Dienstag, 2. Juni 2020

Vier Sofortmaßnahmen zum Neustart So gelingt das Comeback der deutschen Autoindustrie

VW-Neuwagen in Zwickau: Die strengen CO2-Ziele dürfte die großen Autobauer Milliarden kosten. Die EU sollte drohende Strafzahlungen zunächst aussetzen

Rund 800.000 Menschen arbeiten in der deutschen Automobilindustrie, sie ist der wichtigste Industriezweig in diesem Land. Zu ihm gehören wertvolle Marken wie Audi, BMW, Mercedes und Porsche, der Volkswagen-Konzern ist der weltgrößte Hersteller von Fahrzeugen. Für die deutsche Wirtschaft ist es essenziell, dass diese wichtige Branche nach dem Lockdown aufgrund der Corona-Pandemie möglichst schnell wieder hochfährt. Doch wie kann das gehen? Können wir wieder zur alten "Normalität" zurückkehren? Welche Maßnahmen sind von Seiten der Politik und der Unternehmen erforderlich?

Stefan Randak
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    Stefan Randak ist Direktor und Leiter der Praxisgruppe Automotive beim Interim-Management-Anbieter Atreus in München.

Wenn wir jetzt vier entscheidende Sofortmaßnahmen einleiten, kann der Neustart gelingen:

1. Einführung einer Innovationsprämie

Die Analysten von Bain & Company sehen bereits bei einem "Short Set-back", also einem Szenario von zwei bis vier Wochen Lockdown mit einer anschließenden zügigen Lockerung der Maßnahmen und einer daraus folgenden zeitnahen Erholung, einen weltweiten Rückgang des Pkw-Absatzes von 17 Prozent. Das entspräche einem Gewinneinbruch der globalen Autoindustrie von 35 bis 45 Prozent. An diesem Punkt sind wir schon jetzt. Eine weitaus dramatischere Entwicklung ist denkbar, je nach Verlauf der Pandemie. Stark von Arbeitslosigkeit betroffene, aber wichtige Absatzmärkte könnten Monate oder sogar Jahre brauchen, um ein Konsumverhalten wie 2019 wieder zu erreichen - beispielsweise die USA, der zweitgrößte Absatzmarkt für die Branche.

Insofern ist es nur verständlich, dass sowohl die Automanager als auch die Politik noch vehementer als während der Finanzkrise 2008 eine Innovationsprämie fordern. Die von Politik und Gesellschaft lange verlangten und nun auf den Markt kommenden Hybridmodelle und vollelektrifizierten E-Autos werden sich in der aktuellen Lage aber nicht von selbst verkaufen. Insofern muss eine solche Prämie höher ausfallen und länger gezahlt werden als in der Vergangenheit - und sie muss EU-weit gelten. Selbstverständlich muss parallel die Ladeinfrastruktur ausgebaut werden, und zwar schneller, nachhaltiger und weniger bürokratisch als bisher. Der Absatz dieser innovativen Fahrzeuge wird darüber entscheiden, ob Tausende von Arbeitsplätzen gesichert und die für den Klimaschutz so wichtigen CO2-Ziele in absehbarer Zeit erreicht werden können. Dies ist eine einmalige Chance für Europa und andere wichtige Absatzmärkte, die wir nutzen müssen.

2. Aussetzung der CO2-Strafzahlungen

Die 2018 verabschiedeten strengen CO2-Ziele für 2021 und 2030 führen in der aktuellen Absatzkrise dazu, dass 13 (!) führende Automobilhersteller in Europa die gesetzlichen Vorgaben in diesem Jahr verfehlen werden. Für mindestens vier große Autobauer hätte diese Strafzahlungen zwischen einer und fünf Milliarden Euro zur Folge. Kurzfristige Rabatte oder eine Innovationsprämie für elektrifizierte oder besonders sparsame Autos können das kaum abfedern. Die hohen Gewinne der vergangenen Jahre sollten nicht darüber hinwegtäuschen, dass diesen Erlösen extrem hohe Investitionen in neue Technologien gegenüberstehen, die auch in den kommenden Jahren weiterlaufen müssen. Hinzu kommt, dass auch die Anleger mittels Dividenden jährlich ihr Geld sehen wollen.

Die EU sollte daher die drohenden Strafzahlungen aussetzen, damit die Investitionsmittel in den Unternehmen verbleiben. Das bedeutet ausdrücklich nicht, die gesteckten CO2-Ziele fallen zu lassen. Es geht einzig und allein darum, der von der Corona-Pandemie und der folgenden globalen Rezession hart getroffenen Branche nicht noch zusätzliche milliardenschwere und die Liquidität schwächende Strafen aufzuerlegen. Dies würde zu zusätzlichen Arbeitsplatzverlusten führen, am Ende müssten womöglich Hersteller unter den staatlichen Finanzschutzschirm schlüpfen. Dann müsste letzten Endes der Steuerzahler die Autoindustrie vor den finanziellen Folgen staatlicher Eingriffe retten. Das wäre absurd.

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