62 Milliarden Dollar für den unbeliebtesten Konzern der Welt 3 Gründe, warum Bayer so viel Geld für Monsanto bietet

Umstrittene Gentechnik: Mit der Offerte zum Kauf von Monsanto schlug Bayer zunächst seine Aktionäre in die Flucht - doch es gibt gute Gründe für den Deal

Umstrittene Gentechnik: Mit der Offerte zum Kauf von Monsanto schlug Bayer zunächst seine Aktionäre in die Flucht - doch es gibt gute Gründe für den Deal

Foto: Andreas_Gebhard/ dpa

Die Bayer AG will für 62 Milliarden Dollar, also etwa 55 Milliarden Euro, Monsanto kaufen. Das heißt: Der Pharma- und Chemieriese aus Leverkusen will sich einen der weltweit umstrittensten Konzerne einverleiben, und das zu einem Preis, der fast 40 Prozent über der letzten Börsenbewertung des Übernahmeziels liegt. Auf den ersten Blick verwundert es nicht, dass die Bayer-Aktionäre angesichts dieser Nachricht zunächst einmal das Weite suchen.

Monsanto wurde von der "Welt" kürzlich als "Teufel in Firmengestalt" bezeichnet. Der Agrarchemie-Gigant aus Missouri macht seine Milliardenumsätze vor allem mit gentechnisch verändertem Saatgut sowie mit dem Unkrautvernichter Glyphosat, der im Verdacht steht, Krebs zu erregen.

Sollte das US-Unternehmen tatsächlich in den Besitz von Bayer  übergehen, so müssten sich künftig auch die Leverkusener für diese Geschäfte rechtfertigen. Sie dürften zum Ziel dauerhafter Kritik werden, was früher ober später das Image des gesamten Konzerns beschädigen könnte. Zudem ist eine Übernahme in dieser Größenordnung ohne eine Kapitalerhöhung und weitere Schulden nicht zu stemmen: Der Aktienkurs von Bayer hat in den vergangenen Wochen, seit die ersten Übernahmegerüchte um Monsanto hochkamen, bereits rund 25 Prozent seines Börsenwertes verloren.

Warum also nimmt Bayer-Chef Werner Baumann all dies in Kauf und versucht, den Deal dennoch durchzusetzen? Drei Gründe sprechen aus Sicht von Bayer für den Deal.

Flucht nach vorn

In der weltweiten Chemie- und Pharmabranche heißt es zurzeit "Fressen oder gefressen werden". Die Preise für Rohstoffe befinden sich im Keller, Krisen in Schwellenländern setzen die Konzerne zusätzlich unter Druck. Die Folge: Die Großen der Branche suchen nach Wettbewerbsvorteilen durch Zukäufe und Fusionen. Dabei gibt es im wesentlichen zwei Möglichkeiten: Entweder ein Unternehmen wird aktiv und strebt nach Größerem - oder es gerät womöglich auf die Beuteliste und wird früher oder später selbst geschluckt. Das gilt grundsätzlich auch für einen Weltkonzern wie Bayer.

Beispiele für Megadeals der jüngeren Vergangenheit finden sich einige: Im Dezember vergangenen Jahres kündigten die US-Konzerne Dow Chemical und DuPont ihren Zusammenschluss zum weltgrößten Chemieriesen an. Gleichzeitig geht momentan der Schweizer Pflanzenschutz-Spezialist Syngenta für 43 Milliarden Dollar ins Eigentum des chinesischen Staatsunternehmens Chemchina über.

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Syngenta entgeht damit dem Kauf durch Monsanto, das die Schweizer ebenfalls ins Visier genommen hatte. Zudem wollte Monsanto noch vor Kurzem die Agrarchemie-Sparte Crop Science von Bayer kaufen.

Letzteres brachte die Verantwortlichen in Leverkusen womöglich erst auf die Idee, den Spieß umzudrehen und selbst einen Kauf von Monsanto ins Auge zu fassen.

Türöffner nach Amerika

Zwar ist vielfach von der ungewöhnlichen Unternehmenskultur bei Monsanto zu lesen, die angeblich nicht zu jener von Bayer passe. Klar erscheint jedoch: Geschäftlich ergänzen sich beide Konzerne gut. Gleich mehrere Aktienanalysten, die sich mit dem Papier von Bayer beschäftigen, äußerten am Montag die Ansicht, der Deal sei aus Sicht des Unternehmens strategisch sinnvoll.

Vorteile für Bayer zeigen sich dabei gleich in zweifacher Hinsicht. Zum einen regional: Während der Konzern aus Leverkusen vor allem in Europa und Asien stark ist, liegen die Schwerpunkte Monsantos besonders in Nord- und Südamerika.

Zum anderen teilen sich beide Firmen die Geschäftsfelder gut auf: Die Deutschen setzen bislang stark auf Pflanzenschutzmittel, während der US-Konzern im Bereich Saatgut besser aufgestellt ist.

Zehn Milliarden Menschen im Blick

Auch die Tatsache, dass sich Bayer mit Monsanto ausgerechnet im Agrarchemiesektor verstärken will, kommt nicht von ungefähr. Denn die Ernährung der stark wachsenden Weltbevölkerung wird in den kommenden Jahren eines der großen gesellschaftlichen Themen sein - und damit ein sehr aussichtsreiches Geschäftsfeld.

Auf zehn Milliarden Menschen wird die Weltbevölkerung nach Angaben der UN bis 2050 anwachsen. Um all diese Menschen satt zu bekommen, muss die landwirtschaftliche Produktion weltweit gesteigert werden.

Doch das ist ein Problem, denn die Fläche, die zur landwirtschaftlichen Nutzung zur Verfügung steht, ist naturgemäß begrenzt. Die Ackerfläche pro Kopf wird in den kommenden Jahren also sinken. Zudem erwarten Experten auch eine Abnahme der Ertragsfähigkeit dieser Flächen, etwa aufgrund des Klimawandels.

Die Folge: Unterm Strich, so der Bayer-Konzern, muss die Produktivität in der Landwirtschaft bis 2050 um 60 Prozent zunehmen. Und die Agrarchemie soll ihren Beitrag dazu leisten.

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Vor dem Hintergrund leuchtet ein, weshalb sich Bayer mit dem Monsanto-Deal ausgerechnet im Agrarchemie-Sektor weltweit an die Spitze setzen will. Nach Angaben des Unternehmens kamen Bayer und Monsanto zusammen in diesem Geschäft zuletzt auf Jahresumsätze von gut 23 Milliarden Dollar. Damit ist das Duo im Bereich Agrarchemie größer als beispielsweise Syngenta/Chemchina oder Dow/Dupont und mit Abstand weltweit die Nummer eins.