Samstag, 24. August 2019

US-Hedgefonds steigt bei Bayer ein Paul Singer macht Druck, Bayer steigt zweistellig

Von Argentinien bis Bayer: Die Opfer des Paul Elliott Singer
picture alliance / dpa

Der amerikanische Hedgefonds-Investor Paul Elliott Singer hat schon manchen Top-Manager vor sich hergetrieben. Sein Einstieg bei Bayer sorgt für eine Kursrally: Sollte Bayer sein Glyphosat-Problem nicht rasch in den Griff bekommen, könnte Elliott auf eine Zerschlagung des Konzerns hinarbeiten.

Alptraum Monsanto: Etwa die Hälfte seines Börsenwerts hat der Chemie- und Pharmariese Bayer Börsen-Chart zeigen seit der Übernahme des US-Agrarkonzerns Monsanto verloren. Da Bayer-Chef Werner Baumann die Rechtsrisiken des Monsanto-Bestsellers Glyphosat dramatisch unterschätzt hat, gehen die Forderungen findiger US-Klägeranwälte in zweistellige Milliardenhöhen. Obwohl sich Bayer durch die Übernahme von Monsanto eigentlich vor einer feindlichen Übernahme samt anschließender Zerschlagung schützen wollte, rechnen einige Branchenbeobachter genau dieses Szenario inzwischen durch: Der dramatisch gesunkene Börsenwerts von Bayer Börsen-Chart zeigen ruft Finanzinvestoren auf den Plan.

Attacke auf Bayer: Wie Investoren Manager vor sich her treiben

In dieser Situation verschafft sich Paul Elliott Singer nach seinem Einstieg bei Bayer laut Gehör. Der Gründer des US-Hedgefonds Elliott gilt als Schreck für Konzernchefs - doch einige Aktionäre haben offenbar den Eindruck, dass es Zeit ist, die Bayer-Führung durchzurütteln und ihr Beine zu machen. Um rund 10 Prozent legte die Bayer-Aktie am Donnerstag auf Xetra zu - ein Kurssprung in dieser Höhe ist selbst für die schwer gebeutelte Bayer-Aktie ungewöhnlich.

Noch gibt sich Elliott freundlich-zurückhaltend. Der US-Hedgefonds erwähnt lobend, dass das Bayer-Management nun einen eigenen Ausschuss im Aufsichtsrat ins Leben gerufen hat, um das Glyphosat-Thema in den Griff zu bekommen. "Der Aufsichtsrat sieht die negativen Auswirkungen, die von der Unsicherheit im Zusammenhang mit den Gerichtsverfahren auf den Aktienkurs und die Wahrnehmung der Stakeholder ausgehen, und wird das Unternehmen dabei unterstützen, den Themenkomplex entschlossen und mit Umsicht voranzubringen", hatte Bayer am Mittwochabend nach einer Sitzung des Aufsichtsrats mit. Mehrere Mitglieder des Ausschusses haben nach Angaben von Bayer "umfassende Erfahrung mit komplexen Gerichtsverfahren."

Bayer-Chef Werner Baumann war auf der Hauptversammlung Ende April als erster amtierender Vorstandschef eines Dax-Konzerns von den Aktionären nicht entlastet worden. Glyphosat steht unter Verdacht, Krebs zu erregen. In den USA sieht sich Bayer deshalb mit etwa 13.400 Klägern konfrontiert. Einem Insider zufolge scheint Bayer seinen Ansatz für Rechtsstreitigkeiten geändert zu haben. Anstelle des Versuchs, sich durchsetzen zu wollen und dafür auch bis zum Schluss zu kämpfen, gehe es nun um die schnellere Suche nach einem Vergleich, um Investoren und Mitarbeiter zu beruhigen.

US-Hedgefonds hält knapp drei Prozent an Bayer - und macht Druck

In dieser Situation wagt sich Elliott öffentlichkeitswirksam aus der Deckung. Reuters hatte Ende 2018 von Insidern erfahren, dass der Fonds des US-Investors Paul Singer mit unter drei Prozent bei Bayer eingestiegen ist. Zu seinen Plänen hielt sich Elliott bislang bedeckt. Nun erklärte Elliott, man begrüße die geplanten Schritte und sei zuversichtlich, "dass die heutige Erklärung einen grundlegenden Wechsel in Bayers bisherigem Ansatz zur Bewältigung der rechtlichen Herausforderungen" darstelle.

Daraus ergäben sich Chancen für einen "zeitnahen Vergleich mit begrenztem finanziellen Aufwand". Denn die Prozessstrategie von Bayer brauche eine grundlegende Überarbeitung. Experten rechnen bereits seit längerem mit einem Vergleich. Er dürfte zwar Milliarden kosten, Bayer könnte damit aber praktisch alle Glyphosat-Klagen auf einmal vom Tisch räumen.

Von Elliott beratene Fonds halten nach Angaben des Investors Aktien und wirtschaftlich äquivalente Instrumente an Bayer in einem Gesamtwert von 1,1 Milliarden Euro. Einem Insider zufolge beläuft sich der Anteil an Bayer auf 2,1 Prozent. Elliott erklärte, dass zwar die Lösung der Herausforderungen in den Rechtsstreitigkeiten zunächst Priorität habe.

Geht es nur um Glyphosat - oder um die Zerschlagung des Bayer-Konzerns?

Bayer könne aber mehr für die langfristige Wertschöpfung zum Vorteil aller Stakeholder machen, so der US-Hedgefons. "Elliott ist der Ansicht, dass der aktuell niedrige Aktienkurs von Bayer den signifikanten Wert der einzelnen Geschäftseinheiten bzw. die bestehende Wertschaffungsmöglichkeit von mehr als 30 Milliarden Euro nicht widerspiegelt", hieß es. Zu sofortigen, tiefgreifenden strukturellen Veränderungen will Elliott Bayer einem Insider zufolge nicht drängen - doch das Wort "Zerschlagung" ist mit diesen Äußerungen bereits in den Köpfen der Anleger.

Der 20-köpfige Aufsichtsrat beschloss auch konkrete Maßnahmen zum Umgang mit den aktuellen rechtlichen Prozess- und Mediationsaktivitäten. Was genau geplant ist, ließ Bayer aber offen. Zusätzliche Expertise holt sich der Konzern mit dem US-Anwalt John Beisner von der Kanzlei Skadden ins Haus, der den Aufsichtsrat zum Rechtskomplex Glyphosat beraten soll. Beisner, der ein Experte für Produkthaftungsklagen ist und etwa für den US-Pharmakonzern Merck & Co beim Skandal um das Schmerzmittel Vioxx arbeitete, soll an den Sitzungen des neuen Ausschusses teilnehmen.

Der Ausschuss wird von Aufsichtsratschef Werner Wenning geleitet, der Bayer als Vorstandschef durch die Krise und Klagewelle wegen des Cholesterinsenkers Lipobay geführt hatte. Er wird je zur Hälfte mit Mitgliedern von der Arbeitgeber- als auch Arbeitnehmerseite besetzt. Dazu gehören unter anderem neben Betriebsratschef Oliver Zühlke auch Aufsichtsratsmitglied Paul Achleitner. Er ist als Aufsichtsratschef bei der Deutschen Bank Ärger gewohnt.

Wenning betonte, Bayer komme auch bei der von Investoren gewünschten weiteren Stärkung der Aufsichtsratsexpertise insbesondere im Bereich Landwirtschaft und Ernährung gut voran. "Wir sind mit hervorragenden und sehr angesehenen Kandidatinnen und Kandidaten im Gespräch." Aktuell sei das Gremium aber sehr gut aufgestellt, um den Herausforderungen für Bayer zu begegnen. Ein Bayer-Sprecher wollte sich nicht äußern, ob kurz- bis mittelfristig Veränderungen im Aufsichtsrat geplant sind.

Bayer hat schon drei Gerichtsprozesse verloren, in denen es um angebliche Krebsgefahr von Glyphosat-Produkten der US-Tochter Monsanto geht. Der Konzern ist mit rund 13.400 weiteren Klägern konfrontiert.

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