Surreales BER-Chaos, "Winterruhe" im Sommer Was ist Deutschlands peinlichster Flughafen?

Spielplatz auf dem Flughafen Kassel-Calden: Feuerwerk der Lächerlichkeiten

Spielplatz auf dem Flughafen Kassel-Calden: Feuerwerk der Lächerlichkeiten

Foto: Uwe Zucchi/ picture alliance / dpa

Deutschland hat ein Problem mit seinen Flughäfen. Der in München ist schön, aber zuverlässiges Läster-Thema, wenn es um tortourenhafte Anreise-Bedingungen zu Airports geht. Die Hauptstadt hat den BER, vielleicht aber doch nicht oder möglicherweise erst 2022 - weshalb der betagte Innenstadt-Flughafen Tegel länger offen bleibt.

Doch auch die Provinz mischt beim Feuerwerk der Lächerlichkeiten munter mit. Häufig haben eitle Lokalfürsten ihren Regionen zu echten Image-Schandmalen verholfen. Ob in Frankfurt-Hahn, Lübeck, Magdeburg, Zweibrücken oder Bitburg: Die Investitionssruinen der Luftfahrt provozieren Häme, mitunter gar Wut, oft aber nur noch schwarzen Humor.

Wir jedenfalls wollen von Ihnen wissen: Welches ist der peinlichste Flughafen des Landes? Eine kleine Vorauswahl haben wir vorgenommen. Aus unserer Sicht qualifizieren sich sieben Landeplätze für die Endrunde (wir freuen uns trotzdem über weitere Hinweise). Stöbern Sie also in unseren kurzen Texten und Bildergalerien. Und dann stimmen Sie im letzten Teil bei unserer Umfrage ab!

Wir beginnen unsere Rundreise in Kassel-Calden...

Kassel-Calden: Nagelneuer Flughafen stellt Linienverkehr zum Winter ein

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Flughafen Kassel-Calden: Teures Denkmal für Provinzfürsten

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Wer als Passagier die nagelneue Abfertigungshalle des Flughafens betritt, ist eine echte Rarität. Denn vom Flughafen in Calden bei Kassel (offizieller Name: Kassel Airport) hebt fast nie ein Flieger ab. Im Jahr 2016 starteten lediglich 55.000 Passagiere ihre Reise, durchschnittlich also 150 am Tag. Für manchen Winter gab es mangels Nachfrage gar keinen Flugplan.

Die 270 Millionen Euro für den Möchtegern-Verkehrsknoten sind also eher ungünstig angelegt. Hinzu kommt ein jährliches Defizit von zuletzt sechs bis acht Millionen Euro. Und das bei einem Umsatz von knapp einer Million. Der ehemalige Flughafenchef Jörg Ries brachte den Irrsinn ungewollt schon bei der Eröffnung des Flughafens auf den Punkt. Vor 700 geladenen Gästen sagte er: "Wir haben fertig."

Passagiere pro Tag (2016): 150

Quellen: Flughäfen, Flughafenverband ADV, Statistisches Bundesamt

Zweibrücken: Winterruhe auch im Sommer

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Flughafen Zweibrücken: Winterruhe für immer

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Das kleine Rheinland-Pfalz hat eine außergewöhnlich hohe Dichte an Regionalflughäfen. Der in Zweibrücken  ist nur 20 Kilometer entfernt vom nächsten, jenseits der Landesgrenze im Saarland.

Das machte die EU-Kommission besonders bissig. Während sie anderen Mini-Airports eine Gnadenfrist für unerlaubte Subventionen bis 2024 gewährte, ordnete sie für Zweibrücken 2014 die Rückzahlung von 56 Millionen Euro an.

Daraufhin wurde der Betrieb eingestellt, der Insolvenzverwalter sprach von "Winterruhe". Die dauert an. Eine Trierer Immobilienfirma will das Gelände nun zum Gewerbepark umwidmen, und die 2700 Meter lange Landebahn (geeignet für Großflugzeuge) als Autoteststrecke nutzen.

Passagiere pro Tag (2016): 0

Hahn im Hunsrück: Na, sind Sie auch ein geprellter Anleger?

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Flughafen Hahn: Frankfurt im Hunsrück

Foto: Ralph Orlowski/ Getty Images

Sichere Distanz hält der Hunsrück: 125 Kilometer sind es von "Frankfurt-Hahn" nach Frankfurt am Main. Trotzdem - wenn es einer der vielen Regionalflughäfen, die auf den Billigflieger-Boom der 90er Jahre setzten, geschafft hat, dann Hahn. Ja, wenn...

Anfang Juni 2016 kam die Hurra-Meldung: Es gibt endlich einen Käufer für das chronisch defizitäre Objekt! Das Land Rheinland-Pfalz wurde mit einer Shanghai Yiqian Trading Company handelseinig, sogar über einen zweistelligen Millionenbetrag. Doch bis Ende des Monats fand die Landesregierung "keine prüfbaren Belege", dass die Chinesen den Kaufpreis gezahlt hatten, und stoppte den Deal. Nun soll es eine zweite Chance geben.

Ministerpräsidentin Malu Dreyer persönlich hatte versichert, man habe "alles an Sicherheiten eingeholt, was möglich ist". Hinter dem Käufer stehe ein großes, finanzstarkes Bauunternehmen. Doch daran gibt es Zweifel. Ein SWR-Reporter fand an der Adresse in Shanghai jedoch neben leeren Büroräumen nur einen Reifenhändler, der ihn mit den Worten begrüßte: "Na, sind Sie auch ein geprellter Anleger?"

Anfang 2017 wurde der Flughafen mehrheitlich an die chinesische HNA Airport Group verkauft. Sie will ihn bis 2023 wieder in die schwarzen Zahlen bringen. Zuletzt war das Passagieraufkommen aber rückläufig.

Passagiere pro Tag (2016): 3523

Lübeck-Blankensee: Die Bodencrew als Leiharbeits-Reserve

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Flughafen Lübeck: Jährlich grüßt ein neuer Investor

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Das Märchen vom reichen Onkel aus China hört man auch an der Ostsee gern. Lübeck setzte früh auf Investoren, die kamen, Subventionen abgriffen, und wieder gingen: Infratil aus Neuseeland, dann ein Mohammad Rady Amar, der einfach abtauchte, und zuletzt Yongqiang Chen.

Der wurde als Inhaber eines großen chinesischen Konzerns vorgestellt, von dem sich aber kaum Spuren finden. Die deutsche Tochter wurde in einem Maklerbüro einer nahen Kleinstadt angesiedelt, mit offiziellem Geschäftszweck "Betreiben von Senioreneinrichtungen".

Wieder war derZombie-Airport nach einem Jahr pleite, zuletzt hatte ein lokaler Unternehmer übernommen. Der verheißt auch wieder eine große Zukunft, zunächst aber will er nur die Betriebsgenehmigung sichern - und die Beschäftigten des Flughafens in seiner eigenen Medizinfirma einsetzen, gleich nebenan. Es gibt aber auch Pläne für Flüge mit Pauschaltouristen aus und nach Österreich.

Dem ehemaligen Hauptnutzer Ryanair ist es egal. Der fliegt jetzt ab Hamburg statt "Hamburg-Lübeck". Probleme mit der Genehmigung wie beim BER konnten in Lübeck übrigens nicht passieren: Für den Flughafen gab es nie einen Planfeststellungsbeschluss.

Passagiere pro Tag (2016): 169

Magdeburg-Cochstedt: Briefkastenfirma blamiert Ministerium

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Flughafen Magdeburg-Cochstedt: Statt in die Sonne in die Pleite

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Um Interesse für den insolventen Flughafen Magdeburg-Cochstedt zu wecken, bedarf es markiger Sprüche. In der Region würden "Amazon, Apple, Tesla und Toyota nach möglichen neuen Standorten" suchen, orakelte zuletzt die US-amerikanische Firma Liquidity Service, die für den Pleite-Airport lange einen Käufer suchte. Bis März 2018 soll nun einer gefunden werden.

Doch abgesehen davon, dass die Lust der genannten Großkonzerne auf Sachsen-Anhalt eher schwach belegt ist, dürfte die jüngere Geschichte des Flughafens  potenzielle Investoren frösteln lassen. Der Linienverkehr ist schon seit etwa vier Jahren komplett eingestellt. Ryanair und Germania etwa bekamen ihre Maschinen nicht mehr voll oder fanden andere Airports attraktiver.

Für die sonnenhungrigen Magdeburger ist der teure Traum vom eigenen Mallorca-Hub geplatzt. Es bleibt ein horrender Verlust für den Steuerzahler. Das Land hatte den Ausbau des Flughafens in den Neunzigerjahren mit mehr als 36 Millionen Euro gefördert.

Spätere Verkaufsversuch endeten mehrfach im Fiasko: Bei einem US-Investor handelte es sich um eine Scheinfirma, die nur über Briefpapier verfügte. Ein arabischer Investor zahlte den Kaufpreis von neun Millionen Euro nicht. Schließlich verscherbelte das Bundesland den Airport für 1,5 Millionen Euro an einen dänischen Investor. Trotz dieser Mini-Summe rutsche der Flughafen zielsicher in die Pleite.

Passagiere pro Tag (2016): 0

Bitburg: Ein Flughafen namens "Penis"

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Flugplatz Bitburg: Hochfliegende Pläne, tiefer Absturz

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Große Pläne gab es auch in Bitburg : Nachdem die US-Armee den Stützpunkt in den 90er-Jahren aufgab, sollte aus dem Flugplatz ein prosperierender Airport für die Region werden. Investoren aus Luxemburg und dem Bitburger Raum setzten darauf, dass nahe gelegene Flughäfen wie Hahn oder Luxemburg an ihre Grenzen stießen.

Eine asiatische Investorengruppe wolle den Plan mit einer Geldspritze von 380 Millionen Euro vorantreiben. Doch das Projekt "Bit Airport" musste zunächst umbenannt werden (weil das ähnlich klingende Wort "bite" auf französisch eine vulgäre Bezeichnung für Penis ist) und platzte schließlich völlig, da kein Geld floss.

Den Ärger rund um den Flugplatz sind die Bitburger allerdings noch nicht los. Vor einem Jahr haben Behördenvertreter festgestellt, dass die Böden ringsherum mit einer chemischen Substanz verseucht sind. Sie müssen womöglich aufwändig saniert werden. Wahrscheinliche Ursache: Ein Löschschaum der US-Flughafenfeuerwehr.

Passagiere pro Tag (2016): 0

Berlin Brandenburg (BER): Wo täglich zwölf leere Züge halten

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Flughafen Berlin Brandenburg: Kaputter Brandschutz und 66.000 andere Mängel

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Im September 2006 nimmt Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) einen Spaten in die Hand und sagt auf dem Areal des künftigen Flughafens: "Wir werden beweisen, dass drei öffentliche Eigentümer so ein Projekt bauen können."

Fünf Jahre später freut sich ganz Berlin auf die Eröffnungsfeier, die Stadt ist voll von Plakaten. Doch daraus wird nichts. Die Entrauchungsanlage könne so nicht funktionieren, befindet der Baudezernent des Landkreises Dahme-Spreewald.

Was folgt ist ein nicht enden wollender Strom von Horrornachrichten. Im August 2013 findet der TÜV 66.500 Baumängel. Ein halbes Jahr später sind erst 4 Prozent des Flughafens mängelfrei. Auf dem Flughafengelände wuchert derweil das Gras, im unterirdischen Bahnhof droht Schimmel. Um einen Luftaustausch zu gewährleisten, muss er mit täglich zwölfmal mit leeren Zügen angefahren werden. Wer als Verantwortlicher den Irrsinn beim Namen nennt, wird gefeuert.

Insgesamt soll der Bau des Flughafens 6,6 Milliarden Euro kosten. Ursprünglich geplant war eine Summe von 600 Millionen. Und obwohl der Airport frühestens Ende 2017 fertig ist, fallen jetzt schon jede Menge Betriebskosten an: 17 Millionen Euro, Monat für Monat.

Nachtrag: Vor Ende 2021 wird es mit der Eröffnung wohl nichts werden. Vor allem den Brandschutz haben die Planer offenbar längst noch nicht in den Griff bekommen.

Passagiere pro Tag (2016): 0

Und hier nun die Umfrage

Und hier nun die Umfrage. Falls Sie schon abgestimmt haben und die Ergebnisse sehen wollen, können Sie dies hier  tun.

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