Freitag, 22. November 2019

Anwaltsschwemme Schwere Zeiten für Juristen

US-Anwaltserie "Ally Mc Beal": Nur wenige Juristen landen bei US-Topkanzleien - die Mehrzahl startet im finanziell weit weniger attraktiven freien Anwaltsmarkt
REUTERS/ FOX
US-Anwaltserie "Ally Mc Beal": Nur wenige Juristen landen bei US-Topkanzleien - die Mehrzahl startet im finanziell weit weniger attraktiven freien Anwaltsmarkt

2. Teil: "Juristenausbildung geht an heutigen Bedürfnissen vorbei"

Die Verrechtlichung der Welt schreite fort, und damit auch der Bedarf nach qualifiziertem Rechtsrat, meint Wenzler. Beispiel Kartellrecht: Bundeskartellamt und Europäische Kommission ermitteln seit einiger Zeit deutlich härter gegen verbotene Preisabsprachen und Marktmanipulationen. Unternehmen müssen sich wappnen - im Tagesgeschäft und im Streitfall vor Gericht. Alle großen Anwaltsfirmen haben ihre Kartellrechts- und Prozeßführungs-Truppen ("Litigation") verstärkt.

Beispiel Standardisierung: Vertragsbeziehungen von Unternehmen werden immer komplexer. Unternehmenskäufe, die früher auf wenigen Dutzend Seiten festgehalten wurden, werden heute in armdicken Wälzern dokumentiert. Oft auf Wunsch der Banken, aber auch, um die handelnden Manager rechtlich abzusichern. Viel Arbeit für Juristen.

Beispiel Mittelstand: In den nächsten Jahren steht in Hunderten von Familienunternehmen in Deutschland der Generationswechsel an. Steuerfragen sind zu klären, Erbangelegenheiten zu regeln und Vermögen gesellschaftsrechtlich neu zu strukturieren. Alles Jobs für Anwälte.

Profitieren von diesen guten Erwerbsaussichten werden allerdings nur Juristen, die sich auf die Bedürfnisse ihrer künftigen Mandanten gut vorbereiten - am besten schon zu Studienzeiten.

Vorbeugende Beratung gefragt

Hier ist Bucerius-Mann Wenzler in seinem Element: "An deutschen Universitäten werden Jurastudenten nach der mehr als 100 Jahre alten Juristenausbildungsordnung unterrichtet. Das geht an den Bedürfnissen der heutigen Zeit vorbei."

Immer noch üben die Studenten vor allem Falllösung im Gutachtenstil. Das schärft den Sinn für die Anwendung von Normen und hilft im Richterberuf, in dem es um Entscheidung von Streitigkeiten entlang klarer gesetzlicher Vorgaben geht. Doch in der anwaltlichen Wirklichkeit kommt der Mandant, jedenfalls wenn er aus der Wirtschaft stammt, meist mit anderen Problemen: Er will vorbeugend beraten werden, will Streit gar nicht erst entstehen lassen.

Da ist Rechtsgestaltung gefragt, und die lernen Studenten im traditionellen Jurastudium eben üblicherweise nicht, sagt Wenzler. An der Bucerius Law School hingegen wird in Seminaren auch mal dazu aufgefordert, die Allgemeinen Geschäftsbedingungen für einen Internetshop zu entwerfen.

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