Montag, 19. August 2019

Aktionäre rebellieren, Aufsichtsrat stützt Vorstand Nach der Blamage - ist Baumann bei Bayer noch zu halten?

Bayer-Chef Werner Baumann: Die Aktionäre haben ihm und dem restlichen Vorstand die Entlastung verweigert
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Bayer-Chef Werner Baumann: Die Aktionäre haben ihm und dem restlichen Vorstand die Entlastung verweigert

Die Hauptversammlung des Agrarchemie- und Pharmakonzerns Bayer endete mit einer Sensation: Vorstandschef Werner Baumann wurde als erster amtierender Dax-Chef von den Aktionären nicht entlastet. Ist Baumann noch zu halten?

44,48 Prozent - diese Zahl dürfte dem Bayer-Chef Werner Baumann noch lange im Gedächtnis bleiben. Die Aktionäre sprachen auf der Hauptversammlung des Agrarchemie- und Pharmakonzerns sowie Monsanto-Käufers ihr Misstrauen aus. Noch nie zuvor war einem amtierenden Dax-Vorstand die Entlastung verweigert worden. 2018 lag der Wert für die Entlastung des Bayer-Vorstands trotz Kritik am Monsanto-Deal noch bei gut 97 Prozent. Ein Normalwert.

Doch normal ist bei den Leverkusenern derzeit wenig: Der Konzern baut Stellen ab, allein in Deutschland soll jeder siebte Job gestrichen werden. Es muss gespart werden, auch wegen des Mosanto-Kaufs. So richtig schlechte Laune bekommen die Aktionäre aber vor allem beim Blick über den Atlantik: Dort sind die Rechtsrisiken durch die von Baumann durchgesetzte Übernahme unberechenbar.

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Der Börsenkurs ist im Keller - anstatt durch den Zukauf als globaler Branchenprimus zu glänzen, herrscht Katerstimmung nach bereits zwei verlorenen Prozessen wegen womöglicher Krebsrisiken glyphosatbasierter Unkrautvernichter wie Roundup.

Vorstand und Aufsichtsrat des Konzerns üben sich aber weiter in Optimismus. Man zeigt Mitgefühl mit den schwer erkrankten Klägern, verweist aber unbeirrt auf zahlreiche Studien zur Sicherheit von Glyphosat.

Aufsichtsrat steht hinter Baumann und dem Vorstand - wie lange noch?

Erstmal bleibt also alles beim Alten an der Spitze des Traditionsunternehmens mit seiner mehr als 150 Jahre langen Geschichte. So zumindest war die Wortmeldung des Aufsichtsrats in der Nacht auf Samstag zu verstehen trotz der schallenden Ohrfeige der Aktionäre. Man stehe "geschlossen hinter dem Vorstand". Zudem habe die Nichtentlastung keine rechtlichen Auswirkungen. Heißt: Baumanns Stuhl wackelt vorerst offenbar nicht.

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Nach der 13-stündigen Hauptversammlung mit beißender Kritik von Klein- und Großaktionären erscheint das aber erstaunlich. Nie zuvor waren die Anteilseigner so hart ins Gericht gegangen mit der Leverkusener Chefetage. Bayer habe sich an der "bitteren Pille Monsanto" verschluckt, war da zu hören. "Kalt, kälter, Bayer", wurde aus Reihen der Aktionäre moniert und dabei den Chefs vorgeworfen, das Thema Monsanto in seiner Emotionalität verkannt zu haben.

Katastrophenjahr für Bayer-Aktionäre

2018 sei "Katastrophe und Alptraum" für die Anteilseigner gewesen. Bayer sei zu einem Zwerg auf dem Börsenparkett geschrumpft. Der Unternehmenswert sank binnen eines Jahres um mehr als ein Drittel. Bayer ist heute nur rund 57 Milliarden Euro wert und damit in etwa so viel, wie Monsanto gekostet hat.

Warum der Aufsichtsrat an Baumann festhält

Dafür, dass der Aufsichtsrat dennoch an Baumann festhält, gibt es mehrere Erklärungen. Zum einen sind die Leverkusener nicht für Schnellschüsse bekannt - sie setzen auf Kontinuität beim Personal. Und der heutige Aufsichtsratschef und frühere Vorstandsvorsitzende Werner Wenning (72) hat eine enge Bindung zu Baumann, der eine Art Ziehsohn für ihn ist.

Zum anderen hielten sich einflussreiche Aktionäre mit Rücktrittsforderungen auffallend zurück, obwohl sie dem Vorstand die Entlastung verweigerten. "Ein neues Management würde das Chaos noch vergrößern", meinte Deka-Fondsmanager Ingo Speich. Und Marc Tüngler von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) ist der Meinung, der Vorstand solle an Bord bleiben, um "den Karren wieder aus dem Dreck" zu ziehen.

Der "Dreck", so zumindest stellten es Aktionäre dar, liegt an der Monsanto-Übernahme. Bayer schluckte den umstrittenen Saatguthersteller im vergangenen Jahr - und hat angesichts von mittlerweile rund 13 400 Schadenersatzklagen in den USA erhebliche Verdauungsprobleme. Nach erst zwei verlorenen Prozessen stehen dabei bereits Schadenersatzzahlungen von jeweils rund 80 Millionen Dollar im Raum.

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Bild: REUTERS, BAYER

Die Berufungsverhandlungen sind daher enorm wichtig, um die finanziellen Folgen der Klagewelle genauer abschätzen zu können. Sie könnten sich weitgehend in Luft auflösen - oder die ohnehin schon dunklen Wolken könnten sich weiter verdüstern. Bayer setzt darauf, dass die Berufsrichter in der nächsten Instanz den Glyphosat-Studien größeres Gewicht beimessen als die Geschworenen in der Runde davor.

Mehr als 13.000 Klagen in den USA

Wenngleich bereits etliche Milliarden potenzieller Schadenersatzzahlungen in den aktuellen Aktien-Kurs eingepreist sind, dürfte die Ungewissheit über den Ausgang der Klagen weiter auf den Aktien lasten. Die zuletzt wieder passablere Entwicklung im Tagesgeschäft dürfte daran kaum etwas ändern. Denn auch hier gibt es noch Baustellen, etwa im schwächelnden Geschäft mit rezeptfreien Medikamenten. Im Bereich Agrarchemie läuft es indes gut; auf die Glyphosat-Nachfrage hat die Krebskontroverse keine negativen Auswirkungen.

Das könnten mit Blick auf die Zukunft von Bayer-Chef Baumann aber eher Randnotizen sein. Sein Werdegang könnte sich mit dem Ausgang der Berufungsverfahren in den Glyphosat-Prozessen entscheiden, die sich wohl über das Jahr 2019 hinaus hinziehen werden. Vorerst scheint er angesichts der Rückendeckung durch den Aufsichtsrat noch einigermaßen fest im Sattel zu sitzen. Der 56-Jährige selbst hat sich nach der Abstimmungsniederlage allerdings noch nicht zu Wort gemeldet.

Von Wolf von Dewitz und Michael Schilling, dpa-afx

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