Montag, 21. Oktober 2019

Jeff Bezos, Tim Cook, Christian Lindner, Peter Altmaier Liebe Weckrufer, bitte einfach mal die Klappe halten!

Apple-Chef Tim Cook, Amazon-Chef Jeff Bezos: Lieber ab und zu mal laut sein, als langfristig und verantwortungsbewusst zu handeln
Getty Images; AFP
Apple-Chef Tim Cook, Amazon-Chef Jeff Bezos: Lieber ab und zu mal laut sein, als langfristig und verantwortungsbewusst zu handeln

Jeff Bezos, Peter Altmaier, Christian Lindner: Sie alle schätzen den öffentlichkeitswirksamen "Weckruf" für eine bessere Welt. Wir hätten da eine bessere Idee: Einfach mal was tun.

Es mutet schon absurd an, wenn 200 Unternehmenschefs in den USA einen Weckruf starten und die Abkehr vom Shareholder Value propagieren. Oder wenn die FDP mit einer Studie wachrütteln möchte und fordert: Politik muss digitalen Wandel gestalten. Es ist ein bisschen so, als ob Donald Trump, Boris Johnson und Matteo Salvini in einem Weckruf vor der zunehmenden Spaltung der Gesellschaft warnen.

Während Amazon-Chef Jeff Bezos, einer der Unterzeichner des Konzernlenker-Weckrufs, über die Rolle seines Unternehmens sinniert, schleppt der Subunternehmer seines Subunternehmers gerade für einen Hungerlohn Amazon-Pakete zu den Kunden. Und die FDP hat durch ihr Nein zur Jamaika-Koalition in Sachen Digitalisierung den historischen Moment verstreichen lassen, wirklich etwas zu verändern. Während in Deutschland die 5G-Lizenzen für Milliardenbeträge versteigert wurden, waren Staaten wie Südkorea und selbst die Schweiz bereits dabei, das Hochgeschwindigkeitsnetz kommerziell auszurollen.


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Hätte, hätte, Fahrradkette. Jeff Bezos hätte seine Milliarden seit Jahren im Kampf gegen den digitalen Raubtierkapitalismus einsetzen können. Und die FDP hätte die digitale Transformation auf der Regierungsbank vorantreiben können. Aber man kann natürlich stattdessen auch Weckrufe und Studien veröffentlichen. So als wären Unternehmensführung und Politik Diplomarbeiten an der Universität, wo man sich in hochgeistigen Winkelzügen verfangen kann.

Auch Boris Johnson hat sich beim Brexit nicht wirklich die Hände schmutzig gemacht. Die Arbeit, also das Aushandeln eines Kompromisses mit der EU, überließ er seiner Vorgängerin Theresa May. Er selbst weckrufte lieber aus der zweiten Reihe dazwischen, ohne dabei einen konstruktiven Lösungsansatz zu haben.

Das Zeitalter des Dauer-Weckrufens

Es ist eines der Merkmale der Digitalisierung, dass laute Weckrufe beliebter sind als Handlungen. Verständlich: Wer handelt, ist sofort von allen anderen Weckrufern umgeben, die lautstark fordern, mahnen und kritisieren. Mein Lieblings-Weckrufer ist Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier. Er beherrscht die Kunst des dramatisierten Weckrufs perfekt. Mal mahnt er Deutschland zur Eile, mal kritisiert er, dass Deutschland beim digitalen Wandel mehr tun müsse. Recht hat er. Wie viele Jahre ist der Mann jetzt eigentlich schon Minister?

Der aktuelle Stand der Debatte um Digitalisierung, den ich in meinem neuen Buch "Digitale Gewinner" beschreibe, lässt sich grob so zusammenfassen: Die langjährigen Weckrufe haben Wirkung gezeigt. Zwischen zehn und 20 Prozent aller Unternehmen haben die Botschaft verstanden. Hier gilt es einfach nur, sie machen zu lassen und die notwendigen Rahmenbedingungen dafür zu schaffen. Bitte keine FDP-gesteuerten Studien oder gealtmaierte Warnungen. Sondern Taten.

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Kurz zur Erinnerung: Taten sind das, wo man etwas macht. Also so richtig. Etwas verändert. Keine Klicks in sozialen Medien, keine lauten Presseschlagzeilen, keine kurzfristige öffentliche Erregung. Nein, so richtig was machen. So wie China mit der neuen Seidenstraße.

Während wir um die Wette weckrufen, arbeiten chinesische Investoren daran, den Flughafen Lahr zu kaufen und sich Teile des Jade-Weser-Ports für 99 Jahre zu sichern. Haben Sie von diesen beiden Projekten schon einmal gehört? Eher unwahrscheinlich. Wenn es um die neue Seidenstraße geht, macht China einfach. Ohne Weckrufe. Ohne Appelle.

Warum Weckrufe so gut funktionieren

Warum Weckrufe so wunderbar funktionieren, möchte ich mit einem einfachen Beispiel erklären. Sie haben auf diesen Artikel geklickt, weil wir uns gedacht haben: "Nehmen wir doch einfach mal eine plakative Schlagzeile, dann klickt auch jemand drauf." Die Überschrift hätte natürlich auch lauten können: "Kritik an den Vorstößen der US-Konzernlenker". Doch dann hätten Sie diesen Artikel vermutlich nie gelesen. Also brauchten wir etwas Plakatives. "Klappe halten" war gerade gut genug, um die notwendige Aufmerksamkeit zu erzielen.


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Genauso funktionieren aktuell Wirtschaft und Politik. Laut sein, provozieren, radikale Umbrüche fordern, mahnen und vieles mehr. Alles aus dem Lehrbuch "Trumpen für Anfänger". Eigentlich genauso leicht durchschaubar wie ein Finanzmakler, der jede Anlage als die beste Chance aller Zeiten anpreist - egal, ob es sich um italienische Staatsanleihen, zypriotische Schiffsbeteiligungen oder Immobiliengeschäfte in Kasachstan handelt. Morgen wird garantiert die nächste beste Chance aller Zeiten vorbeilaufen. Je nachdem, was gerade die höchsten Vermittlungsprovisionen ausschüttet. Die Weckrufer sind im Kern leicht zu durchschauen.

Im Gegensatz zu vielen Pessimisten glaube ich nicht, dass die Welt ins Zeitalter des Populismus abdriftet. Klar, in Zeiten der Veränderung haben es Lautsprecher leicht und finden ihr Publikum. Aber irgendwann werden sie liefern müssen.

"Okay, Jeff Bezos, Du hast einen Weckruf gestartet. Und jetzt? Was hast Du getan?"

"Hey, Christian Lindner, Deine historische Chance mit 5G hast Du einfach mal sausen lassen. Aber vielleicht kommt ja noch einmal eine zweite Chance. Dann bitte liefern."

Auch bei Boris Johnson wird irgendwann der Tag kommen, an dem sich berechtigterweise Menschen fragen: "Klappe weit aufgerissen. Und? Was hat es gebracht?"

Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir - trotz aller Entwicklungen wie Filterblasen in sozialen Medien - in den nächsten Jahren in eine neue Phase kommen werden. In der nicht nur ich, sondern die Mehrheit der Menschen sagen wird: "Liebe Weckrufer, bitte einfach mal die Klappe halten!"


Jens-Uwe Meyer ist Mitglied der MeinungsMachervon manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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