Mittwoch, 13. November 2019

Bernd Keller - vom Designer zum Modeunternehmer "Mode, die anmacht und verantwortlich gefertigt ist"

Bernd Keller: "Durch hohe Qualität und den Einsatz von recycelten Materialien wollen wir den Lebenszyklus verlängern. (…) Jedes Produkt ist entweder organic, vegan, recycelt oder lokal in Deutschland produziert"

Bernd Keller sitzt in einer ehemaligen Spinnerei, die er zu einem schicken Loft umgebaut hat, und strahlt. Der 53-Jährige ist in seine beschauliche Heimatstadt Bamberg zurückgekehrt, um sich im Herbst seiner Karriere in ein neues Abenteuer zu stürzen. Aus dem früheren Designer des Herrenschneiders Hugo Boss und späteren Vorstand von Marc O'Polo soll ein Modeunternehmer werden. Der erste Schritt ist getan. Keller hat eine Reihe von Weggefährten angeworben und Ende 2018 seine Firma True Standard gegründet. Seit wenigen Tagen ist die erste Kollektion im eigenen Online-Shop erhältlich. Nun will er durchstarten.

mm: Herr Keller, Sie haben als Designer und Manager für das Who is Who der deutschen Modeindustrie gearbeitet, doch als Sie 2017 bei Marc O'Polo aus dem Vorstand ausgeschieden sind, wurde es auf einmal still um Sie, was war da los?

Bernd Keller: Ich habe einige Angebote geprüft, mich dann aber entschieden, mit True Standard ein eigenes Label zu gründen.

Das ist ein ungewöhnlicher Schritt. Wie kam es dazu?

Es geht mir nicht darum, mein eigener Chef zu sein. Man kann in verschiedenen Positionen erfolgreich sein, ob als Auszubildender, Vorstand eines Konzerns oder als Unternehmer. Es geht darum, den richtigen Zeitpunkt zu nutzen und seine Kenntnisse zielgerichtet einzusetzen. In den letzten 30 Jahren meiner Tätigkeit hat sich der Zeitgeist der Konsumenten erheblich verändert. Sie sind informierter und anspruchsvoller. Die Zukunft des Erfolgs in der Textilindustrie ist ein Umdenken. Innovation muss auf Nachhaltigkeit basieren. Das Produkt muss immer im Vordergrund stehen: stark und begehrenswert. Neu ist der Weg dorthin: mit Werten verantwortlich produziert. Wer das heute nicht erkennt, wird sich morgen Herausforderungen stellen müssen. Daher mein Schritt: Ich berate die Industrie in Produktnachhaltigkeitstrategien unter True Standard Consultancy. Meine praktischen Erkenntnisse schöpfe ich durch die Kollektion True Standard. Die Kombination beider Bereiche ist mein Businessmodel.

Braucht die Welt denn noch ein neues Label?

Die Welt braucht kein weiteres Label, das alles so macht wie bisher. Ich gehe andere Wege in der Planung und Entwicklung, vom Design bis zum Kundendialog. Wir nutzen Technologie und soziale Grundsätze, um dem Konsumenten Mode anzubieten, die anmacht und verantwortlich gefertigt ist.

Wie sieht Ihre Antwort aus?

Durch hohe Qualität und den Einsatz von recycelten Materialien wollen wir den Lebenszyklus verlängern. Unsere Produkte sollen zeitlos modern sein. Das schönste Kompliment ist, unsere Produkte der nächsten Generation zu übergeben. Zudem erzählt jedes Produkt eine Geschichte. Es ist entweder organic, vegan, recycelt oder lokal in Deutschland produziert. Wir starten in der ersten Kollektion Herbst/Winter 2019 mit 12 Artikeln für Damen und 12 für Herren. Wir legen dabei den Schwerpunkt auf Strickwaren für die Zielgruppe 45+. Die ersten Produkte gibt es seit September auf unserer Homepage, die erste Kollektion soll im Frühjahr in den Handel kommen. Die Resonanz in den ersten Gesprächen mit Partnern wie Wöhrl, Hirmer, Zalando oder Breuninger ist gut.

Finanzieren Sie die Produktion vor oder haben Sie einen Investor an Bord?

Wir sind aufgeschlossen für Investoren, agieren aber noch eigenständig und nutzen meine langjährigen Branchenkontakte.

Wie viele Umsatz lässt sich mit dem Label mittelfristig generieren?

Ich bin da sehr konservativ. Für 2025 planen wir mit 5 Millionen Euro.

Bis wann wollen Sie damit Geld verdienen?

Wir wollen die Marke schnell internationalisieren. Für 2020 haben wir Anfragen einer bekannten Handelsagentur als Partner für die USA und Kanada. Ich hoffe, dass wir schon 2021 eine schwarze Null schreiben.

Und was machen Sie, wenn es schief geht?

Ich bin dann immer noch derselbe Mensch mit Vorsätzen und Zielen.

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