Dienstag, 18. Juni 2019

"It's show time" Videos, Nachrichten, Kreditkarte, Spiele - wo Apple künftig Geld verdienen will

 "It's show time" : Apple-Chef Tim Cook weilte vor zwei Tagen noch in Peking und will Montagabend neue Erlösmodelle des iPhone-Konzerns vorstellen
Ng Han Guan/AFP
"It's show time" : Apple-Chef Tim Cook weilte vor zwei Tagen noch in Peking und will Montagabend neue Erlösmodelle des iPhone-Konzerns vorstellen

Apple will und muss wegen sinkender iPhone-Verkäufe neue Erlösquellen finden: Video-Streaming etwa, ein ebenso kostenpflichtiges News- und Spieleangebot. Auch eine gemeinsame Kreditkarte mit Goldman Sachs könnte es sein. Apple dürfte seine Rolle dabei künftig eher als Dienstleister und Vertriebsplattform denn als Produzent sehen - vorerst jedenfalls.

Showtime bei Apple: Die Gerüchte über einen eigenen Video-Streamingdienst des Technologie-Konzerns kursieren schon länger - am Montagabend hiesiger Zeit will Konzernchef Tim Cook den Schleier lüften. In diesem Kontext könnte er auch neue Abo-Angebote vorstellen. Zwar verdient Apple sein Geld vor allem noch mit dem Verkauf von iPhones, das für gut 60 Prozent der Gesamterlöse steht. Doch die Smartphone-Verkäufe rutschten zuletzt empfindlich ab. Apple will und muss verstärkt neue Erlösquellen erschließen, sich neu als Dienstleistungskonzern erfinden.

"Dies ist ein entscheidender Wandel für Apple und aus unserer Sicht der größte strategische Schritt, seit das iPhone 2007 vorgestellt wurde", zitiert Bloomberg Dan Ives, Analyst bei Wedbush Securities. "Cook und Apple stehen unter massivem Druck, ihre Dienste bereitzustellen." Streaming-Inhalte sollten angesichts der notwendigen strategischen Neuausrichtung der Dreh- und Angelpunkt des Wachstums sein.


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Vor rund zwei Jahren engagierte Apple zwei Top-Manager der Sony-Fernsehstudios, unter deren Aufsicht dort Hits wie "Breaking Bad" produziert wurden. Das aufsehenerregendste der bislang bekannten Projekte ist eine Serie über eine Rivalität im Frühstücksfernsehen mit Hollywood-Prominenz wie Reese Witherspoon und Jennifer Aniston. Apple zahlt ihnen nach Informationen der "Washington Post" 1,1 Millionen Dollar pro Folge - Portokasse für einen Konzern, der zuletzt noch mehr als 200 Milliarden Dollar an Barreserven verzeichnete.

Bis zu zwei Milliarden Dollar will der iPhone-Konzern bis Ende dieses Jahres für eigene Produktionen investiert haben - eine Milliarde Dollar davon in diesem Jahr. Der Wettbewerber Netflix - wenn Apple denn tatsächlich zu ihm aufschließen wollte - gibt mittlerweile einen niedrigen zweistelligen Milliardenbetrag im Jahr dafür aus, berichten US-amerikanische Zeitungen. Aktuell seien es sogar 1,4 Milliarden Dollar pro Monat, sagte jüngst Netflix-Chef Reed Hastings - bei einem Nettogewinn im vergangenen Jahr von ebenfalls 1,4 Milliarden Dollar wohlgemerkt.

Tatsächlich ist noch völlig unklar, wie Apples Geschäftsmodell für die Exklusiv-Produktionen aussehen soll oder wird. Als der Konzern 2007 das iPhone lancierte, betrat er Neuland, konnte mit einem wirklich innovativen Produkt begeistern. Jetzt hat es Apple mit Wettbewerbern wie Netflix, Amazon, Walt Disney, Hulu oder auch AT & T zu tun, die jedes Jahr mindestens 20 Milliarden US-Dollar für Inhalte investieren. Wollte Apple hier tatsächlich Fuß fassen, müsste der Konzern schon einen Video-Content-Produzenten oder -Anbieter übernehmen, glaubt Analyst Ives.

1,4 Milliarden aktive Apple Geräte sind eine Macht

Andererseits: Mindestens 1,4 Milliarden aktive Apple-Geräte könnten dem Technologiekonzern gegenüber Netflix einen großen Vorteil verschaffen, das Ende vergangenen Jahres 139 Millionen zahlende Mitgliedschaften zählte. So ist der Apple-Videodienst an eine TV-App gebunden, die bereits auf Apple-Geräten vorinstalliert ist. So könnten die Inhalte des Unternehmens in einem großen Schritt Hunderten Millionen potenzieller Nutzern zur Verfügung stehen.

Wenn es Apple klug anstellte, könnte der Tech-Konzern binnen drei bis fünf Jahren auf bis zu 100 Millionen Abos kommen und damit einen Jahresumsatz von bis zu 10 Milliarden Dollar einspielen, rechnete Analyst Ives kürzlich Investoren vor.

Apple vorerst als Plattform für andere Video-Angebote?

"Apples Fokus wird - zumindest vorerst - darauf liegen, anderen beim Verkauf ihrer Videostreaming-Abos zu helfen und einen Umsatzanteil davon zu bekommen", schrieb wiederum der gut vernetzte Medienreporter Peter Kafka beim Technologieblog "Recode". Anstatt kostspieliger eigener Produktionen könnte Apple künftig gebündelte Pakete von Abos - zum Beispiel der Bezahlsender HBO, Showtime und Starz in den USA verkaufen - und das deutlich günstiger als die Einzelangebote.

Doch damit nicht genug: Auch über ein neues Abo-Angebot für Nachrichten wird spekuliert - als gebührenpflichtige Variante/Ergänzung zur bislang kostenlosen App "Apple News". Dafür soll Apple zumindest das "Wall Street Journal" an Bord holen können. Dagegen hätten die "Washington Post" und die "New York Times" nicht mitmachen wollen.

Videos, Nachrichten, Kreditkarte, Spiele - was Apple bringen könnte

Das "Wall Street Journal" hatte wenige Wochen zuvor mit einem Bericht, wonach Apple von Verlagen die Hälfte der Abo-Erlöse einbehalten wolle, für heftige Kritik an dem iPhone-Konzern aus der Medienbranche gesorgt. Bislang kassiert Apple rund 30 Prozent des vereinnahmten Umsatzes als Provision für den Vertrieb von Apps.

Erneut kursieren auch Spekulationen, dass Apple am Abend seine Pläne über eine gemeinsame Kreditkarte mit der US-Investmentbank Goldman Sachs konkretisieren könnte. Laut Bloomberg soll Vorstandschef David Salomon am Montag zumindest mit im Publikum sitzen. Darüber hinaus wird über einen neuen Abo-Dienst von Apple spekuliert, der Zugriff auf diverse kostenpflichtige Spiele gewähren würde.


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Viele Optionen also, die für Apples verstärkte Bemühungen stehen, sich unabhängiger von den iPhone-Erlösen zu machen und statt dessen mit Dienstleistungen zu wachsen. Auch eine Kombination dieser digitalen Dienste in einem Paket ähnlich wie bei Amazon Prime werde diskutiert, heißt es.

Eines ist jedenfalls sicher: Apples Dienstleistungen bringen deutlich höhere Wachstumsraten hervor: Rutschten im vergangenen Quartal die iPhone-Erlöse um 15 Prozent ab, kletterten die mit Dienstleistungen wie Apple Music oder Apple Pay um knapp 20 Prozent. Der Vorteil: Ein iPhone braucht man dafür nicht zwingend für, und die Margen sollen deutlich höher sein als bei klassischen Apple-Produkten.

mit dpa

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