Zeitenwende bei Apple Apples Post-iPhone-Ära beginnt

Wenn Tim Cook am Dienstag nach Handelsschluss das Zahlenwerk für Apples zweites Quartal bekannt gibt, bricht wohl eine Zeitenwende an. Erstmals seit der Einführung 2007 dürften die iPhone-Verkäufe wieder sinken. Dem iKonzern droht ein langer Abstieg.
Von Nils Jacobsen
Apple-Chef Tim Cook: Mehr Software, weniger Hardware

Apple-Chef Tim Cook: Mehr Software, weniger Hardware

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Der Tag X ist gekommen. Am Dienstag, dem 26. April, um 22:30 Uhr deutscher Zeit dürfte mit aller Wahrscheinlichkeit eintreten, wovor sich Apple-Aktionäre seit Jahren fürchten: Das iPhone schrumpft. Nicht nur in der Größe wie zuletzt beim nur noch vier Zoll großen iPhone SE - sondern auch nach Absatzzahlen.

Seit dem Launch im Juni 2007 war es Apple-Gründer Steve Jobs und vor allem seinem Nachfolger Tim Cook immer wieder gelungen, das Wachstum der mit Abstand wichtigsten Konzernsparte weiter auszureizen - sei es mit größeren Modellen (iPhone 5 und 6) oder neuen Vertriebsabschlüssen (Verizon 2011, China Mobile 2013).

Doch irgendwann war jeder wichtige Markt erschlossen und der Innovationsvorsprung aufgebraucht. Wer heute ein Smartphone kauft und dabei keinen größeren Wert auf das Apfel-Symbol legt, bekommt technisch dieselbe Leistung oft schon zum halben Preis von der Konkurrenz aus Fernost in Form von Huawei, Xiaomi oder HTC.

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Apples Meilensteine: Der Weg zur Watch

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Mit dem im vergangenen Herbst gelaunchten iPhone 6s schickte Apple ein kaum verändertes Update seines Kassenschlagers iPhone 6 ins Rennen, der bereits im Weihnachtsquartal kaum mehr die Vorjahresergebnisse toppen konnte. Nun muss Tim Cook erstmals rückläufige iPhone-Verkäufe melden, wie der Apple-Chef bereits auf der Analystenkonferenz Ende Januar eingestand: "Ja, wir glauben, die iPhone-Verkäufe werden im März-Quartal sinken".

Wie groß wird der Einbruch beim iPhone ausfallen?

Die Frage, die die Wall Street seit Monaten beschäftigt, ist nun, wie stark der Aderlass ausfallen wird. Im vergangenen Jahr setzte Apple im ersten Kalenderquartal, das traditionell bereits das zweite im Fiskaljahr des iKonzerns ist, 61 Millionen iPhones ab.

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Fotostrecke: iPhone SE und iPad Air Pro

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Glaubt man Analysten, wird der erste Rückgang der iPhone-Absätze zum regelrechten Einbruch. Nur noch 51 Millionen Einheiten des Kultsmartphones aus Cupertino sollen zwischen Anfang Januar und Ende März abgesetzt worden sein, so die Konsensschätzungen. Das entspräche einem Verkaufsrückgang von 16 Prozent bzw. 10 Millionen Einheiten.

Alles hängt an China

Entschieden werden dürfte das Schicksal des iPhones wieder einmal in China, das längst zum wichtigsten Absatzmarkt für den 40 Jahre alten Techpionier geworden ist. Traditionell begünstigt das chinesische Neujahrsfest im Februar eine steigende Nachfrage im Reich der Mitte.

Für einen Hoffnungsschimmer sorgten die im März veröffentlichten Kundenzahlen des weltgrößten Mobilfunkproviders China Mobile, der iPhones nach siebenjährigen Verhandlungen endlich seit 2014 vertreibt. China Mobile konnte allein im Februar knapp 25 Millionen neue Kunden verbuchen, die sich für das schnelle 4G-Netz entschieden.

Erster natürlicher Profiteur wäre Apple, das über China Mobile die meisten Highend-Smartphones verkauft. Der Marktforscher Kantar  etwa will eine um 38 Prozent höhere Nachfrage im März-Quartal ermittelt haben und rechnet allein mit 18 Millionen verkauften iPhones über China Mobile. Bewahrheitet sich die Statistik, könnte das weltweite iPhone-Minus, das vor allem durch Einbrüche im Heimatmarkt und Europa zustande gekommen sein dürfte, doch noch kleiner ausfallen als erwartet.

Auch iPad- und Mac-Sparte dürften schrumpfen

Schwächelt das iPhone, das im Weihnachtsquartal allein für 68 Prozent von Apples Umsätzen verantwortlich war, fehlen dem Techpionier die Mittel um gegenzusteuern, denn auch die nächstgrößeren Konzernbereiche schrumpfen - allen voran die schwindsüchtige iPad-Sparte.

Das Apple-Tablet befindet sich im rasanten Niedergang: Gerade noch mit 9,2 Millionen verkauften Einheiten rechnet etwa der gut vernetzte Apple-Blogger Neil Cybart, der das Blog "Above Avalon" betreibt. "Das iPad-Geschäft halbiert sich", resümiert Cybart.

iPad-Geschäft seit Jahren unter Druck

Es sieht tatsächlich ganz danach aus: 19,5 Millionen iPads konnte Apple noch vor drei Jahren im März-Quartal absetzen - seitdem zeigt der Trend nach unten. 16,2 Millionen waren es im zweiten Quartal 2014, 12,6 Millionen Einheiten im vergangenen Jahr. Daran, dass Kunden offenbar der Anreiz zur Erneuerung des Apple-Tablets fehlt, dürfte auch die jüngst eingeführte Pro-Serie inklusive Pencil wenig ändern.

Auch die älteste Konzernsparte ist seit dem Weihnachtsquartal keine Hilfe mehr: Die über Jahre so solide performende Mac-Sparte schrumpft. Im März-Quartal rechnen Analysten mit keiner Besserung: 4,6 Millionen Macs sollen nach 4,7 Millionen Einheiten im Vorjahr abgesetzt werden.

Apple Watch unter schwerem Flop-Verdacht

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Flucht aus Apple: Diese Investoren haben Apple-Aktien verkauft

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Und dann ist da noch das jüngste Produkt in der Apple-Historie, von dem zuletzt immer weniger zu hören war - die Apple Watch. Die Smartwatch aus Cupertino, die im September 2014 mit maximalem Medientamtam eingeführt wurde, ist bislang weit hinter ihren turmhohen Erwartungen zurückgeblieben.

Tatsächlich hüllt sich Apple-Chef Tim Cook weiter in verdächtiges Schweigen: Die Apple Watch wird, höchst untypisch, in dem Konzernbereich "Andere Produkte" versteckt - zusammen mit dem eingestaubten MP3-Player iPod, der Set-Top-Box Apple TV, den zugekauften Beats-Kopfhörern und Accessoires wie Ladekabeln.

Top-Analyst sagt für 2016 Apple Watch-Einbruch um 30 Prozent voraus

Der Grund dafür ist schnell gefunden, auch wenn Apple wieder beharrlich die

Absatzzahlen verschweigt: Die Apple Watch verkauft sich einfach nicht so wie andere Apple-Bestseller. Nach Erhebungen des Marktforschers IDC setzte Apple in den bisherigen ersten drei Verkaufsquartalen 3,6 Millionen, 3,9 Millionen und 4,1 Millionen Einheiten ab.

Glaubt man Apple-Experten, war's das schon wieder mit dem Wachstum der Apple Uhr. Der langjährige Fortune-Reporter Philip Elmer-DeWitt hat in seinem Blog Apple 3.0  als Durchschnittsschätzung unter Analysten im März-Quartal lediglich 2,8 Millionen abgesetzte Einheiten ermittelt.

Geht es nach dem vermeintlich treffsichersten Apple-Analysten der Welt, ist die Schwächephase nach dem Weihnachtsquartal indes keine Ausnahmeerscheinung, sondern der neue Trend für 2016: Ming-Chi Kuo von KGI Securities sagt für das laufende Jahr lediglich 11 Millionen Einheiten - und damit bereits einen Absatzeinbruch von 30 Prozent voraus.

iTunes als Hoffnungsträger - Apples Wandel vom Hardware- zum Software-Unternehmen

So weit, so schlecht. Doch es gibt tatsächlich noch einen Konzernbereich in Cupertino, der wächst - die unter iTunes gebündelte Servicesparte, die die Erlöse aus der Entertainment-Plattform iTunes, dem App Store und dem Streaming-Dienst Apple Music zusammenfasst.

In der Tat versucht Tim Cook die Narrative zuletzt immer mehr in diese Richtung zu bringen - weg von der Hardware-, hin zum Software-Unternehmen. Der Schwenk ist verständlich, bewertet die Wall Street doch Software- und Internet-Unternehmen wie Google  , Facebook  und selbst den Erzrivalen Microsoft  mit deutlichen Premiumaufschlägen.

Glaubt man der Investmentbank Piper Jaffray, ist Apples iTunes-Sparte, die im vergangenen Quartal immerhin schon 6 Milliarden Dollar umsetzte und dabei um 26 Prozent wuchs, weitaus mehr wert als die Börse es aktuell einpreist.

Piper Jaffray hält Servicesparte für mindestens 139 Milliarden Dollar wert

Auf den enormen Börsenwert von 260 Milliarden Dollar kommt Apple-Analyst Gene Munster für die iTunes Division, wenn sie denn als eigenständiges Unternehmen an der Börse gehandelt und mit derselben Multiple wie Alphabet bewertet werden würde. Selbst im Falle einer konservativen Bewertung auf Basis eines KGVs von 10 kommt Munster auf einen Wert von allein 139 Milliarden Dollar für die aktuell noch viertgrößte Konzernsparte, die in den kommenden Quartalen zur neuen Nummer zwei in der Bilanz aufsteigen könnte.

"Apples aktuelle Bewertung spiegelt den Wert, der durch das Service-Geschäft geschaffen wird, nicht hinreichend wider. Wir glauben, dass die Aufmerksamkeit dieses Bereiches in den nächsten Quartalen wachsen wird, wenn Apple mehr Details dieses Segments preisgibt", erklärte Munster vergangenen Woche in einer Researchnote.

Bleibt nur ein Vorbehalt: Apple  hat sich bis heute nicht gerade in erster Linie durch seine Software-Lösungen hervorgetan. Tatsächlich sind Online-Dienste wie iCloud und Apple Music für ihre mangelnde Benutzerfreundlichkeit immer wieder in die Kritik geraten.

Das Quartal der zweistelligen Einbrüche - Aktionäre gehen in Deckung

Unterm Strich wird das erhoffte iTunes-Wachstum die März-Bilanz allerdings kaum retten können. Apple selbst stimmt mit düsterem Ausblick Ende Januar auf Umsätze zwischen 50 und 53 Milliarden Dollar ein - im vergangenen Jahr erlöste Apple noch 58 Milliarden Dollar.

Selbst am oberen Ende der eigenen Schätzungen würde damit noch ein Umsatzeinbruch von 10 Prozent zu Buche schlagen. In diesen Dimensionen liegen auch die Konsensschätzungen der befragten Analysten, die von Umsätzen in Höhe von 52 Milliarden Dollar ausgehen. Noch skeptischer ist die Wall Street bei der Gewinnentwicklung: Um 14 Prozent auf exakt 2,00 Dollar je Aktie sieht die Analysenzunft den Gewinn je Aktie einbrechen.

Apple-Aktie seit einem Jahr unter Druck

Die Wall Street hat in den vergangenen Monaten bereits damit begonnen, den Rückwärtsgang im Geschäftsjahr 2016 einzupreisen. Entsprechend notiert die Apple-Aktie bei 105 Dollar auch satte 23 Prozent unter den Allzeithochs, die die Anteilsscheine vor genau einem Jahr nach Bekanntgabe der Quartalszahlen aufgestellt hatten - allein in der vergangenen Woche schickten Anleger die Apple-Aktie aus Sorge vor den neuen Quartalszahlen nochmals um 4 Prozent nach unten.

Schnelle Besserung scheint nicht in Sicht. Auch die nächsten zwei Quartale dürften im Zeichen fallender Umsätze und Gewinne stehen, da sich Kunden vor dem iPhone 7-Launch im Herbst zurückhalten dürften. Doch selbst das iPhone 7 ist kein Selbstläufer, soll es nach übereinstimmenden Medienberichten doch erneut den aktuellen Modellen in 4,7 und 5,5 Zoll ähneln und erneut nur marginale Änderungen (Verzicht auf Klinken-Kopfhöreranschluss) aufweisen.

Warten auf das große Upgrade - und auf ein bruchsicheres Display

Das eigentliche große Upgrade wird erst im Herbst 2017 erwartet, wenn Apple die S- Generation überspringen und direkt das iPhone 8 herausbringen könnte, das Gerüchten zufolge eine große Designüberholung mit bruchsicherem OLED-Display aufweisen dürfte.

Bleibt die Frage, ob sich Anleger so lange gedulden können oder die Apple-Aktie, die im Januar nach den Quartalszahlen das Jahrestief bei 92 Dollar testete, erneut in Richtung zweistelliger Kurse schicken. Um seine Aktionäre bei Laune zu halten, dürfte Tim Cook bei der turnusmäßigen Überprüfung der Kapital-Rückführungsmaßnahmen ein weiteres Mal tief in die prall gefüllten Geldspeicher greifen, in denen nach Abzug von Verbindlichkeiten rund 150 Milliarden Dollar ruhen.

50 Milliarden Dollar für Aktienrückkäufe und Dividenden

Entsprechend rechnet die Wall Street mit einer Anhebung der Dividende um weitere 10 Prozent auf 0,57 Dollar pro Quartal und mindestens einer Bewilligung von weiteren 35 bis 40 Milliarden Dollar für Aktienrückkäufe. (In den vergangenen vier Quartalen wendete Apple 37 Milliarden Dollar auf). Zusammengenommen könnte Apple sein Kapitalrückführungsprogramm damit mit weiteren 50 Milliarden Dollar auf 250 Milliarden Dollar bis Anfang 2018 ausweiten.

So ist es eigentlich wie immer vor Apple-Quartalszahlen: Es gibt gute Argumente für oder gegen die Aktie. Noch kurzfristig auf eine Börsenreaktion sollte man besser nicht beim iKonzern wetten, findet Börsenlegende James Cramer (TheStreet, CNBC): "Halten Sie Apple-Aktien, aber traden Sie sie nicht."

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