Sonntag, 15. September 2019

Glyphosat-Urteil schockt Investoren Schlappe für Bayer im US-Prozess

Bayer steht wegen der Übernahme des US-Saatgutherstellers Monsanto schon lange in der Kritik. Nun erweist sich die Übernahme angesichts zahlreicher US-Klagen auf Schadenersatz als toxisch

Im Glyphosat-Prozess gegen die Bayer-Tochter Monsanto hat ein US-Gericht überraschend das Urteil gegen den Herbizid-Hersteller bestätigt. Vor knapp zwei Wochen hatte Richterin Suzanne Bolanos noch signalisiert, den Fall im Sinne von Monsanto ganz neu aufrollen zu lassen. Doch jetzt bekräftigte sie eine Gerichtsentscheidung vom August, wonach Monsanto-Mittel wie Roundup verantwortlich für den Krebs des Klägers seien.

Zwar hat Richterin Bolanos die Strafsumme deutlich reduziert. Entscheidend ist jedoch, dass das Gericht Monsanto weiterhin als verantwortlich für den Krebstod des Klägers ansieht. Nun dürften weitere Klagen in den USA gegen die Bayer-Tochter folgen - und die Übernahme von Monsanto könnte sich für den Dax-Konzern Bayer als toxisch erweisen.

Rund 8700 weitere Klagen sind in den USA anhängig.Die Aktie von Bayer brach am Dienstag zeitweise um 10 Prozent an und markierte mit 69,60 Euro das tiefste Niveau seit mehr als 6 Jahren.

Bayer kündigt Berufung an

Monsanto weist die Vorwürfe zurück. Bayer Börsen-Chart zeigen betonte unterdessen, Glyphosat sei sicher - und kündigte Berufung an. Die verringerte Strafsumme beträgt 78 Millionen Dollar - doch das ist für den Konzern wie für seine Investoren derzeit zweitrangig.


Bayer-Chef Werner Baumann: Die Höllenjahre des Bayer-Chefs


Glyphosat zählt zu den am meisten eingesetzten Unkrautvernichtern in der Landwirtschaft. Pünktlich nach der Übernahme von Monsanto durch einen deutschen Konzern gab es nun erstmals einen Prozess in den USA, der sich mit der Frage befasste, ob der Wirkstoff Krebs verursachen kann.

Die Geschworenen des Gerichts in San Francisco hatten Monsanto in ihrem Urteil vom August noch zu einer Strafzahlung von insgesamt 289 Millionen Dollar verurteilt: 250 Millionen Schadenersatz und 39 Millionen Entschädigung. Vor knapp zwei Wochen gab Richterin Bolanos aber vorläufig dem Antrag des US-Saatgutriesen statt, den Fall neu zu verhandeln.

Daraufhin drängten mindestens fünf der Geschworenen Bolanos schriftlich dazu, das Urteil doch zu bestätigen. Das tat die Richterin nun, schlug aber eine Senkung des Schadenersatzanteils auf ebenfalls 39 Millionen vor. Damit müsste Monsanto insgesamt 78 Millionen zahlen, wenn die Klägeranwälte dem Vorschlag zustimmen.

Platzwart einer Schule hatte gegen Monsanto geklagt

Geklagt hatte Dewayne Johnson, der unheilbar an Lymphdrüsenkrebs erkrankt ist. Als Platzwart einer Schule hatte der Mann jahrelang mit Monsanto-Mitteln hantiert und führt seinen Krebs auf den umstrittenen Wirkstoff Glyphosat zurück. Der Monsanto-Konzern, den Bayer dieses Jahr für mehr als 60 Milliarden Dollar gekauft hatte, bestreitet einen Zusammenhang.

Bayer selbst führt Hunderte Studien an, die Glyphosat bei sachgerechtem Einsatz für sicher erklärt hatten. Die WHO hatte die Chemikalie allerdings 2015 als "wahrscheinlich krebserregend für den Menschen" eingestuft. Der Kläger zog 2016 vor Gericht, sein Fall wurde wegen der Schwere seiner Erkrankung vorgezogen.

Muss Bayer bis vor das oberste Gericht der USA ziehen?

Bayer bezeichnet die Senkung des Schadenersatzes als "einen Schritt in die richtige Richtung". Der Konzern sei allerdings weiter davon überzeugt, dass das Urteil im Widerspruch zu den im Prozess vorgelegten Beweisen stehe. Bayer plane daher, gegen das Urteil Berufung einzulegen. Der Konzern führt wissenschaftliche Erkenntnisse, jahrzehntelange Erfahrungen sowie Einschätzungen von Regulierungsbehörden weltweit zugunsten von Glyphosat an.

Für Analysten und Anleger stand der Aspekt im Mittelpunkt, dass der Fall doch nicht neu aufgerollt wird. "Die Richterin hatte mit dem Gedanken gespielt, die Schadenersatzansprüche ganz fallenzulassen", schrieben Experten des Wertpapierhändlers alpha. Mit der großen Zahl ähnlicher Klagen birgt Jefferies-Analysten zufolge auch die reduzierte Schadenersatzsumme für Bayer erhebliche Risiken. Es sei keine Überraschung, dass eine Berufung geplant sei. Doch nach seiner Einschätzung könnte der Fall bis vor das Oberste US-Gericht gehen und damit jahrelange Unsicherheit bedeuten.

Künast: "Kauf von Monsanto war eine klare Fehlentscheidung"

"Der Kauf von Monsanto war eine klare Fehlentscheidung", teilte die Grünen-Politikerin Renate Künast mit. Das bekomme Bayer jetzt "auf die harte Tour" zu spüren. Statt auf Warnungen zu hören, mache sich der Dax-Konzern das "giftige System-Monsanto" zu eigen: Zum Schaden der Bauern, der Verbraucher und jetzt auch der eigenen Aktionäre. Auch wenn die Strafzahlung abgemildert wurde, so zeige die erfolgreiche Klage in den USA, dass Monsanto für Bayer finanziell und gesellschaftlich "zu einem Fass ohne Boden" geworden sei.

Ob Monsantos Verkaufsschlager Roundup Krebs verursacht, bleibt jedoch umstritten. Die Internationale Krebsforschungsagentur der Weltgesundheitsorganisation (WHO) stufte den Unkrautvernichter 2015 als "wahrscheinlich krebserregend" für Menschen ein. Monsanto und Bayer weisen dies vehement zurück und verweisen auf "mehr als 800 wissenschaftliche Studien, die US-Umweltbehörde EPA, die Nationalen Gesundheitsinstitute und Aufseher weltweit", die den Unternehmen zufolge besagen, dass Glyphosat keine Krebsrisiken birgt.

rei mit reuters und dpa

© manager magazin 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung