Ex-Bitkom-Chef wird neuer Chef-Lobbyist der Industrie Neuer Chef-Lobbyist: der Teilzeit-Choleriker

Der IT-Manager und frühere Bitkom-Chef Dieter Kempf soll neuer Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) werden. Kempf folgt auf Ulrich Grillo - und soll ein Zeichen für die Bedeutung der Digitalisierung setzen.
Von Andre Stahl und Tim Braune
Führungswechsel beim BDI: Dieter Kempf soll neuer Chef des Wirtschaftsverbandes BDI werden

Führungswechsel beim BDI: Dieter Kempf soll neuer Chef des Wirtschaftsverbandes BDI werden

Foto: Klaus-Dietmar Gabbert/ picture-alliance/ dpa

Dieter Kempf ist ehrlich: Ja, er habe sich schon "gebauchpinselt" gefühlt, als ihm der Job angeboten worden sei. In seiner Lebensplanung habe das Präsidentenamt beim Industrieverband BDI eigentlich keine Rolle gespielt. Seit diesem Montag muss der frühere IT-Manager und Ex-Tonangeber beim Telekommunikations-Branchenverband Bitkom seine bisherigen Ruhestandspläne komplett über den Haufen werfen.

Spätestens von Januar 2017 an wird er gut zutun haben. Dann soll Kempf - seine endgültige Wahl im November vorausgesetzt - den mächtigsten Verband der deutschen Wirtschaft führen. Wichtigste Aufgabe: Die deutsche Industrie fit machen für das Zeitalter "Industrie 4.0". Das steht für die Digitalisierung und Vernetzung der Produktion (Internet der Dinge) - und hier gehört Deutschland bislang nicht zu den globalen Trendsettern.

US-Internetriesen wie Google oder Apple sind dabei, auch in der Industrie anfallende gigantische Datenmengen zu erfassen, zu kontrollieren und zu Geld zu machen. Politik und Wirtschaft haben die Gefahr erkannt. So hilft es dem BDI, dass Kempf in der Bundesregierung bekannt ist. Er berät sie bereits zu Cyber-Sicherheit und Datenschutz. Der Steuerberater und Honorarprofessor gilt als einer der Väter des Finanzamt-Portals "Elster", über das Steuerpflichtige elektronisch ihre Einkommensteuererklärung erstellen und übermitteln können.

Fast 64 Jahre wird Kempf alt sein, wenn er am 1. Januar 2017 sein Amt im "Haus der deutschen Wirtschaft" antritt. Er sei im "hohen Alter" noch lernfähig und glaube, dass er das könne, gibt sich Kempf vor der Hauptstadtpresse selbstbewusst. Erfahrung hat er - sowohl im Management als auch im Lobbying. Von Juli 1996 bis März 2016 war Kempf Vorstandschef des Nürnberger IT-Dienstleisters Datev, der als Genossenschaft für Steuerberater und Buchhalter zu einem der größten Softwarehersteller in Deutschland aufstieg. Von 2011 bis 2015 führte Kempf den Verband Bitkom und war in dieser Zeit BDI-Vizepräsident.

Karrierestart bei McDonald's

Wichtig ist dem gebürtigen Münchner mit dem grauen Schnauzbart seine Unabhängigkeit. Er habe kein Parteibuch, sagt Kempf beim Auftritt mit Noch-BDI-Chef Ulrich Grillo. Kempf, Vater einer Tochter, passionierter Ski- und Motorradfahrer, der in seiner Freizeit als Sänger und Gitarrist einer Band ausspannt, gilt als streitbarer Chef. Nach eigener Aussage verhandelt er die Gegenseite auch gern mal müde - oder haut mit der Faust auf den Tisch, wenn es "bedarfsorientiert" ist.

Ja, cholerisch könne er sein, gibt Kempf ganz offen zu, der seiner Karriere als einer der ersten Mitarbeiter bei McDonald's in Deutschland begonnen hatte. Dort war er während seines Studiums auch im Leitungsteam der ersten deutschen Filiale der Fast-Food-Kette tätig.

Grillo, der Ende 2016 nun als BDI-Boss aufhört und ein paar Jahre jünger als Kempf ist, ließ lange offen, ob er für eine weitere Amtszeit antritt. Der stets bestens gekleidete und gescheitelte Duisburger Familienunternehmer findet es gut, dass ein Neuer kommt. Vier Jahren an der BDI-Spitze seien genug.

Hans-Olaf Henkel, der sechs Jahre den BDI führte, wolle er jedenfalls nicht nacheifern. "Diesbezüglich ist er auch nicht mein Vorbild", sagt Grillo in Anspielung auf Henkels frühere AfD-Mitgliedschaft. Als "lame duck" - als einflussloser Verbandschef also - werde er die verbleibenden sechseinhalb Monate als BDI-Chef aber keinesfalls auftreten. Bis zum Wechsel kann er seinem Nachfolger Kempf noch einiges für den täglichen Lobbykampf mit der Politik mitgeben - und die Handynummer der Kanzlerin sicher auch.

Die Autoren sind Korrespondenten der dpa