Apple, Amazon, FB und Alphabet mit Zahlen Apples Horrorshow - werden Anleger Gewinneinbruch verkraften?

Showdown an der Wall Street: Apple, Alphabet, Amazon und Facebook legen in dieser Woche Zahlen vor. Vor allem Apple steht unter Druck - fallen Umsatz und Gewinn noch stärker als ohnehin befürchtet, könnte dies den Börsenthron kosten. Was droht dem US-Techsektor?
Von Nils Jacobsen
Apple legt am Dienstag Zahlen vor: Der Umsatz bei iPhone, Mac und iPad dürfte zweistellig gefallen sein, und auch China hilft nicht mehr. Kann es einen Börsen-Champion ohne Wachstum geben?

Apple legt am Dienstag Zahlen vor: Der Umsatz bei iPhone, Mac und iPad dürfte zweistellig gefallen sein, und auch China hilft nicht mehr. Kann es einen Börsen-Champion ohne Wachstum geben?

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Es ist ein eigenartiger Augenblick: Am Dienstag nach US-Börsenschluss legt der derzeit noch wertvollste Konzern der Welt, Apple  , Geschäftszahlen für das abgelaufene Quartal vor - und die Erwartungen an den Champion sind in etwa so hoch wie an die albanische Nationalmannschaft vor der Fußball-EM.

Was für einen Unterschied ein Jahr machen kann! Als der Kultkonzern aus Cupertino vor 52 Wochen sein Zahlenwerk vorlegte, reagierte die Wall Street mit einem Kurssturz, der in der Spitze 70 Milliarden Dollar ausradierte - und das, obwohl Tim Cook ein Umsatzplus von 33 Prozent und einen Zuwachs der Gewinne um gar 45 Prozent verkündet hatte.

Diesmal werden Apple-Zahlen erwartet, die nach alter Lesart einer wahren Horrorshow gleichkommen. Beobachter gehen davon aus, dass Umsatz und Gewinn bei Apple zweistellig eingebrochen sind. Legt man die Marktreaktion von vor einem Jahr zugrunde, müsste es Dienstag nach Handelsschluss zu einem Absturz der Apple-Aktie komme: "Es dürfte kaum positive Aspekte in dem Quartal geben", prophezeit UBS-Analyst Steven Milunovich für das zweite Kalenderquartal, das bereits das dritte Quartal von Apples Fiskaljahr ist. Aber: Auch schwache Zahlen können zu steigenden Kursen führen - und zwar dann, wenn Zahlen nicht ganz so schlecht ausfallen wie befürchtet.

Dass sich die Zeiten bei Apple grundlegend geändert haben, darauf weisen schon vor den Quartalszahlen am Dienstag einige Trends hin.

Apples Lebensversicherung fällt aus - bis Ende 2017

1. Die Lebensversicherung iPhone fällt aus

Tatsächlich dürften Apples Geschäfte so krachend einbrechen wie seit 13 Jahren nicht mehr. Nachdem das März-Quartal durch den ersten iPhone-Rückgang in der Geschichte des Techpioniers bereits gehörig verhagelt wurde, deuten alle Indikationen aus der Zuliefererkette nun auf einen freien Fall.

So rechnet der Durchschnitt der befragten Analysten mit Umsätzen von 42,1 Milliarden Dollar (minus 15 Prozent) und einem Gewinn je Aktie von 1,38 Dollar (minus 25 Prozent). Apple selbst hatte Ende April in einem enttäuschenden Ausblick Erlöse zwischen 41 und 43 Milliarden Dollar in Aussicht gestellt, nachdem der wertvollste Konzern der Welt im Vorjahresquartal noch 49,6 Milliarden Dollar erlöst und 10,7 Milliarden Dollar oder 1,85 Dollar je Aktie verdient hatte.

Der Grund für den Einbruch ist schnell gefunden: Neun Jahre nach dem Launch taugt das iPhone nicht mehr zu Apples Lebensversicherung. Das Kultsmartphone bleibt naturgemäß der größte Absatzbringer, doch die Nachfrage zeigt steil nach unten. Mit nur noch rund 40 Millionen verkauften iPhones rechnet der Durchschnitt der befragten Analysten im Dreimonatszeitraum zwischen Anfang April und Ende Juni - das entspricht einem Minus von 16 Prozent.

Hauptverantwortlich für den großen iPhone-Aderlass ist ausgerechnet der mit Abstand wichtigste Wachstumsmarkt, in dem Apple seit Monaten einen schweren Stand hat. So sollen Apples Gesamtabsätze in China im abgelaufenen Quartal abermals um 20 Prozent eingebrochen sein. Erst das iPhone8, das für Ende 2017 erwartet wird, könnte eine Wende bringen.

iPad, Mac, Apple Watch - zweistellige Rückgänge und ein Hoffnungsträger

Eine Hilfe sind die anderen Sparten des Kultkonzerns freilich auch nicht: So rechnen Analysten im ältesten Geschäftsbereich des Techpioniers, der Mac-Unit, ebenfalls mit einem Minus von 9 Prozent - dem dritten Minus-Quartal hintereinander.

Die iPad-Sparte befindet sich bereits das dritte Jahr in Folge im Abwärtsgang: Kaum mehr als 9 Millionen Apple-Tablets dürften im dritten Fiskalquartal über die Ladentheken gegangen sein - das entspricht einem weiteren Minus von 17 Prozent.

Apple Watch bricht ein, Service-Sparte wird zum Hoffnungsträger

Ausgerechnet die gerade erst vor einem Jahr eingeführte neuste Produktkategorie dürfte zwölf Monate später schon wieder total erodieren: Wie der Marktforscher IDC in der vergangenen Woche in der Erhebung des Smartwatch-Marktes im zweiten Quartal herausgefunden haben will, soll Apple nur noch 1,6 Millionen Apple Watches abgesetzt haben - nach 3,6 Millionen Stück im Launchquartal 2015. Das entspräche einem saftigen Minus von 55 Prozent.

Zum einzigen Hoffnungsträger einer durchweg rückläufigen Bilanz könnte sich dagegen die Service-Sparte iTunes aufschwingen, in der Apple die Erlöse seines Musik- und Film-Geschäfts (inklusive des neuen Streaming-Service Apple Music) und der App-Verkäufe bündelt.

Die Erlöse sollen nach Analystenschätzungen von 5 Milliarden im Vorjahresquartal auf nunmehr 6 Milliarden Dollar steigen.

Das Ende des Wachstums - langes Warten auf den iPhone8-Superzyklus

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So düster die Aussichten für das abgelaufene Quartal aussehen, so wenig Besserung scheint in Sicht. Der Ausblick auf das laufende Geschäft könnte lediglich durch einen früheren Verkaufsstart des neuen iPhone 7, das nach neuesten Gerüchten bereits am 16. September auf den Markt kommen soll, aufgehellt werden.

Doch ob das neue iPhone, das identisch wie das jüngste Modell iPhone 6s aussehen und nur marginale Veränderungen aufweisen soll, dazu taugt, das Wachstum im kommenden Geschäftsjahr zurückzubringen, wird von Analysten bezweifelt.

"Das neue Wachstum kommt von Besitzern älterer iPhones"

Erst ein vollkommen runderneuertes iPhone mit bruchsicherem OLED-Display zum zehnjährigen Jubiläum im darauffolgenden September 2017, das iPhone8, werde für einen deutlichen Nachfrageschub sorgen, mutmaßen Analysten.

Timothy Arcuri von der Investmentbank Cowen sieht mit dem iPhone 8 bereits einen "Superzyklus" heraufziehen. "Das neue Wachstum kommt von Besitzern älterer iPhones, die reif für ein Upgrade sind", mutmaßt Arcuri . In anderen Worten: Die Käuferzurückhaltung in diesem und mutmaßlich nächsten Geschäftsjahr könnte sich dann Ende 2017 in wieder steigenden Verkaufszahlen entladen.

Der Börsenthron wackelt - zieht Alphabet erneut vorbei?

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Bis dahin gilt es Aktionäre also bei der Stange zu halten - doch die hatten in den vergangenen zwölf Monaten bekanntlich bereits einiges zu verkraften. Vom Allzeithoch bei 134 Dollar, das Apple im April 2015 aufstellte, befindet sich die Aktie im Rückwärtsgang.

Die Quartalszahlen vor genau einem Jahr leiteten die Zeitenwende ein: Seitdem testet der Techpionier immer neue Tiefs, die auf 52-Wochenbasis bei 89 Dollar liegen. Bei aktuell 98 Dollar liegt Apple seit Jahresbeginn um 7 Prozent im Minus und hat gegenüber den Allzeithochs knapp 250 Milliarden Dollar an Börsenwert eingebüßt.

Erstaunlicherweise konnte sich Apple bis auf drei Handelstage in diesem Jahr, an denen sich Erzrivale Alphabet hauchdünn vor Apple geschoben hatte, trotz der rückläufigen Geschäftsentwicklung bis heute auf dem Börsenthron halten.

Verliert Apple den Börsenthron am Dienstag wieder an Alphabet?

Der Grund dafür liegt nicht zuletzt in der attraktiven Bewertung eines Kurs-Gewinn-Verhältnisses (KGV), das mit 11 deutlich unter dem Marktdurchschnitt des S&P 500 liegt - und Apples notorischen Netto-Barreserven von 150 Milliarden Dollar, die den Unternehmenswert noch attraktiver erscheinen lassen, auch wenn Tim Cook bei Rückführungen des Auslandskapitals einen wohl zweistelligen Milliardenbetrag an den US-Fiskus überwiesen muss.

Bei Laune hält Tim Cook seine Aktionäre im mittlerweile auch schon fünften Jahr als Apple-Chef mit einer steigenden Dividende, die sich inzwischen mit über 2 Prozent rentiert und weiterhin exorbitanten Aktienrückkäufen in Dimensionen von 35 Milliarden Dollar pro Jahr. Behält Cook das Rückkaufprogramm in der aktuellen Größenordnung bei, könnte sich Apple binnen eines Jahrzehnts selbst kaufen.

Doch die Aussicht ist vage. Bei einem Vorsprung von gerade noch drei Prozent beim Börsenwert auf Verfolger Alphabet könnten enttäuschende Quartalszahlen am Dienstag erneut den Börsenthron kosten und Apple  den Titel als wertvollster Konzern der Welt verlieren.

Zerplatzte Träume: Netflix und Tesla als Warnung

Wie schnell es nach Handelsschluss bei Bilanzvorlage nach unten gehen kann, hat vergangene Woche zu Beginn der turnusmäßigen Quartalssaison ein anderer Liebling der US-Technologiebörse erfahren, der immer mal wieder als mögliches Übernahmeziel für Apple gehandelt wird - Streaming-Pionier Netflix.

Der amerikanische Video-Streamingdienst konnte bei den vergangene Woche vorgelegten Quartalszahlen lediglich 1,7 Millionen neue Kunden präsentieren und unterbot damit erstmals seit Jahren wieder die Erwartungen der Wall Street, die mir 2,5 Millionen neuen zahlenden Abonnenten gerechnet hatte.

Netflix' furiose Wachstumsstory erlitt damit einen Dämpfer, der sich in Kursverlusten ausdrückte: Die Aktie des "House of Cards"-Erfinders brach vergangene Woche um 15 Prozent ein und liegt seit Jahresbeginn bereits um 25 Prozent hinten.

Netflix verliert 15 Prozent an einem Handelstag

Ebenfalls mehr Gegenwind erfuhr zuletzt der als "Apple der Autobranche" geltende Börsenliebling Tesla. Konzernchef Elon Musk, der nicht wenige Marktbeobachter immer wieder an den visionären Apple-Gründer Steve Jobs erinnert, präsentierte vergangene Woche seinen lang erwarteten Masterplan für die kommenden Jahre.

Unter anderem mit autonomen Taxis, Elektro-Trucks und Solaranlagen plus Speicher will Musk einen Mobilitäts- und Energiekonzern schmieden. Die Wall Street schickte trotz des hohen verkäuferischen Talents des Tesla-Chefs die Kultaktie wieder nach unten. Seit Jahresbeginn haben Anteilsscheine des Elektroautoherstellers mehr als 7 Prozent an Wert eingebüßt.

Vor den Zahlen: Hohe Erwartungen an IT-Stars Amazon, Alphabet und Facebook

Auf der Sonnenseite der US-Börse befinden sich dagegen die zwei der drei wertvollsten Internetkonzerne der Welt, die auch 2016 ihr beeindruckendes Tempo fortsetzen können - Amazon  und Facebook  . Das weltgrößte Social Network, das erst vergangene Woche den Durchbruch durch die Milliardengrenze bei seiner Kommunikationszentrale Messenger vermelden konnte, sprintete gerade erst bei 122 Dollar auf neue Allzeithochs und liegt seit Jahresbeginn um 15 Prozent im Plus.

Ein Kopf-an-Kopf-Rennen um den Platz des zweitwertvollsten Internetkonzerns liefert sich Facebook mit Web-Pionier Amazon, der Aktionären seit Januar ein Plus von 10 Prozent bescherte. Mit einem Börsenwert von 350 Milliarden Dollar zählen Amazon und Facebook bereits zu den zehn wertvollsten Konzernen der Welt und nehmen damit langfristig Kurs auf den Börsenthron, den zunächst Alphabet trotz eines kleinen Minus von drei Prozent seit Jahresbeginn wegen Apples anhaltender Schwäche im Visier hat.

Hohe Erwartungen an das Internet-Trio, niedrige an Apple

Es wird eine geschäftige Woche für Internet-Aktionäre: Facebook legt am Mittwoch, also einen Tag nach Apple, sein neues Zahlenwerk vor, Amazon und Alphabet ziehen am Donnerstag nach. Im Gegensatz zum hoch gewetteten Internet-Trio, das sich angesichts ambitionierter Bewertungen keinen Fehltritt leisten darf, hat der abgestürzte Branchenprimus Apple  indes einen Vorteil.

"Die Erwartungen sind so niedrig wie nie, seit wir über Apple berichten", schreiben die Analysten Maynard Um, Munjal Shah, and Jason Ng von Wells Fargo. In anderen Worten: Selbst schlechte Quartalszahlen von Apple könnten am Dienstagabend um 22.30 Uhr deutscher Zeit womöglich für ein Kursplus sorgen - 'schlecht' ist nämlich immer noch besser als die befürchtete "Horrorshow." …

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Fortune-Liste der weltweit größten Unternehmen: Nur einer der zehn Giganten kommt aus Deutschland

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