erreichbare Versorgung. Krankenhäuser in ländlichen Regionen erhalten von den Krankenkassen künftig extra Geld. Vorgesehen sind im nächsten Jahr Finanzspritzen für 120 Kliniken von jeweils 400.000 Euro und damit insgesamt 48 Millionen Euro.

In der Bertelsmann-Studie heißt es dagegen, die schnelle Erreichbarkeit eines kleinen Krankenhauses sei nur ein vermeintlicher Vorteil. Wenn dort kein Facharzt verfügbar sei, habe die Klinik einen gravierenden Qualitätsnachteil. Eine Fallstudie für die Region Köln/Leverkusen und den angrenzenden ländlichen Raum habe gezeigt, dass Patienten dort bei einer Verringerung der Zahl der Kliniken von 38 auf 14 im Durchschnitt keine viel längeren Fahrzeiten in Kauf nehmen müssten.

Für einen Ballungsraum wie Köln/Leverkusen mag das vielleicht zutreffen, Zweifel allerdings sind angezeigt in bundesdeutschen Flächenländern oder auch in strukturschwachen Regionen, wo das regionale Krankenhaus oft der einzige Anlaufpunkt für Patienten ist, weil sich Ärzte aus der Fläche und vom Land längst zurückgezogen haben.

Schwierige Finanzlage - jede dritte Klinik schreibt rote Zahlen

Die finanzielle Lage vieler Krankenhäuser in Deutschland ist gleichwohl prekär. Nach jüngsten Zahlen der Deutschen Krankenhausgesellschaft hat jede dritte Klinik 2017 rote Zahlen geschrieben. Die sogenannten Rationalisierungsreserven seien mittlerweile ausgeschöpft, hatte die Krankenhausgesellschaft erklärt.

Ob immer schwarze Zahlen der allein entscheidende Punkt für die Existenzberechtigung einer Klinik sein dürfen und sollen, ist aber diskussionswürdig. Das fängt schon mit dem Blick auf einzelne Abteilungen an.

Nicht selten arbeiten insbesondere beratungsintensive Abteilungen in Kliniken am Rande von Verlusten oder tatsächlich lange Strecken defizitär, weil diese Tätigkeiten zur herkömmlichen Gerätemedizin relativ schlechter vergütet werden. Sind deshalb zum Beispiel (wiederholte) Schulungen von Eltern schwer an Diabetis erkrankter Kinder durch Fachärzte und Ernährungsberater überflüssig? Oder psychologische Betreuung fettleibiger Kinder und Jugendlicher, deren Gesundheit massiv gefährdet ist, wenn keine Änderung einsetzt? Wohl eher nicht. Die Liste der Beispiele ließe sich beliebig verlängern.

Und wenn eine Krankenhaus-Geschäftsführung aus besagtem Druck zu schwarzen Zahlen dies doch so sieht, wo sollen diese Patienten dann noch versorgt werden, wenn der Primat des Profits allüberall im Krankenhausbetrieb um sich greift?

Die Autoren der Bertelsmann-Studie schlagen einen zweistufigen Aufbau einer neuen Krankenhausstruktur vor. Neben Versorgungskrankenhäusern mit durchschnittlich gut 600 Betten soll es etwa 50 Unikliniken und andere Maximalversorger mit im Schnitt 1300 Betten geben. Aktuell hat ein Drittel der deutschen Krankenhäuser weniger als 100 Betten. Die Durchschnittsgröße der Kliniken liege bei unter 300 Betten.

Krankenhausgesellschaft geht auf die Barrikaden

Angesichts dieser radikalen Forderung lässt die Antwort der Deutschen Krankenhausgesellschaft indes auch nicht lange auf sich warten: "Wer vorschlägt, von circa 1600 Akutkrankenhäusern 1000 platt zu machen und die verbleibenden 600 Kliniken zu Großkliniken auszubauen, propagiert die Zerstörung von sozialer Infrastruktur in einem geradezu abenteuerlichen Ausmaß", sagte DKG-Präsident Gerald Gaß laut Mitteilung vom Montag.

Die Krankenhausgesellschaft widerspricht auch der Einschätzung, wonach durch ein Zusammenziehen von Kliniken und eine Bündelung von Ärzten, Pflegepersonal und medizinischen Geräten eine qualitativ bessere Versorgung erreicht werde. Diese Einschätzung sei "absolut unbelegt". Die Qualität der Versorgung in den Kliniken werde seit Jahren gemessen und mit wenigen Ausnahmen werde jedes Jahr allen beteiligten Kliniken ein hohes Niveau bestätigt.

Bei einem Großteil der Versorgung in den Krankenhäusern handele es sich zudem um medizinische Grundversorgung, wie Geburten oder altersbedingte Krankheitsbilder der Inneren Medizin. "Das sind Behandlungen, die möglichst familien- und wohnortnah in erreichbaren Krankenhäusern auch in Zukunft erbracht werden müssen", forderte Gaß.

Studie: Zu viele Menschen kommen ins Krankenhaus

Nach Ansicht der Wissenschaftler wiederum kommen in Deutschland zu viele Menschen ins Krankenhaus. Etwa fünf Millionen Patienten pro Jahr könnten genauso gut ambulant behandelt oder operiert werden. Die Zahl der Krankenhausfälle ließe sich so bis 2030 auf 14 Millionen in Jahr senken. Die Forscher verwiesen darauf, dass die Zahl der sogenannten Bettentage pro Einwohner in Deutschland um 70 Prozent über dem Durchschnitt der vergleichbaren EU-Länder liege.

rei mit dpa

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